Zemanland

Porträt17. März 2015, 10:03
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So wie Kundera die Literatur, wie Forman die Filmwelt, so prägt Zdenek Zeman den Fußball

Ich stehe zu Zeman, "Io sto con Zeman", das kann man auf mehreren Hauswänden in den Großstädten Italiens lesen. Zdenek Zeman, 67-jähriger Trainer von Cagliari, ist ein Symbol. Er steht für gnadenlose Ehrlichkeit, für eine klassische, offensive Spielauffassung und für einen mutigen Kampf gegen das Doping. Zdenek Zeman hat in Italien etwas zustande gebracht, was es vorher nicht gegeben hatte: eine Insel für den alten Mitropa-Fußball – das Zemanland.

foto: apa/epa/brambatti
"Ich zähle nicht mehr, wie viele Zigaretten ich rauche. Sonst rege ich mich noch auf und rauche noch mehr."

Zdenek Zeman wurde in Prag als Sohn eines Arztes und einer Hausfrau geboren. "Mein Vater wollte, dass ich Arzt werde, zum Glück kam es anders". Er wurde Fußballer, obwohl er in seiner Jugend sowohl Wasserball als auch Eishockey spielte. Richtig heimisch aber fühlte er sich bei seinem kickenden Onkel: Cestmír Vycpalek emigrierte 1946 nach Italien. Nach einem misslungenen Fluchtversuch aus der von den Nazis zerschlagenen Tschechoslowakei war er fast zwei Jahre im KZ Dachau inhaftiert gewesen. Wieder in Freiheit, verließ er das Land bei erstbester Gelegenheit und heuerte für ein Jahr bei Juventus Turin an. Vycpalek sollte Italien bis zum Ende seines Lebens nicht mehr verlassen. Eine Parallele zum Leben von Zeman, der 1969 Prag verlassen sollte.

Im Sommer 1968 ist er 21 Jahre alt. Die Sommerferien beginnen. Zeman wird von seinen Eltern mit seiner Schwester Jarmila nach Palermo geschickt, wo der Onkel jetzt lebt. Ausgerechnet während dieser Sommerferien bricht in der Tschechoslowakei die Revolution aus, einmarschierende sowjetische Truppen beenden den Prager Frühling. Zdenek will seine Schwester nicht allein nach Prag zurückfahren lassen und begleitet sie. Aber nach einem Jahr, auf der Suche nach Freiheit, kehrt er in sein geliebtes Sizilien zurück.

Sportmedizin als Grundlage

In Palermo inskribiert Zeman an der Sportuniversität. Das Studium schließt er mit Bestnoten ab, in seiner Diplomarbeit befasst er sich mit Sportmedizin. Kontakte des Onkels verschafften ihm Trainerjobs im palermischen Hinterland: Cinisi. Bacigalupo, Carini, Misilmeri und Esacalza waren seine ersten Stationen. Bei Cinisi versucht er sich anfänglich auch als Spieler. Eine kurze Episode in seiner Laufbahn.

Seine Spielauffassung brachte ihm Bewunderung ein: Er wollte so angriffslustig spielen wie Ajax Amsterdam unter Rinus Michels oder seinem Nachfolger, dem Siebenbürger István Kovács: "Der Kovács hatte ganz klare Ideen. Er kam, wie ich, aus der Schule des Donaufußballs, Calcio Danubiano, wo es schon gang und gäbe war, mit einer Kollektivtaktik zu spielen. Nur war mir sein Fußball zu langsam." Egal wo Zeman auftaucht, er lässt seine Mannschaften im 4-3-3 auflaufen. Er kombiniert den holländischen Spielstil mit tschechischen und italienischen Elementen. "Aufstellung und Trainingssystem werde ich nie ändern. Um das ganze Spielfeld abzudecken, gibt es keine bessere Variante als das 4-3-3."

Nachdem er die Trainerschule in Coverciano absolviert hat, startet er 1983 seine Laufbahn als Profitrainer. Erste wirklich aufsehenerregende Erfolge bringt ihm sein Stil bei der halbprofessionellen Licata ein. Der Klub ist eine Zeitlang dritte Kraft in Sizilien hinter Palermo und Messina. Zeman führt die Mannschaft aus der vierten in die dritte Liga, mit einem fulminanten Angriffsspiel (58 Tore), das schnell die Aufmerksamkeit auf ihn lenkt.

