Wie Medien über ein "Geisterschiff" stolperten

18. März 2015, 12:05
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Die Affäre um Frontex und die Blue Sky M.

Die kurz vor Neujahr von Presseagenturen verbreitete Meldung stieß bei Medienmachern europaweit auf Interesse: Vor Süditalien, unweit des Hafens von Gallipoli, habe die italienische Küstenwache am 30. Dezember ein führerloses Schiff entdeckt. Die Blue Sky M. habe 768 Migranten und Flüchtlinge an Bord gehabt und sei mit blockiertem Motor auf Kollisionkurs in Richtung Land unterwegs gewesen. In letzter Minute sei es den Einsatzkräften gelungen, einen Aufprall abzuwenden

Am 2. Jänner kommentierte Ewa Moncure, Sprecherin der EU-Grenzschutzagentur Frontex, den "neuen Grad der Grausamkeit" von Schleppern. In "nicht seetüchtigen Geisterschiffen ohne Besatzung" würden Menschen, die für die Überfahrt pro Person bis zu 6700 Euro bezahlt hätten, "ihrem Schicksal überlassen", wurde Moncure zitiert.

Keine Gegenrecherchen

Viele europäische Medien übernahmen das. Dem Thema Geisterschiffe wurde Sendezeit und Platz eingeräumt - auch im Standard. Ob die Informationen zutrafen, wurde nicht gegenrecherchiert: Bei Agenturmeldungen wird dies unter Journalisten vorausgesetzt, erläutert der Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell.

Doch diesmal hatte das Vertrauen zu Unrecht bestanden: Am 18. Februar sendete das NDR-Magazin Zappeinen Beitrag, der den Ruf der Blue Sky M. rehabilitierte. Das Schiff sei keineswegs seeuntüchtig und manövrierunfähig gewesen, die Crew - großteils Seeleute und selber Flüchtlinge - habe das Kommando nicht verlassen, sondern die Küstenwache bei der Bergung sogar unterstützt, wurde berichtet. Als Beleg gab es Interviews mit Passagieren. Als Quelle der ersten Fehlmeldung wurde ein Interview mit einem Marinesprecher bezeichnet.

"Frontex ist mehr Partei"

Eine weitere Gesprächspassage zeigte eine in die Defensive gedrängte Frontex-Sprecherin Moncure: "Was wollen Sie? Unser heutiger Wissensstand ist eben ein anderer als Anfang Jänner", sagte sie. Im Ringen um Deutungshoheit über die Flüchtlingssituation im Mittelmeer sei Frontex "eben mehr Partei als Informationsquelle", meint dazu Hausjell. Gegenrecherche, etwa bei NGOs, sei bei diesem Thema immer angesagt.

Bei Frontex verteidigt man indes Moncures Aussagen. Flüchtlings-" Geisterschiffe" gebe es durchaus, insgesamt habe man im Mittelmeer bisher 15 entdeckt. Moncures Worte am 2. Jänner hätten sich auf die Ezadeen bezogen, die an diesem Tag mit 360 Menschen, die je bis zu 8000 Euro bezahlt hatten, an Bord führerlos im Mittelmeer gefunden worden sei. (Irene Brickner, DER STANDARD, 18.3.2015)

  • Für die Passagiere der Blue Sky M bestand keine Gefahr.
    foto: ap/tortorella

    Für die Passagiere der Blue Sky M bestand keine Gefahr.

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