Helmut Lang: "Meine Erfolge gehören mir"

Interview18. März 2015, 09:00
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Interviews sind ihm ein Gräuel. Seitdem Helmut Lang nicht mehr Mode, sondern Kunst macht, redet er noch seltener über seine Arbeit. Für uns hat er eine Ausnahme gemacht

Der Himmel ist strahlend blau in East Hampton. Ein paar Hühner und Laufenten tummeln sich im Schnee. Das Studio von Helmut Lang (59) ist angefüllt mit seinen künstlerischen Werken. Seitdem er sich vor zehn Jahren komplett von der Mode zurückgezogen hat, widmet er sich diesen Arbeiten. In den Jahrzehnten zuvor hat er eine Karriere hingelegt wie noch kein österreichischer Modemacher vor ihm. Noch heute ist sein Einfluss in vielen Kollektionen offensichtlich.

So wie Helmut Lang einst die Mode verfolgte, verfolgt er auch die Kunst: kompromisslos und unbeirrbar. Seine jüngste Ausstellung in Manhattan, auf der Bowery gleich neben dem New Museum in der etablierten Galerie Sperone Westwater, die ihn seit letzten Sommer repräsentiert, war ein großer Erfolg.

Vorsichtig gehen wir in der beißenden Kälte über den vereisten Weg vom Studio in das Haupthaus. Auf einem Tisch nahe des Eingangs liegt eine Messingskulptur von Louise Bourgeois mit eingravierten Blockbuchstaben "We love you". Eine Zen-ähnliche Stimmung herrscht in den weiten Räumen, die ganz schlicht gehalten sind: viel Holz, viel Schwarz, ein bisschen Weiß. In einer Bodenvase ein riesiger blühender Ast, dahinter erblickt man durch das Fenster den Atlantik.

Helmut Lang ist auf seine stille Weise gut gelaunt. Er trägt graue Hosen, einen dunkelblauen Pullover, schwarze Lederschuhe. Er räuspert sich und nimmt am Holztisch Platz, an dem zwölf Personen Platz finden. Obwohl wir uns seit einer Ewigkeit kennen, sprechen wir Englisch.

STANDARD: Louise Bourgeois war eine gute Freundin von dir. Wurdest du von ihr ermutigt, den Schritt vom Designer zum Künstler zu machen?

Lang: Ich wollte ursprünglich Künstler werden, aber meine damaligen Umstände erlaubten es nicht. Während meiner Karriere als Modedesigner arbeitete ich immer wieder mit verschiedenen Künstlern zusammen, was sich teilweise in der Sprache meiner Arbeit widerspiegelte. Irgendwann aber war ich bei dem Punkt angelangt, wo ich alles erreicht hatte, was in der Mode zu erreichen war. Ich wollte mich einer neuen Herausforderung stellen und mich einzig und allein auf meine Arbeiten als Künstler konzentrieren, bevor es zu spät ist. Louise begann übrigens auch relativ spät als Künstlerin zu arbeiten, da sie vorher auch mit anderen Aufgaben beschäftigt war.

STANDARD: Wann wäre es zu spät gewesen?

Lang: Es gibt bestimmte Alterseinschränkungen. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man seine Stimme als Künstler gefunden hat.

STANDARD: Welchen Einfluss hatte Louise Bourgeois auf dich?

Lang: Louise war eine wunderbare Person. Wir hatten großes Verständnis füreinander, eine große gegenseitige Zuneigung und eine liebevolle Beziehung. Louises Ratschlag war: "Materialien sind nur Materialien. Sie sind dazu da, genützt zu werden." Sie selbst arbeitete nicht nur mit traditionellen Materialien, sondern verwendete Textilien, Stickereien und persönliche Objekte. Zu vielen davon hatte sie eine große emotionale Bindung, da sie aus ihrer Kindheit stammten. Diese emotionale Kraft spürt man in ihren Arbeiten.

foto: ap/guggenheim museum, raimon ramis
Louise Bourgeois

STANDARD: Arbeitest du auch so?

Lang: Ich verwende oft gefundene Objekte, da sie Gebrauchsspuren aufweisen und von der Zeit ihres Gebrauchs erzählen. Aber ich verwende sehr moderne Techniken, eine Art Hightech-Behandlung, um diese in eine mir entsprechende Form zu bringen. Louises künstlerische Motivation war die Malaise mit ihrem Vater, der im eigenen Haus ein Verhältnis mit dem Kindermädchen hatte. Als Kind empfand sie, dass ihr Zuhause und dadurch ihre Geborgenheit ständig in Gefahr waren. Sie versuchte alles, um dieses Zuhause aufrechtzuerhalten, so rührend, wie Kinder das eben versuchen. Es war ihr Lebensthema und das Thema ihrer Kunst.