Foggia – die Hauptstadt von Zemanland

Landesweite Bekanntschaft erlangt Zeman allerdings beim unterklassigen Foggia – jedoch nicht in seiner ersten, sondern in seiner zweiten Ära bei den Rot-Schwarzen aus Apulien. Dazwischen versucht er sich kurz bei Parma und bei Messina, mit den Sizilianern wird er Achter in der Meisterschaft und entdeckt einen Spieler, den Österreich auch alsbald kennenlernen sollte: Salvatore "Toto" Schilacci.

Wir schreiben das Jahr 1990, Foggia feiert Schützenfeste bei den Heimspielen in der Serie B. Jeder, der ein Match sieht, wird in den Bann des Zeman'schen Fußballs gezogen. Nach dem Aufstieg in die Serie A wird das noch überboten: Die russischen Stürmer Igor Kolyvanow und Igor Schalimow schießen Foggia auf Platz neun, man stellt den zweitbesten Sturm der Liga hinter dem Milan von van Basten und Gullit. Der "Corriere dello Sport" titelt: "Juve, Milan? Besser Foggia".

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Zeman-Zeiten bei Foggia.


Die Erfolge bringen Zeman 1994 zu Lazio Rom. Lazio hat zwar den erfolgreichsten Angriff der Liga (Boksic, Casiraghi, Signori), aber die Resultate wollen nicht kommen. Ein erster Rückschlag für den Trainer: "Ich wollte nur, dass ihr Spaß habt", sagt er bei seinem bitteren Abschied. 1997 sieht ihn bei der römischen Konkurrenz AS Rom. Aber auch hier folgen auf hohe Siege unverständliche Niederlagen. Francesco Totti reift unter Zeman zum "Capitano".

Der Anti-Doping-Kämpfer

1998 wird während der Weltmeisterschaft in Frankreich in Lille ein Wagen von Polizisten angehalten. Im Kofferraum finden sich 250 Dosen EPO sowie weitere Dopingmittel. Der Wagen wird von dem Masseur des Radteams Festina gefahren, der gerade zum Tour-de-France-Team unterwegs ist . Ein Weltskandal bricht aus.

In Italien hat ein Journalist die Idee, Zeman zum Thema zu interviewen. Der hat zum Thema Sportmedizin immer etwas zu sagen: "Was braucht man im Jahr 2000, um der Beste im Fußball zu sein? Nur zwei Personen. Eine, die sich mit Medizin auskennt, also mit den Medikamenten, und eine mit einem Abschluss in Wirtschaft. Alles andere ist Choreografie. Nur schön für das Fernsehen. Ich hoffe, der Fußball kommt aus den Apotheken und Finanzbüros wieder heraus."

Seine Worte lassen die Emotionen in Italien hochgehen. Das Olympische Komitee Italiens (CONI) kommt nach einer Untersuchung jedoch zum Schluss, dass in der Serie A keine Dopingmittel gebraucht worden sind. Aber die Staatsanwaltschaft ist hellhörig geworden, Zeman muss als Zeuge gegen Torino und Juventus aussagen. Zeman prangert im Zeugenstand den außerordentlich schnellen Muskelzuwachs bei Gianluca Vialli und Alessandro Del Piero (beide Juventus) an. Vialli nennt ihn einen Terroristen, Trainer Lippi verlangt seine sofortige Entfernung aus dem Fußball. Am Ende der Saison 1999 trennt sich der AS Rom von Zeman.

Der abgetauchte Rebell

Von da an verschwindet er für längere Zeit aus dem Blickfeld der großen, unantastbaren italienischen Klubs, den sogenannten "Grande Cinque". Fenerbahce Istanbul, Napoli, Salernitana, Avellino, Brescia, Lecce, Roter Stern Belgrad und wieder Foggia sind seine nächsten Stationen. Mit Pescara steigt er 2012 in die Serie A auf, noch einmal kommt er zur Roma, bleibt aber wieder nicht länger als eine Saison. Derzeit ist der berühmteste Wandervogel des italienischen Fußballs in Cagliari tätig. Nachdem er, ganz auf Zeman'sche Art, Inter auswärts 4:1 schlägt, Empoli sogar 4:0, erwarten alle Sarden die Wende im Abstiegskampf, aber im eigenen Stadion kann Cagliari nicht gewinnen. Zeman wird am 23. Dezember entlassen. Unter seinem Nachfolger Gianfranco Zola stürzt aber Cagliari noch weiter ab, am 9. März holt man Zeman zurück. Für viele in Italien ist er immer noch der Trainer schlechthin. Er hat zwei Kinder, auch sein Sohn wurde Trainer. (Tamas Denes, derStandard.at, 16.3.2015)

foggiano in toscana
Der Sänger Antonello Venditti widmete ihm ein Lied: "La coscienza di Zeman", das Gewissen von Zeman.
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