Das jahrhundertealte Geschäft mit dem Krieg

21. März 2015, 17:35
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Zeitzeugen-Kriegsberichte tun Historikern nicht immer einen guten Dienst - nämlich dann, wenn Vergessen und Prahlerei Fakten verdrängen

Wien - "Der Zeitzeuge ist der Todfeind des Historikers", lautet eine gängige Floskel unter Geschichtswissenschaftern. Ihre Schilderungen bedrohen schließlich die Autorität des Forschers. Ein "So war es aber nicht!" kann den historischen Befund schnell bröckeln lassen. Jedoch kann man Zeitzeugen nicht uneingeschränkt vertrauen: Im Allgemeinen vergessen, übertreiben und lügen Menschen gerne - insbesondere, wenn es um ihre Beteiligung im Krieg geht. Geschichte hat somit auch immer mit Geschichtenerzählen zu tun. So scheint es angebracht, dass Historiker sich mit jenen zusammensetzen, die sich besonders auskennen, wie man erzählt - die Literaturwissenschafter.

Vergangene Woche kam es am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien in Kooperation mit der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zu einem solchen Treffen. Unter dem Titel "Kriegserfahrungen erzählen" gingen Historiker und Literaturwissenschafter der Frage nach, wie in verschiedenen Epochen Kriegsereignisse faktual und fiktional überliefert wurden.

Neue Perspektiven durch interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Tagungsorganisator, der Mainzer Historiker Jörg Rogge, beschrieb das Anliegen der Forscher: "Bei der Untersuchung von Texten durch Historiker oder Literaturwissenschafter entsteht normalerweise automatisch eine Engführung. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit eröffnen sich aber neue Perspektiven."

Was Rogge dabei besonders interessiert, ist, "wie literarisch geformte Erzählmuster in vermeintlich faktualen Texten vorkommen, aber auch, wie fiktive Texte reale Ereignisse ihrer Entstehungszeit reflektieren". Diese Fragestellung mache es notwendig, "dass wir uns historischen Texten mit narratologischem Werkzeug nähern".

Zu Beginn der Tagung zogen die Forscher in den Hundertjährigen Krieg, jenen langwierigen Konflikt zwischen England und Frankreich von 1337 bis 1453: Der Mediävist Matthias Clauss von der Technischen Universität Chemnitz warf einen prüfenden Blick auf die Schilderungen Jean Froissarts.

Der Krieg als Geschäftswesen

Dieser belgische Chronist legte nicht wie bis dahin üblich als ein Kämpfer nachträglich Zeugnis ab, sondern reiste auf einer Art Recherchereise durch die Kriegsgebiete und befragte zahlreiche Ritter. Jedoch überlieferten die meisten Kämpfer - viele von ihnen Söldner - weniger von der Gewalt im Felde, sondern zeigten den Krieg als Geschäftswesen: Anstatt von Duellen ist vielmehr die Rede von Lösegeldzahlungen und Besoldungen, die buchhalterisch akribisch dargelegt werden.

Der Frieden wurde von den Kämpfern daher auch nicht als angenehme Zeit empfunden, wie Clauss erklärte: "Kampfhandlungen werden weniger als Gewalterfahrungen und mehr als Finanzprobleme dargestellt. Waffenstillstände oder gar Friedenszeiten sind Zeiten der Erwerbslosigkeit, in denen sich die Söldner nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten umsehen müssen."

Der Friede von Brétigny 1360, der den Krieg für neun Jahre beilegte, war für die Söldner daher "die größtanzunehmende Katastrophe". Von daher klingt hier auch nie etwas darüber an, das aus moderner Sicht für den Krieg wesentlich ist: die Traumatisierung der Teilnehmer. Jedoch konnte das, was seinerzeit als Tagesgeschäft galt, kaum als Ausnahmezustand wahrgenommen werden.

