Schäuble zu Syriza: "Alles an Vertrauen wieder zerstört"

17. März 2015, 11:04
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Varoufakis twittert kompletten den Vortrag, in dem der Mittelfinger zu sehen ist und stellt die Frage: "Ist jemand an der Wahrheit interessiert?"

Berlin/Athen – Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ist inzwischen ratlos, wie der Schuldenstreit mit Griechenland bewältigt werden kann. "Was wollen sie denn?", fragte er am Montag vor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin mit Blick auf die neue Regierung. Er finde keinen bei den internationalen Institutionen, der ihm sage, wie die Pläne der griechischen Regierung funktionieren könnten. "Das wird nicht funktionieren", sagte Schäuble. Die neue Regierung habe "alles an Vertrauen wieder zerstört", klagte Schäuble. Griechenland finde auch für seine Dreimonatsanleihen keine ausländischen Käufer mehr.

"Sie haben alles Vertrauen wieder zerstört, das ist ein schwerer Rückschlag", sagte Schäuble. Er warf der Regierung vor, dem griechischen Volk nicht die Wahrheit über die Lage und die Verantwortlichen dafür zu sagen. Es führe aber kein Weg daran vorbei, Europa weiter zu stabilisieren. "Ich bin auch dafür, dass wir die europäische Währung stärken", sagte er. Er warf dem Land vor, in der Vergangenheit weit über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Die griechische Regierung müsse sich der Realität annähern, forderte er.

Varoufakis: Vertraulichkeit gebrochen

Aber auch der griechische Finanzminister Yiannis Varoufakis ließ sich am Montag nicht lumpen. In einem Interview mit einem griechischen TV-Sender sagte er laut Ö1-"Morgenjournal", er habe mit seinem deutschen Kollegen Schäuble Vertraulichkeit vereinbart, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Er, Varoufakis, halte sich daran, Schäuble jedoch nicht.

Reparationszahlungen

Schäuble nahm am Montag auch zu den griechischen Reparationsforderungen Stellung. "Sie werden auch die griechischen Schulden nicht durch wie immer zu konstruierende deutsche Verpflichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg bezahlt bekommen", sagte Schäuble laut "FAZ". "Wer so etwas seiner Bevölkerung verspricht, verschweigt ihr die Wahrheit. Das ist ganz schlecht."

Rückendeckung für die griechische Forderung kommt indessen von der deutschen SPD und den Grünen. "Politisch ist der Fall aus meiner Sicht eindeutig: Wir sollten auf die Opfer und deren Angehörige finanziell zugehen", sagt Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission zu "Spiegel Online". "Ich glaube, es wäre von deutscher Seite gut, wenn wir in Sachen Vergangenheit vor unserer eigenen Tür kehren. Es geht darum anzuerkennen, dass wir in Griechenland schlimmes Unrecht begangen haben."

Der stellvertretende SPD-Chef, Ralf Stegner, sagte: "Wir sollten die Frage der Entschädigungen nicht mit der aktuellen Debatte über die Eurokrise verknüpfen. Aber unabhängig davon bin ich der Meinung, dass wir die Entschädigungsdiskussion führen müssen."

Der Fraktionschef der Grünen, Anton Hofreiter, ist derselben Ansicht. "Deutschland kann die Forderungen aus Griechenland nicht einfach vom Tisch wischen. Weder moralisch noch juristisch ist dieses Kapitel eindeutig abgeschlossen." Die deutsche Regierung sei "gut beraten, mit Griechenland Gespräche über die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen in Griechenland und eine gütliche Lösung zu suchen".

Mittelfinger-Debatte

Nach dem Wirbel um das "Stinkefinger-Video" hat der griechische Finanzminister indessen auf Twitter die komplette Aufnahme seines 2013 gehaltenen Vortrags gepostet. "Ist jemand an der Wahrheit interessiert?", fragt der Minister dabei und schreibt weiter: "Und hier ist das nicht von skrupellosen Medien verfälschte Video." Varoufakis hatte schon zuvor den Vorwurf erhoben, die in der ARD gezeigten Sequenzen seien aus dem Kontext gerissen gewesen.

Moderator Günther Jauch (58) hatte am Sonntagabend in seinem ARD-Talk über die Krise Griechenlands Ausschnitte aus dem Youtube-Video von einem Auftritt des damaligen Wirtschaftsprofessors 2013 bei einer Konferenz in Zagreb eingespielt. Darin ist zu sehen, wie Varoufakis über die Eurokrise referiert und den Mittelfinger in Richtung Deutschland ausstreckt.

Varoufakis hatte nach der Sendung betont, das Video sei gefälscht, der ausgestreckte Mittelfinger hineinmontiert. Dagegen erklärte die Redaktion, es gebe keine Anzeichen von Manipulation oder Fälschung.

Nach der Sendung am Sonntagabend räumte NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz auf Twitter ein, dass man in der Sendung deutlicher hätte hervorheben müssen, dass sich Varoufakis bei seinem Vortrag am 15. Mai 2013 auf die Situation in Griechenland im Jahr 2010 bezog.

(red/Reuters, derStandard.at, 17.3.2015)

  • Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein griechischer Amtskollege Yiannis Varoufakis werden so schnell wohl keine Freunde.
    foto: apa/kappeler

    Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein griechischer Amtskollege Yiannis Varoufakis werden so schnell wohl keine Freunde.

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