STANDARD: In deinem Falle ist das nicht so ...

Lang: Ich glaube, nicht. In meinem Fall gab es nicht ein einzelnes dramatisches Ereignis. Meine Arbeit ist die Summe eines bis jetzt gelebten Lebens; wie ich mit Dingen zurechtkam und sie für mich verwendete, um den nächsten Schritt zu machen. Ich bin mit meiner eigenen Realität ausgerüstet.

STANDARD: Von 20 bis 50 hast du als Modedesigner gearbeitet. 2005 begannst du, dich auf deine Arbeit als Künstler zu konzentrieren. Wie war dieser Übergang?

Lang: Nachdem ich aufhörte, als Designer zu arbeiten, brauchte ich eine Pause. Ich wusste, dass ich meine Gewohnheiten und mein Verhalten neu justieren musste. Es braucht eine Weile, den Rhythmus, den man gewohnt ist, zu verändern. Ich wusste, wie maßgebend diese Pause für meine Zukunft sein würde. Es tat mir gut, mich gedanklich zu befreien. Dadurch konnte sich Neues entwickeln.

STANDARD: War deine Arbeit als Designer eine Art Vor bereitung für deine künstlerischen Arbeiten?

Lang: Mode war ein großer Teil meines Lebens, und ich lernte viel. Ich würde nicht von Vorbereitung, sondern von Entwicklung sprechen. Rückblickend erklären sich oft Dinge, und andere sagen dann: "Es ist unglaublich, dass du ausgerechnet dieses und jenes zum richtigen Zeitpunkt getan hast." Vieles war im Augenblick nicht so klar. In Wahrheit war es mein Instinkt, der mich zu Entscheidungen führte.

STANDARD: Mit deinem Instinkt hast du dir – unter anderem – einen Namen gemacht.

Lang: Ich lasse mich bis heute nicht davon beeinflussen, was von mir erwartet wird. Wenn ich eine Vision habe, verfolge ich sie unbeirrt. Ich verlasse mich darauf, was ich ausdrücken möchte, was ich als interessant empfinde. Ich habe mich nie dem Mainstream verpflichtet gefühlt.

STANDARD: Wieso hast du nicht gleich als Künstler gearbeitet?

Lang: Meine Eltern wollten nicht, dass ich Künstler werde. Künstler sein war kein Beruf, keine Arbeit ... ich finde diese Haltung sehr österreichisch ... oder es war zumindest sehr österreichisch. Künstler wurden nicht als arbeitende Menschen wahrgenommen. Als ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte – ich hatte drei verschiedene Jobs, um meine Ausbildung zu beenden –, musste ich finanziell für mich selbst aufkommen und landete in der Mode. Dort begann ich ebenfalls – wie in der Kunst – als Autodidakt. Den Rest meiner Geschichte kennt man ja.

STANDARD: War es schwierig, diesen Erfolg, den du als Designer hattest, hinter dir zu lassen?

Lang: Diese Frage stellte sich mir nicht. Meine Erfolge gehören mir. Es ist genug Zeit vergangen. Mein Einfluss in der Mode ist noch immer sichtbar.

STANDARD: In der Mode warst du richtungsweisend in der Verwendung von unüblichen Materialien wie gelacktem Tweed, Hitzedruckleinen, gekochter Wolle, Fischleder, metallischem Leder, Pferdehaar. Wie sehr spielen neue Materialien in deiner Kunst eine Rolle?

Lang: Materialien bleiben weiterhin sehr wichtig und sind oft ein Ausgangspunkt. Ein Material zu verändern und eine neue Struktur, einen neuen Ausdruck, eine neue Stimmung zu finden ist manchmal ein wichtiges Element in meinen Skulpturen. Früher habe ich mit dem Körper gearbeitet, mit all den Dingen, die man dabei berücksichtigen und einsetzen muss. Heute schaffe ich Körper, und zwischen der Grenze von Skulptur und der Radikalisierung des Bildes nehme ich mir jede mögliche Freiheit. Nur das Unerwartete ist interessant für mich.

STANDARD: Was willst du mit deiner Kunst kommunizieren?