Gesprächige Soldaten

Dass sich in mehreren Jahrhunderten in dieser Hinsicht weniger ändert, als man als humanistisch geprägter Zeitgenosse von heute annehmen würde, zeigte sich, als der Zweite Weltkrieg in den Blick genommen wurde. Sönke Neitzel, Zeithistoriker von der London School of Economics, präsentierte seine Auswertung von Protokollen, die in England von Gesprächen abgehörter deutscher Kriegsgefangener angefertigt wurde.

An diesen Protokollen ist vor allem interessant, dass sich die Soldaten unter ihresgleichen über den Krieg weitaus redseliger zeigten, als es die Erfahrung vom "schweigenden Millionenheer" später im Umgang mit den Kriegsheimkehrern zeigte. "Im Gegensatz zu den späteren Erfahrungen in den Familien verstummten die Soldaten angesichts ihrer Erfahrungen in Gefangenschaft nicht", sagte Neitzel. Aber hier sei von keiner reflektierten Aufarbeitung zu lesen: Stattdessen werde geprahlt und übertrieben. Interessant sei, dass vor allem bei den Schilderungen von Judenermordungen die Gesprächspartner nie überrascht reagierten. Keine noch so übertriebene Darstellung wurde angezweifelt. Jedoch standen die eigentlichen Kampfhandlungen und Gewalttaten nicht im Mittelpunkt dieser Gespräche, wie Neitzel ausführte: "Die Gewalt ist hier nur das Hintergrundrauschen des Krieges. Viel wichtiger ist die Sinnstiftung im Bezug auf das eigene Handeln und die soziale Verortung seines Tuns."

Horror als business as usual

Es gehe in diesen Gesprächen somit vielmehr um Beförderungen, Auszeichnungen und die Berufsauffassung als Soldat als darum, was wirklich im Kampf passierte. Der Horror war für diese Menschen business as usual - ähnlich wie im Mittelalter.

Im Bezug auf den Zweiten Weltkrieg wurde auch eines der Beispiele für das fiktionale Erzählen von Kriegshistorie behandelt. Der Wuppertaler Literaturwissenschafter Matías Martínez, Experte für Erzählforschung, unterzog die berüchtigte Groschenromanserie Der Landser einer erhellenden Textanalyse. Diese Heftchen verherrlichten über Jahrzehnte mit der unkritischen Darstellung von Soldatenabenteuern den Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht. Bis 2013 waren diese Bücher in vielen deutschen Trafiken zu finden.

Martínez zeigte auf, mit welchen Strategien die Landser-Hefte das Kriegsgeschehen actionreich, kitschbeladen und verherrlichend inszenierten und gleichzeitig den Eindruck erwecken wollten, authentisch und berichterstattend das Vorgehen der deutschen Armee zu schildern. "Die Niederlage des Zweiten Weltkriegs wird als tragisch-heroische angedeutet, vordergründig geht es aber um David-gegen-Goliath-Geschichten, in denen sich der deutsche Soldat bewährt", sagte Martínez. Diese Hefte wollten weniger Geschichtsschreibung liefern, sondern vielmehr auf spielerische Weise ein Eintauchen in die Geschichte ermöglichen. Damit zeigte sich auf der Tagung einmal mehr: Wer vom Krieg erzählt, ist nicht immer der Verbündete des Historikers. (Johannes Lau, 18.3.2015)

  • Wenn Soldaten vom Krieg berichten, bedienen sie sich mitunter literarisch geformter Erzählmuster. Für Historiker kann es folglich schwierig sein, Fiktion und Fakten auseinanderzuhalten. Im Bild: russische Soldaten vor dem Parlament auf der Wiener Ringstraße im Jahr 1945.
    foto: önb / jewgeni ananjewitsch chaeldej

    Wenn Soldaten vom Krieg berichten, bedienen sie sich mitunter literarisch geformter Erzählmuster. Für Historiker kann es folglich schwierig sein, Fiktion und Fakten auseinanderzuhalten. Im Bild: russische Soldaten vor dem Parlament auf der Wiener Ringstraße im Jahr 1945.

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