Missbrauchsprozess in Wien: Der verliebte Opa und die Achtjährige

17. März 2015, 16:52
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Ein Pensionist soll die Enkelin seiner Freundin missbraucht haben. Er ist teilgeständig und sagt, Probleme in seiner Beziehung hätten ihn dazu getrieben

Wien - Die Erklärung des 71-jährigen Angeklagten ist fast unglaublich: "Ich hatte ein sexuelles Defizit in der Partnerschaft, das habe ich schrecklicherweise bei einem Kind kompensiert", gesteht er dem Schöffensenat unter Vorsitz von Martina Hahn, während er neben dem Anklagestuhl steht. Das Kind war die damals achtjährige Enkelin seiner im Saal anwesenden Lebensgefährtin.

"Er hat bei der Polizei angegeben, dass er sich in das Kind verliebt habe", erklärt die Staatsanwältin in ihrem Eröffnungsplädoyer. Die "Liebe" habe sich wie folgt geäußert: Er begann dem Opfer im Bett Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen. Im Herbst 2012 fing er an, Brust und Scheide des Mädchens zu betasten, und ließ sich von ihr masturbieren.

Bei der Polizei sagte der Unbescholtene laut Anklägerin auch noch, das Kind habe der Scheidenberührung zugestimmt. Dass er es mit den Fingern penetriert habe, bestreitet er aber vor Gericht.

Therapie bereits begonnen

Sein Verteidiger Helmut Graupner kündigt in seinem Eröffnungswort an, sein Mandant werde "reinen Tisch machen". Gleichzeitig plädiert Graupner für einen Milderungsgrund: "Er hat schon, ein halbes Jahr bevor er festgenommen wurde, eine Therapie begonnen."

Und: Der gutsituierte Pensionist - 4.000 Euro bekommt er monatlich, 1,5 Millionen Euro beträgt sein Vermögen - sei kein Pädophiler. "Es hat vorher und nachher nichts in der Richtung gegeben, es war ein besonderes Gelegenheitsverhältnis in der Familie."

Der Angeklagte sei also ein sogenannter regredierter Täter, der ein Kind zur Lösung seiner emotionalen Probleme benutzt. Die Aussagen des Kindes über die Penetration hält Graupner dagegen für eine Scheinerinnerung - hervorgerufen durch suggestive Fragen der Polizei.

Um das zu beweisen, hat er einen Sachverständigen für Aussagepsychologie aus Deutschland mitgebracht, der auch ein Privatgutachten darüber erstellt hat.

Gutes Verhältnis zum Opfer

Der Angeklagte sagt, wie erwähnt, im Stehen aus. "Ich möchte sagen, dass ich es zutiefst bereue und mich schäme", entschuldigt er sich. "Ich wusste damals nicht, was mich dazu geführt hat, erst in der Therapie habe ich es erkannt." Seit 15 Jahren sei er mit seiner Lebensgefährtin, der Großmutter des Opfers, zusammen. "Ich war Teil der Familie, ich hatte mit ihr ein gutes Verhältnis", erklärt er noch, ehe die Öffentlichkeit auf Antrag seines Verteidigers ausgeschlossen wird.

Nach knapp fünf Stunden wird die Entscheidung verkündet. Der Senat glaubt im Zweifel dem Angeklagten, dass keine Penetration stattgefunden hat, und verurteilt ihn nicht wegen schweren, sondern nur wegen sexuellen Missbrauchs. Dazu kommt das Vergehen des Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses.

Die nicht rechtskräftige Strafe: ein Jahr bedingt und 39.600 Euro unbedingte Geldstrafe. Zusätzlich hat Privatbeteiligtenvertreterin Eva Plaz für das Opfer 10.000 Euro zugesprochen bekommen. Die begonnene Therapie muss der Pensionist weitermachen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 17.3.2015)

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