Lang: Als Künstler ist es eine Notwendigkeit, sich der Öffentlichkeit zu stellen, um einen Dialog zu initiieren und um zu einer kulturellen Auseinandersetzung beizutragen. Wenn ich es nur für mich machen würde, wäre es ein Hobby. Prinzipiell interessieren mich der Arbeitsverlauf und das Resultat. In der Öffentlichkeit bekommen Kunstwerke natürlicher ein Eigenleben. Eine berühmte Aussage von Kurt (Kocherscheidt – ein österreichischer Maler, Anm.) war: "Wenn du 20 Leute vor eines meiner Bilder stellst, wirst du 20 verschiedene Meinungen hören." Und dann sagte er in seiner typischen Art: "Die meisten denken nur: Passt es über den Esstisch oder über die Couch?"

STANDARD: Kurt Kocherscheidt war auch einer jener Menschen, die für dich prägend waren. Was war das Besondere an ihm?

Lang: Ich traf Kurt, als ich Mitte zwanzig war. Kurt war wichtig in meinem Leben, da er mich immer unterstützt hat. Ich arbeitete in der Mode und machte alles ganz anders als jeder andere. Das war ungewöhnlich, und natürlich konnte ich es nur so machen, wie ich es machen konnte, stellte es aber dann doch immer wieder infrage und war mir unsicher. Kurt bestätigte mich darin, dass mein Zugang richtig war, indem er mir zeigte, dass er selbst einen ähnlichen Zugang hatte. Es ist ja auch nichts Schlechtes, am Anfang seiner Karriere missverstanden zu werden. Oft wird man missverstanden, weil die Dinge, die man tut, zu neu oder zu unkonventionell sind. Die Zeit ist noch nicht reif dafür, das aufzunehmen. Dann ist es umso wichtiger, seinen Visionen treu zu bleiben und sie unbeirrt weiterzuführen. Irgendwann übersetzt sich diese Stärke und Sicherheit in deine Arbeit und damit auch in dein Publikum.

STANDARD: Jetzt setzt du dich diesen Dingen wieder aus, obwohl du ein bequemes Leben führen könntest.

Lang: Ein bequemes Leben zu führen liegt nicht in meiner Natur.

STANDARD: Vor 20 Jahren begannen sich die Kunst- und die Modewelt stark zu verbinden. Die Kunstwelt bewunderte die Modewelt um ihr finanzielles Potenzial und die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Die Modewelt wiederum beneidete die Freiheit und Kompromisslosigkeit der Künstler. Die Kuratoren profitierten von beiden – oder wie manche behaupten, missbrauchten beide.

Lang: Beide Welten haben sich in den letzten zehn Jahren noch viel dramatischer verändert. Modehäuser sind zu globalen Unternehmen geworden, und es ist zur Ausnahme geworden, dass ein Designer sein eigenes Modehaus führt. Heute wird man als Designer angestellt, es ist ein Job geworden. Das Showbusiness kam als wichtiger Förderer dazu, Schauspieler, Sänger, und "Luxus"-Sportler starteten ihre eigenen Modelabels. Mode wurde früher zweimal im Jahr gezeigt, heute kommen pausenlos Modekollektionen auf den Markt. Die Kunstwelt machte ähnliche Veränderungen durch. Ein Galerist wie Larry Gagosian führt weltweit elf Galerien. Jährlich gibt es neben den Galerieausstellungen unzählige Kunstmessen. Das Galeriesystem ist ebenso überlastet wie das Modesystem.

STANDARD: Deine erste Zusammenarbeit mit einem Künstler war 1996 bei der Biennale in Florenz mit der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer.

Lang:Die Biennale stand unter dem Motto Art & Fashion, und innerhalb dieser gigantischen Ausstellung gab es ein Spezialprojekt: Sieben verschiedene Künstler und sieben verschiedene Modedesigner kollaborierten an einem gemeinsamen Projekt.

STANDARD: ... ich erinnere mich an Prada und Damien Hirst, an dich und Jenny Holzer ...

Lang: Genau. Und jedes dieser Paare hatte einen Pavillon. Mir war ziemlich klar, wie das ablaufen würde: Der Künstler zeigt seine Kunst, der Designer seine Kreationen. Jenny und ich fanden das zu trivial. Jenny zeigte eine Videoinstallation, und ich kreierte mit einem Parfümeur einen Duft, der nach Mensch riechen sollte: Du wachst in der Früh auf, dein Mann ist schon weg, aber du riechst ihn noch am Polster, auf seinem Pullover etc. Das war die Grundidee. Gemeinsam veränderten wir einen ihrer Texte, und es entstand die Serie "I can smell you on my skin".

STANDARD: Wie war der Duft zusammengesetzt?

Lang: Seife, Schweiß, ein bisschen Alkohol, wenn er am nächsten Tag durch die Poren kommt. Und ich glaube auch ein bisschen Sperma (lacht). Ich dachte daran, wie es ist, wenn jemand gestorben ist und man die Kleidungsstücke zusammenlegt, und der Geruch dieser Person ist noch immer da und die Person dadurch gegenwärtig.

foto: ap/keystone/kefalas
Jenny Holzer vor ihrem Kunstwerk "Monument".

