Schädelkunde: Erfolg kommt mit der richtigen Form des Kopfes

Blog18. März 2015, 05:30
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Manche Weltbilder sind so absurd, dass man gar nicht glauben möchte, dass sie sich noch immer großer Beliebtheit erfreuen - zum Beispiel die Phrenologie

Dummheit verschwindet nicht. Sie verändert sich nur. Wir Menschen tragen die Irrationalität von Anfang an in uns, und das wird wohl auch noch länger so bleiben. Die Astrologie zum Beispiel existiert seit Jahrtausenden, und auch wenn wir schon seit ein paar hundert Jahren ausreichend über das Universum Bescheid wissen um zu erkennen, dass unser Schicksal nicht in den Sternen steht, erfreuen sich Horoskope immer noch großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Seit fast 200 Jahren wissen wir Bescheid, wie man Infektionskrankheiten durch Impfungen verhindern kann und trotzdem gibt es immer noch Menschen, die sich vehement dagegen aussprechen.

In der Vergangenheit sind unzählige irrationale Weltbilder entstanden, und so gut wie alle davon gibt es in der einen oder anderen Form heute noch. Darunter auch manche, die so enorm absurd sind, dass man eigentlich fix damit rechnen würde, dass sie schon längst ausgestorben sein müssten. Wie zum Beispiel die "Schädelkunde" oder "Phrenologie".

Charakter und Schädelform

Die klassische Phrenologie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts vom deutschen Arzt Franz Joseph Gall entwickelt. Er war der Meinung, dass man den Charakter eines Menschen anhand der Form seines Schädels bestimmen könne. Je nachdem, wie stark oder schwach bestimmte Regionen am Kopf einer Person ausgeprägt waren, lasse sich daraus ableiten, welche Fähigkeiten jemand besäße, welche "Triebe" einen kontrollierten und wie groß die geistige Leistungsfähigkeit sei.

Galls Phrenologie stand in einer langen Tradition ähnlich unwissenschaftlicher Annahmen, bei denen aus der äußerlichen Erscheinung eines Menschen auf dessen Charakter geschlossen werden soll. Schon im Altertum probierten Gelehrte wie Aristoteles oder Cicero, Aussehen und Psyche in Einklang zu bringen, und auch in den Jahrhunderten danach war die "Physiognomik" ein Standardelement der diversen okkulten Geheimlehren. Mit echter Wissenschaft hatte das natürlich nichts zu tun; es handelte sich um eine wilde Mischung aus Esoterik, Rassismus und (falschen) Analogien (Wer lockiges Haupthaar wie ein Löwe hat, sei zum Beispiel auch mutig wie ein Löwe).

Von der NS-Rassenkunde zur "Psycho-Physiognomik"

Andere erweiterten klassische esoterische Orakelmethoden und wollten aus Strukturen der Haut auf das zukünftige Schicksal eines Menschen schließen. Darunter zum Beispiel der Italiener Gerolamo Cardano, der als Mathematiker im 16. Jahrhundert zwar die Grundlagen der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung schuf, gleichzeitig aber auch ein System entwickelte, dass die Muttermale und Linien der Haut in Verbindung mit Sternbildern setzte um so astrologische Vorhersagen durchführen zu können.

Aus der jüngeren Vergangenheit ist die Schädelkunde vor allem noch als Teil der nationalsozialistischen Rassenkunde in Erinnerung. Die Form des Kopfes wurde vermessen, um zwischen "höheren" und "niederen" Rassen zu unterscheiden. Dieser Höhepunkt der Menschenverachtung hätte nach dem Ende der Nazi-Herrschaft eigentlich auch zum Ende der Phrenologie führen sollen. Aber weit gefehlt: Unter dem etwas moderner klingenden Namen "Psycho-Physiognomik" existiert sie heute immer noch und erfreut sich besonders in der esoterischen Fortbildungsszene großer Beliebtheit.

Enttäuschte Personalchefs

"Unser Gesicht ist eine topographische Landkarte unserer Persönlichkeit. Die derzeitige Persönlichkeit, sowie vorhandene Potentiale - alles spiegelt sich in unserem Gesicht wider" schreibt zum Beispiel eine Wiener Anbieterin von Psycho-Physiognomik-Seminaren auf ihrer Homepage. Das Versprechen ist natürlich verlockend: Zu lernen, wie man einem Menschen auf den ersten Blick seinen Charakter ansehen kann, wäre durchaus nützlich. Wenn es denn auch funktionieren würde – was es allerdings nicht tut. Trotzdem scheinen viele von dieser Art der "Menschenkenntnis" überzeugt zu sein. Darunter leider nicht nur obskure Esoteriker, sondern auch Personalchefs von Firmen, die sich von der Psycho-Physiognomik tiefere Einblicke in die Fähigkeiten von Bewerbern und Mitarbeitern erhoffen.

"Alle Pseudowissenschaften bieten schnelle Lösungen an und versprechen, dass der Bewerber das Ergebnis nicht manipulieren könne, was ja bei einem Vorstellungsgespräch - wenn auch nur begrenzt - möglich ist. Seinen Schädel oder sein Sternbild kann keiner verfälschen. Das klingt für viele Personaler sehr attraktiv, sie suchen so etwas wie eine geheime Formel, mit der sie Menschen durchschauen können", sagt Uwe Peter Kanning, Autor des Buchs "Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen. Unseriöse Methoden der Psychodiagnostik". Die Suche nach so einer "schnellen Lösung" scheint aber vor allem eine Suche nach dem schnellen Geld der entsprechenden Seminaranbieter zu sein. 310 Euro muss man da zum Beispiel für ein "Grundmodul" zur Psycho-Physiognomik im "Institut Genese" in Wien hinlegen.

"Gehirngerechte Aufbereitung"

Viel günstiger ist dagegen das Angebot des Wirtschaftsförderungsinstituts der Steiermark. Für nur 55 Euro kann man da den Kurs "Wie Sie wirklich jeder Kunde weiterempfiehlt" besuchen. Das WIFI scheint von Christoph Rosenberger, dem Lehrbeauftragten dieser Veranstaltung äußerst begeistert zu sein: "[Er] ist der Gründer von "Rosenberger & Co" sowie des österreichischen Dachverbandes für Physiognomik. Er schafft es nachhaltig, hoch komplexe Themen gehirngerecht und genussvoll aufzubereiten. Das Zuhören, Merken und Lernen erfährt sein Publikum auf spielerische unterhaltsame Weise. Mit der neuen Disziplin "Face Reading" (Physiognomik) in seinem Portfolio rundet sich das Angebot auf wundervolle Weise ab."

Es bleibt zu befürchten, dass das "wundervoll abgerundete Angebot" und das Versprechen, schon allein am Aussehen erkennen zu können, welche Fähigkeiten in einem Mensch stecken, auch weiterhin erfolgreich sein werden. Wenn man das nächste Mal eine Absage bei der Bewerbung für einen Job kriegt, dann könnte das also auch daran liegen, dass dem Personaler die Form des Schädels nicht gefallen hat ... (Florian Freistetter, derStandard.at, 17.3.2015)

  • Ein Schädel aus der Sammlung Joseph Galls.
    foto: standard/newald

    Ein Schädel aus der Sammlung Joseph Galls.

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