Gallup-Chef zu Steuerreform: "Die Leute sehen sehr nüchtern ein Nullsummenspiel"

Interview17. März 2015, 12:55
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Die erste Analyse des Gallup-Marktforschers Michael Nitsche zeigt, gestützt auf 800 Online-Interviews, dass keinerlei euphorische Stimmung bezüglich der Steuerreform herrscht, solange es keine Verwaltungseinsparung gibt

STANDARD: Sie haben in den letzten Tagen eine erste Erhebung gemacht, wie die Österreicher die Steuerreform sehen – und festgestellt, dass das Thema praktisch jeden bewegt. Eigentlich überraschend, wenn man bedenkt, dass die Erwartungen im Vorfeld gar nicht hoch waren.

Nitsche: Man muss das im Gesamtkontext sehen: Wir haben das am Wochenende unmittelbar nach der Bekanntgabe der ersten Maßnahmen gemacht, und man sieht klar, dass die Steuerreform für 80 Prozent ein relevantes Thema war. Aber da ist ja auch in den Medien über kaum etwas anderes berichtet worden.

STANDARD: Berichtet wurde eigentlich mehr über die Gegenfinanzierung als über die Tarifentlastung …

Nitsche: Das hat auch dazu geführt, dass die Betroffenen ihre Erwartungen sehr flach gehalten haben. Man sieht, dass die Leute ein sehr realistisches Bild haben, dass sie nämlich in hohem Maß annehmen, dass die Steuerreform ein Nullsummenspiel ist.

STANDARD: Und das nicht nur im volkswirtschaftlichen Sinn, sondern auch für sehr viele Einzelpersonen?

Nitsche: Die Leute sehen das sehr nüchtern: Die weitaus größte Gruppe geht davon aus, dass ihr die Reform weder persönliche Vor- noch Nachteile bringen wird. Das ist auch in dem Kontext zu sehen, dass die Leute meinen: Das Ganze muss ein Nullsummenspiel sein.

Das zeugt von hohem wirtschaftlichem Hausverstand. Die Leute haben nicht den Eindruck, dass irgendwo frisches Geld herkommt, das ihnen geschenkt wird.

STANDARD: Aber es gibt doch auch Befragte, die sich überwiegend persönliche Vorteile erwarten.

Nitsche: Ja, das ist knapp ein Viertel. Aber ich würde vorsichtig mit der Einschätzung sein, das als Erfolg zu sehen, der Begeisterungsstürme auslöst. Da ist kein Anflug von Euphorie zu sehen.

STANDARD: Einige Regierungspolitiker haben ja auch schon im Vorfeld gesagt, dass man keine Euphorie erwarten darf.

Nitsche: Das Erwartungsmanagement der Handelnden in der Politik hat gegriffen, weil man keine zu großen Erwartungen geweckt hat. Das Problem wird auf einer anderen Ebene liegen: Wenn das ein Nullsummenspiel ist, dann fragt man sich, wo tatsächlich die Einsparungen herkommen. Und da sagt eine deutliche Mehrheit, dass sie sich bei der Verwaltungsreform doch viel mehr erwartet hat.

STANDARD: Hier hat die Politik gar nicht erst große Erwartungen geschürt?

Nitsche: Eben. Aber bei der Bevölkerung gibt es diese Erwartungen. Die fragen sich, und das heißt, sie fragen demnächst die Politiker: Wo geht es bei Einsparungen ans Eingemachte?

STANDARD: Eines der Probleme dürfte ja sein, dass die Senkung der Lohn- und Einkommenssteuer rasch gegessen ist – während die Einsparungen und Gegenfinanzierungen noch lange diskutiert werden.

Nitsche: Ja, diese Kommunikation drängt den Erfolg der Tarifsenkung zurück. Wenn man da oder dort mehr zahlen muss, dann sinkt die Akzeptanz. Vor allem wenn die Leute nicht das klare Bild bekommen, was mit dem Geld dann passiert. Hier geht es darum, in den nächsten Tagen klar zu sagen: Wir holen nicht nur Geld aus der einen Tasche, um es dann in eine andere zu stecken, sondern machen selbst auch Reformen.

STANDARD: Immerhin wird bei der Einhebung von Steuern – Stichwort: Registrierkassenpflicht – doch ein wesentlicher Schritt gesetzt.

Nitsche: Wenn man sagt: Man wird den Steuerbetrug zurückdrängen – dann bekommt man in den vergangenen Tagen von den Experten erklärt, dass das nicht das bringen wird, was versprochen wird. Und es wird aufgebauscht, als ob es Unternehmer gäbe, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Steuern zu hinterziehen. Ob das gut ankommt, lasse ich einmal dahingestellt.

STANDARD: Außerdem hätte man Steuerhinterziehung auch unabhängig von der Lohnsteuersenkung bekämpfen können.

Nitsche: Ich will keinesfalls der Steuerhinterziehung das Wort reden. Aber ein Wirtschaftssystem muss auch atmen können. Wenn man jeder Putzfrau hinterherrennt, ob da jeder Euro versteuert ist, dann ist das ein Riesenaufwand. Und läuft dem positiven Image der Steuerreform zuwider. (Conrad Seidl, derStandard.at, 17.3.2015)

Michael Nitsche (50) ist seit dem Vorjahr Geschäftsführender Gesellschafter des Österreichischen Gallup-Instituts.

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    foto: gallup
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