STANDARD: Zwei Jahre später entstand eine weitere Zusammenarbeit mit Jenny Holzer.

Lang: Die Kunsthalle Wien schlug mir eine Einzelausstellung vor. Ich hatte viel zu tun und schlug eine Kollaboration mit Jenny Holzer und Louise Bourgeois vor. Damals lernte ich Louise kennen.

STANDARD: Was ist dein Ausgangspunkt, wenn du mit einem Werk beginnst?

Lang: Es interessiert mich, zwei oder mehrere Formen in einem Werk zu vereinen. Es ist ein Zusammenwirken von Skulptur und Malerei, Oberfläche und Gewebe, Abstraktion und Gestaltung. Ich bewahre meine Arbeiten lange auf, manchmal werden sie neu überarbeitet, gebrochen, beschichtet, bis die Arbeit stark genug ist. Das lernte ich von Kurt.

STANDARD: Wann ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören?

Lang: Wenn du diesen Punkt siehst oder spürst, oder wenn die Arbeit stark genug ist, um "zurück zuschlagen". Manchmal bemerkt man diesen Moment nicht. Manchmal denkt man, die Arbeit ist nicht gut genug, und man arbeitet weiter daran, nur um zu sehen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, sie ein paar Wochen ruhen zu lassen und sie dann erst wieder anzuschauen. Manchmal fotografiere ich diese verschiedenen Arbeitsstadien und studiere sie und denke mir: "Ich mag das Endresultat, aber das Dazwischen war auch nicht schlecht." Man muss sich Zeit lassen.

STANDARD: Deine Arbeit heute gibt dir den Luxus von Zeit. Du hast keinen Druck, zu einem gewissen Termin abliefern zu müssen.

Lang: Druck habe ich auf alle Fälle, da ich mit meiner Arbeit sehr lange allein bin. Das kann sehr gut und manchmal sehr einsam sein. Mir ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Denkprozessen und Ausführung zu haben. Damit setzt man sich selbst unter Druck. Wenn nicht genug Druck vorhanden ist, kann auch keine Energie frei werden.

STANDARD: Geht es in deiner Arbeit um die Untersuchung des menschlichen Körpers?

Lang: Ich bin in meiner Arbeit weniger am menschlichen Körper interessiert als an menschlichen Umständen, der Conditio humana.

STANDARD: Inwiefern?

Lang: Wir sind gleichzeitig stark und zerbrechlich. Das kann miteinander harmonieren, oder man kann sich auch selbst zerstören. Es interessiert mich, wie das funktioniert und wie das meine Arbeit beeinflusst.

STANDARD: Seit dem Sommer 2014 wirst du von der Galerie Sperone Westwater präsentiert.

Lang: Ja, sie hat einen sehr guten Ruf. Künstler wie Bruce Naumann werden seit 30 Jahren von ihr repräsentiert. Meine jüngste Ausstellung war für mich der Durchbruch in der Kunstszene. Und für meine Galerie war es im Sinne von Verkauf, Presse und Besuchern – mehr als dreitausend – ein großer Erfolg.

STANDARD: Was möchtest du zum heutigen Kulturgeschehen beitragen?

Lang: Das wird die Zeit zeigen. Ich mache, was ich immer gemacht habe: Ich arbeite. (Cordula Reyer, Rondo Exklusiv, DER STANDARD, 18.3.2015)

  • Die meisten Fotos von Helmut Lang liegen Jahre zurück: Dieses hat Bruce Weber gemacht und ist relativ aktuell. Hier ist es zum ersten Mal zu sehen.
    foto: bruce weber

    Die meisten Fotos von Helmut Lang liegen Jahre zurück: Dieses hat Bruce Weber gemacht und ist relativ aktuell. Hier ist es zum ersten Mal zu sehen.

  • In der New Yorker Galerie Sperone Westwater war bis Ende Februar Helmut Langs jüngste Ausstellung zu sehen: Wand- und Säulen-Skulpturen, bei denen es Lang in erster Linie um ihre Materialität geht.
    foto: courtesy the artist and sperone westwater, new york

    In der New Yorker Galerie Sperone Westwater war bis Ende Februar Helmut Langs jüngste Ausstellung zu sehen: Wand- und Säulen-Skulpturen, bei denen es Lang in erster Linie um ihre Materialität geht.

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    foto: courtesy the artist and sperone westwater, new york
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