Humanitäre Hilfe und Politik: "Wir stoßen an unsere Grenzen"

Userartikel17. März 2015, 17:04
1 Posting

Die Hürden der Hilfe im 21. Jahrhundert, neue Strategien und ein Ruf nach mehr Diplomatie

Dramatische Worte findet Kyung-wha Kang, stellvertretende UN-Menschenrechtskommissarin, um am Humanitarian Congress in Wien die dramatische Situation in der Welt zu beschreiben: "Wir stoßen an unsere Grenzen". Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte wie in Syrien, Irak, Südsudan, Ukraine und Nigeria stellen Hilfsorganisationen seit Jahrzehnten vor schier unlösbare Aufgaben. Mehr als 50 Millionen Menschen sind laut UNHCR weltweit auf der Flucht. Das sind so viele wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen versagt in seiner Kernaufgabe, internationalen Frieden und Sicherheit zu bewahren und Zivilisten in bewaffneten Konflikten zu beschützen. Auch die von der internationalen Staatengemeinschaft zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel reichen bei Weitem nicht mehr aus, um den Millionen Menschen in Not ihr Recht auf humanitäre Hilfe zuteil werden zu lassen. Altehrwürdige humanitäre Prinzipien und Normen stehen eklatanten Verletzungen gegenüber.

Negativbeispiel Libyen

"Die Welt ist drastischen Veränderungen ausgesetzt, mit denen die Politik nicht mithält", so Yves Daccord. "Krisen sind oft unvorhersehbar und unmittelbar miteinander verbunden, was die Auswirkungen am Beispiel Libyen sehr gut zeigen: Die Entstehung eines neuen Kalifats in unmittelbarer Nähe zu Europa, eine humanitäre Katastrophe wie auch der Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer." Daccord muss es wissen, als Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, seit 150 Jahren die älteste und einzige Hilfsorganisation, die auch im Genfer Abkommen von 1949 erwähnt ist.

Strategien ändern

"Um den Herausforderungen humanitärer Hilfe entgegen zu treten, müssen wir die richtigen Fragen stellen und unsere Strategien verändern", sagt Daccord. Er hält die unmittelbare Nähe und den Dialog mit allen beteiligten Akteuren – auch mit terroristischen Gruppen – für wichtiger denn je und legitimiert diese Haltung mit den Prinzipien humanitärer Hilfe: Menschlichkeit, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität. "Es ist nicht die Schuld der Verwundeten, dass ihre Regierungen kämpfen. Wir bauen unsere Hilfe auf den Bedürfnissen der Betroffenen auf." Daccord betont auch, dass der Kontakt seiner Organisation mit dem Islamischen Staat aufgrund der prekären Situation verschwindend gering ist.

Helfer müssen sich rechtfertigen

Eine der größten Herausforderungen humanitärer Hilfe ist, den Zugang zu Menschen in Not herzustellen und die Abwägung des Risikos, sich selbst in Gefahr zu begeben. "Heute müssen wir stets beweisen, dass das, was wir machen, nicht schlecht ist. Früher war klar: Was wir machen ist gut!"

Ruf nach mehr Diplomatie

Wolfgang Petritsch, der Diplomat und früher Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen für Bosnien und Herzegowina, hebt die Wichtigkeit des Dialogs und von Verhandlungen für die Beendigung eines Konflikts hervor. Er fragt: "Wo sind die Diplomaten?", und meint damit, dass humanitäre Hilfe alleine keinen Druck auf politische Entscheidungsträger ausüben kann.

Einig waren sich die drei hochkarätigen Podiumsteilnehmer auch darüber, dass sich der globale Krieg gegen den Terror negativ auf humanitäre Hilfe und die Diplomatie ausgewirkt hat. Problematisch sei, so Petritsch, dass Sicherheit und nicht mehr Freiheit das höchste Gut unserer Zeit ist. Der Weg aus der Krise führe über präventive Diplomatie, über Druck auf die Politik, ihre Verantwortung wahrzunehmen und über die Stärkung und den Aufbau von regionalen Organisationen, die in Konfliktzeiten rascher und effektiver tätig werden können.

Erschütternde Realität

Der Titel des Kongresses, "Humanitarian Aid under Fire", ist erschreckend und treffend zugleich. Obwohl Angriffe auf Mitarbeiter humanitärer Organisationen eine Verletzung des humanitären Völkerrechts darstellen, wurden im Jahr 2013 454 Helfer angegriffen oder entführt. Mehr als ein Drittel davon ist heute tot.

Aufgrund der lebensbedrohlichen Bedingungen, unter denen humanitäre Helfer arbeiten, steht auch ihre psychische Gesundheit im Fokus. Daccord erklärt, dass seine Führungskräfte darin geschult sind, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und nach massiven Vorfällen angehalten sind, Nachbesprechungen durchzuführen. Außerdem verfügt das Internationale Rote Kreuz über Fachkräfte, die bei Bedarf in die Krisenregion eingeflogen werden und vor Ort mit dem internationalen und besonders auch dem nationalen Personal arbeiten.

Eine der größten Herausforderungen sind posttraumatische Belastungsstörungen, die zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil durch Teamkonflikte und schwierige Arbeitsbedingungen begünstigt werden – auch wenn Daccords Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch das Internet leicht auf soziale Unterstützungssysteme wie Familie und Freunde zurückgreifen können.

Was ist humanitäre Hilfe heute?

Humanitäre Hilfe ist im Hinblick auf ihre Finanzierung klar politisch. Es bleibt abzuwarten, ob Regierungen von Geberländern auch in Zukunft bereit sein werden, mehr Mittel für das Wohl von Menschen in Krisenregionen auszugeben. Wenn man den Blick aufs Mittelmeer richtet, in dem Flüchtlinge ertrinken oder man das seit Jahren unterdotierte Budget der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe betrachtet, bleibt man ratlos zurück. Es wird sich zeigen, ob die Weltgemeinschaft in der Lage ist, die Folgen von Einsparungen in diesem Bereich aufzufangen. Oder um es wie Annelies Vilim, Direktorin der NGO Globale Verantwortung, zu sagen: "Humanitäre Hilfe ist kein Akt von Wohltätigkeit, sie ist ein Menschenrecht!". (Philipp Hamedl, derStandard.at, 17.3.2015)

Yves Daccord ist Generaldirektor des Internationalen Kommittees vom Roten Kreuz und verantwortlich für 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Philipp Hamedl arbeitet als Diplomsozialarbeiter in einer Justizanstalt in Österreich und hat ein Master’s Degree in Human Rights and Democratisation. Er ist Obmann von Zikomo, einem Verein zur Förderung von Universitätsstudentinnen und -studenten in Afrika.

Der Autor wurde von derStandard.at zum Humanitarian Congress eingeladen, um dort als User-Reporter zu recherchieren und einen Artikel zu verfassen.

  • Yves Daccord und Kyung-wha Kang im Gespräch mit User-Reporter Hamedl.
    foto: markus hechenberger

    Yves Daccord und Kyung-wha Kang im Gespräch mit User-Reporter Hamedl.

Share if you care.