Die Wunderkammer: Alexander McQueen – Savage Beauty in London

19. März 2015, 18:07
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Das Werk des 2010 verstorbenen britischen Modemachers Alexander McQueen wird gerade wiederentdeckt. Eine Ausstellung in London zeigt seine famose Schneiderkunst in einem exzentrischen Modekuriositätenkabinett

Tief sitzende Baggy Jeans, ein schmuddeliges T-Shirt, ein fehlender Vorderzahn und ein Akzent, der ihn sofort als Unterschichtenkind markierte: Der junge Lee Alexander McQueen, im ärmlichen East London als Sohn eines Taxifahrers aufgewachsen, galt Anfang der 1990er-Jahre als neuer Stern am Londoner Modehimmel. Wer den aufstrebenden Jungdesigner damals traf, staunte nicht schlecht: Der Fashion-Underdog schleppte seine Entwürfe tatsächlich in einem Müllsack durch die Gegend. Die meisten Kunden konnten gar nicht glauben, was er daraus zauberte: Die prächtigsten Kleider, opulente Kunstwerke und perfekte, neuartige Schnitte. Schließlich hatte McQueen die Schneiderkunst von der Pike auf in der berühmten Savile Row in Mayfair gelernt.

Schon damals zeichnete sich ab, was McQueens Markenzeichen werden sollte. Seine Schönheit kam von der Müllhalde, er wollte mit seinen Entwürfen aufwühlen und unsere Sehgewohnheiten hinterfragen. Seine sexuell aufgeladene Memento-mori-Mode bestach gerade dadurch, dass sie die Vergänglichkeit nicht ausblendete.

Stacheldrahtmuster

Was auf den ersten Blick schön aussah, entpuppte sich als abgründig. Ein durchsichtiges Oberteil, das sich elegant an den Körper schmiegte und nackte Brüste freigab - aber in den Hohlräumen des Brustpanzers krochen lebende Würmer. Ein eng geschnittener viktorianischer Seidenmantel - doch was wie eine Verzierung aussah, war ein Stacheldrahtmuster. Das Kleidungsstück war 1992 Teil von McQueens Abschlusskollektion am Central Saint Martins College, sie trug den Titel "Jack the Ripper Stalks His Victims". McQueen war von dem viktorianischen Serienkiller besessen.

Lee, wie ihn Freunde nannten, war als Designer stets radikal persönlich. Er beschäftigte sich mit seinen eigenen, inneren Dämonen und definierte seinen speziellen Begriff von Schönheit. Er liebte die raue Energie von London, zog durch die Schwulenclubs der Stadt und nahm jede Menge Drogen, was dem Lebensstil der 90er entsprach. Zum Establishment gehören wollte er nie, auch nicht, als er berühmt war und längst für das Modehaus Givenchy entwarf.

"Savage Beauty", also brutale, wilde Schönheit nannte sich auch jene Ausstellung über das Werk von McQueen, die 2011 in New York im Metropolitan Museum of Art für einen wahren Besucheransturm sorgte. Ein Jahr zuvor hatte sich der überarbeitete Modemacher, der schon länger unter Depressionen litt, in seiner Wohnung in London das Leben genommen.

>> Fotostrecke: Eröffnungsgala und Impressionen von der Ausstellung

foto: reuters/toby melville
Salma Hayek bei der Ankunft anlässlich der Eröffnung der Ausstellung in London in einem Kleid von McQueen.

Die berührende Hommage an den radikalen Designer ist nun in erweiterter Form im Victoria and Albert Museum in London bis zum 2. August zu sehen. Die Kleider kehren damit in jene Stadt zurück, die McQueen zeitlebens als wichtigste Inspiration betrachtete. "Savage Beauty" ist eine faszinierende Modewunderkammer, ein überwältigendes Gesamtkunstwerk, eine Reise in die verstörenden Bilderwelten eines eigenwilligen Künstlers. Die ersten Räume sind extrem düster, fast fürchtet man sich. Es wummert und hallt, die Stimme McQueens erklingt vom Band, zwischen Techno-Sound und Barockklängen findet jeder Raum eine eigene Präsentationsform (von einer Knochenkathedrale bis zu einem Spiegelsaal).

Kuriositätenkabinett

Sneakers und T-Shirts sucht man hier vergebens, zu sehen ist famose Schneiderkunst in einem exzentrischen Modekuriositätenkabinett. Die Schau macht aber auch deutlich, wie nahe McQueen der bildenden Kunst stand, ähnlich wie Damien Hirst war er von Vergänglichkeit und Tod besessen, wie bei den Chapman-Brüdern waren Gewalt und Sexualität zentrale Themen. Überhaupt hatten die Frauen bei McQueen meist etwas Kämpferisches. Wie der Belgier Jan Fabre, der von Käfern fasziniert ist, wirkten die Models in McQueens Spring/Summer-Kollektion "Plato's Atlantis" 2010 wie außerirdische Wesen in ihren leuchtend hybriden Käfer- und Fischpanzern.

Heute haben Mode-Epigonen wie Philipp Plein den Totenkopf, einst ein Markenzeichen McQueens, breitenwirksam vermarktet. Obwohl die Ära McQueen nicht lange her ist, und seine Entwürfe noch immer enorm frisch wirken, fragt man sich, ob solch aufwändige, eigenwillige Mode heute überhaupt noch realisierbar ist. Die amerikanische Journalistin Dana Thomas beleuchtet in ihrem Buch "Gods and Kings: The Rise and Fall of Alexander McQueen and John Galliano" nicht nur die Lebensstationen der beiden Ausnahmedesigner, sondern analysiert auch, wie sich die Modewelt veränderte, als aus kleinen, exquisiten High-Fashion-Labels wie Dior oder Givenchy plötzlich Teile mächtiger global agierender Konzerne wie LVMH wurden. Dieser radikale Umbruch machte sowohl Galliano als auch McQueen zu schaffen: Designer begannen im Akkord zu produzieren. Für Wunderkammern bleibt inzwischen keine Zeit mehr. (Karin Cerny, Rondo, DER STANDARD, 20.3.2015)

Fotostrecke von der Eröffnungsgala und Ausstellungsimpressionen

foto: ap/grant
Die goldene Gesichtsmaske ist von dem Modisten Philip Treacy, mit dem McQueen mehrmals zusammenarbeitete.

"Alexander McQueen - Savage Beauty" ist bis 2. August im Victoria and Albert Museum in London zu sehen.
www.vam.ac.uk
Fotostrecke: derStandard.at/Mode

  • Radikal, exzentrisch, abgründig und eigenwillig: der Modedesigner und Künstler Alexander McQueen.
    foto: marc hom / trunk archive

    Radikal, exzentrisch, abgründig und eigenwillig: der Modedesigner und Künstler Alexander McQueen.

  • Aus der Herbst/Winterkollektion 2008: "The Girl who Live in the Tree".
>> Fotostrecke
    foto: ap/ryan

    Aus der Herbst/Winterkollektion 2008: "The Girl who Live in the Tree".

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