Nach blödem Facebook-Posting: Entlassen, bedroht und traumatisiert

17. März 2015, 13:31
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Eine respektlose Geste vor einem Veteranenfriedhof hatte für Lindsey Stone katastrophale Folgen

Oktober 2012: Lindsey Stone ist eine beliebte, unbekümmerte junge US-Amerikanerin. Sie arbeitet in einer Hilfsorganisation, die junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten unterstützt. Sie hat einen großen Freundeskreis, nimmt kein Blatt vor den Mund und haut lieber einmal daneben, als einen Scherz zu verpassen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jamie betreut sie eine Gruppe Jugendlicher, die Washington, D.C., besucht. Am Vorabend waren sie in einer Karaokebar, heute steht unter anderem der Besuch des Nationalfriedhofs Arlington auf dem Programm.

Insider-Scherz öffentlich gemacht

Stone und ihre Freundin Jamie haben gemeinsam einen Insider-Schmäh entwickelt: Vor Schildern, die eine gewisse Handlung verlangen oder verbieten, machen sie das genaue Gegenteil davon. Nur für ein kurzes Foto. Vor Rauchverbot-Schildern rauchen sie; werden keine Handys erlaubt, posieren sie mit ihren Smartphones davor. Auch am Nationalfriedhof Arlington befindet sich ein solches Schild: Es gebietet die Besucher, "Ruhe und Respekt" zu zeigen. Für die zwei Freundinnen ist das aufgrund ihrer gemeinsamen Comedy-Routine eine Einladung. Lindsey Stone stellt sich vor das Schild, streckt den Mittelfinger aus und tut so, als würde sie laut schreien. Die zwei sind mit dem Resultat zufrieden und laden es auf Facebook hoch.

"Vergesst es!"

Wenig später finden sich erste Kommentare ihrer Freunde: Er kenne die Mädels ja und wisse um den Schmäh, doch das Foto sei zu respektlos, kommentiert ein Bekannter, der in der U.S. Army gedient hat. Andere Freunde stimmen zu. Stone und ihre Freundin Jamie beschließen, das Bild auf Facebook zu lassen. Wer sie kennt, würde den Kontext schon verstehen. "Wir sind einfach nur blöd, vergesst es!", kommentiert Stone. Allerdings hat ihre Freundin nicht daran gedacht, ihre Fotos auf Facebook nicht öffentlich zugänglich zu machen.

Hexenjagd

Wenige Wochen später sitzen die zwei in einem Restaurant, um Geburtstag zu feiern, als plötzlich ihre Smartphones vibrieren: Das Bild wurde von diversen Gruppen entdeckt und rapide verbreitet. Natürlich soll ein Friedhof an sich schon ein Ort der Würde sein, der Nationalfriedhof in Arlington löst bei US-Amerikanern aber besondere Gefühle aus: Nur Mitglieder der Streitkräfte, deren Familienmitglieder oder hochrangige Politiker dürfen dort bestattet werden. Vor allem Veteranen und Familienmitglieder von aktiven Soldaten greifen das Bild auf, bezeichnen Stone als "unpatriotisch" und "von feindlicher Gesinnung". Als Lindsey Stone an diesem Abend schlafen geht, fordern 12.000 Personen auf einer Facebook-Seite ihre fristlose Entlassung.

Kameracrews vor der Haustür

Am nächsten Morgen stehen Kameracrews vor der Tür: Sie filmen ihren Vater, zoomen auf dessen Zigarette, ziehen die Aufmerksamkeit der ganzen Nachbarschaft auf sich. Lindsey wird in ihr Büro zitiert – darf das Gebäude allerdings nicht betreten. Ihre Chefin trifft sich mit ihr auf dem Parkplatz, verlangt lediglich ihre Schlüssel und überreicht ihr alle Habseligkeiten, die Stone in der Arbeit aufbewahrt hat. Daraufhin verlässt Stone ein Jahr lang das Haus nicht, wie sie dem Buchautor Jon Ronson erzählte. "Ich habe alles verloren, was mir wichtig war", so Stone im Guardian.

Kein Einzelschicksal

Sie ist dabei kein Einzelschicksal, wie Ronson schreibt: Für sein Buch hat er bereits Justine Sacco interviewt, die wegen eines rassistischen Scherzes über Aids verfolgt worden ist. Außerdem besuchte Ronson jenen IT-Techniker, der auf einer Konferenz einen sexistischen Witz erzählt hatte und daraufhin von einer Teilnehmerin bloßgestellt und später entlassen worden war. Genau wie Stone sind die meisten Betroffenen, die einen Shitstorm überlebten, depressiv, paranoid und traumatisiert. Sie haben schlechte Entscheidungen mit minimalen tatsächlichen Auswirkungen getroffen, die auf Twitter, Facebook und Co jedoch an Fahrt gewannen und ihr Leben zerstörten.

Reputationsmanager

Ronson beschließt, Lindsey Stone die Dienste eines "Online-Reputationsmanagers" zu spendieren. In den letzten Jahren hat sich diese Branche zu einem geldbringenden Geschäft entwickelt. Oftmals sind es ehemalige Kleinkriminelle, Vergewaltiger oder Pädophile, die im Netz Erinnerungen tilgen wollen. Der Europäische Gerichtshof hat selbst festgelegt, dass EU-Bürger unliebsame und veraltete Details aus ihren Google-Suchergebnissen löschen dürfen.

Google austricksen

Auf Google konzentrieren sich auch solche Reputationsmanager: Sie erstellen im Namen ihres Klienten Blogs, setzen Social-Media-Accounts auf und pushen sich durch ihr Netz an anderen Kunden gegenseitig hoch. Es geht darum, den Google-Algorithmus auszutricksen, um positive Inhalte höher zu platzieren. Im Fall von Stone sind erste Ergebnisse sichtbar: Zwar dominiert nach wie vor das blöde Foto, doch auch andere Bilder tauchen nun in der Suche auf. Sie hat mittlerweile einen neuen Job gefunden und darf wieder mit beeinträchtigten Kindern arbeiten – ihr größter Wunsch: Dass ihr Arbeitgeber nie nach ihr googelt. (fsc, derStandard.at, 17.3.2015)

  • Dieses Foto hat Lindsey Stones Leben zerstört – gedacht war es als harmloser Scherz
    foto: facebook/jamie schuh

    Dieses Foto hat Lindsey Stones Leben zerstört – gedacht war es als harmloser Scherz

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