Frankreich: Islampartei nimmt sich selbst aus dem Rennen

17. März 2015, 17:23
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Die geplante UDMF-Kandidatur bei der Departementswahl ist gescheitert

Die Union der muslimischen französischen Demokraten (UDMF) ist eine kleine Formation, doch das Echo war gewaltig – und weitgehend negativ –, als sie ihre Kandidatur für die französische Departementswahl ankündigte. Parteichef Nagib Azergui klagte, eine "ungesunde Medienwelle" breche über die Partei herein, und "mannigfaltiger Druck" mache die Förderer abspenstig. Daher könne die Partei nicht mehr in allen geplanten Wahlkreisen antreten.

Schlussendlich bewarb sich die UDMF nur noch in Marseille, das als Eingangstor aus Nordafrika einen hohen Anteil an Immigranten zählt. Damit stand die UDMF nicht allein da: Bei den Departementswahlen treten nur die Großen in allen Wahlkreisen an; selbst der prosperierende rechtsextreme Front National (FN) vermag nicht überall zu kandidieren.

Azergui: Müssen uns "Druck" beugen

Am vergangenen Wochenende zog sich die Islampartei dann ganz aus dem Wahlkampf zurück. Azergui, der für Sonntag in seinem Wahlkreis mit "acht bis neun Prozent" gerechnet hatte, ließ verlauten, er müsse sich dem "Druck" beugen. Was oder wen er damit genau meinte, wollte oder konnte er nicht präzisieren. Tatsache ist: Im laizistischen Frankreich wird der politische Auftritt einer religiösen Gruppe nur ungern gesehen. Auch die Christdemokratische Partei (PCS) pflegt in Frankreich ein Mauerblümchendasein, obwohl ihre Ideen in dem katholischen Land an sich sehr verbreitet sind.

Auf noch weniger Anklang stößt eine islamische Partei. Dabei gibt sich die 2012 gegründete, 800 Mitglieder zählende UDMF sehr gemäßigt: Ihr Programm nennt, wie in Frankreich bei einer republikanischen Bewegung üblich, als Erstes den Kampf gegen die Ungleichheit und die Spekulation.

Programm betont Frauenrechte

Spezifisch "islamisch" ist die Forderung nach der Unterstützung der Halal-Nahrung und islamischer Finanzmethoden, dazu auch nach Arabischunterricht in den Mittelschulen. Die Partei betont die Gleichberechtigung der Frau, die frei sei "zu arbeiten, zu studieren, sich zu äußern und zu bewegen" – Letzteres wohl in Opposition zum saudischen Autofahrverbot. Außenpolitisch wird zwar der EU-Beitritt der Türkei gefordert, in Sachen Nahost verkneift man sich aber jede Polemik.

Innenpolitisch brisant ist die Forderung nach dem Ausländerstimmrecht. Das war auch ein (unerfülltes) Wahlversprechen des sozialistischen Präsidenten François Hollande. Die regierende Linke, die mehr als die Rechte auf die rund fünf Millionen Muslime in Frankreich zählt und bei den Departementswahlen auf eine Schlappe zusteuert, reagierte entsprechend harsch auf die UDMF-Kandidatur. Eine solche Islampartei sei genau das, "was die Terroristen" wollen, meinte Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis zur Islampartei.

Blickrichtung Präsidentenwahl 2017

Die UDMF ist nicht der erste Versuch einer Islampartei in Frankreich. Eine frühere "Partei des musulmans de France" (PMF) hatte bei der Parlamentswahl 2007 knapp ein Prozent der Stimmen erhalten.

Der aus Marokko stammende Azergui hat bereits einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2017. Doch nicht einmal er hofft auf einen islamischen Wahlsieg, wie ihn Michel Houellebecq in seinem neuen Roman "Unterwerfung" beschreibt. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 18.3.2015)

  • Schriftsteller mit Islamvision: Michel Houellebecq.
    foto: epa / oliver berg

    Schriftsteller mit Islamvision: Michel Houellebecq.

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