Scheiß drauf, Mann

16. März 2015, 17:42
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"The.Big.Lumpazi, Coen Brothers vs. Nestroy" des Wiener Bernhard Ensembles

Wien - Na, das fangt ja schon einmal richtig gut an. Eine White-Box als coole TV-Lounge, bequeme Fauteuils fürs Publikum. Auf dem Riesenflatscreen Superman aus dem Jahr 1978, Marlon Brando als Jor El. Aber weil guter Geschmack und Theaterkunst, zumindest im radikalen Verständnis des Wiener Bernhard Ensembles, miteinander nur am Rande zu tun haben, war's das dann - mit der Befriedigung des guten Publikumsgeschmacks. Die Kunst allerdings, die fängt jetzt richtig an. Und die ist bei den Theatergründern Grischka Voss und Ernst K. Weigel wie immer ziemlich verwirrend. Lustig. Nachdenklich. Und hardcore tabulos, aber hallo!

Die Uraufführung von The.Big.Lumpazi, Coen Brothers vs. Nestroy macht, Feenkönig Stellaris möcht' abhüten, keine Ausnahme. Lustvoll und respektlos werden die verrückten Geschichten um Alt-Hippie Jeffrey Lebowski alias Dude, seinen Spießgesellen Walter und Donny sowie seinem millionenschweren Namensvetter aus dem Film The Big Lebowski der Coen-Brüder mit den nicht minder verworrenen Abenteuern des "liederlichen Kleeblatts" aus Nestroys Lumpazivagabundus verrührt und kräftig geschüttelt. Und zwischendurch ein Urinbeutel verspritzt.

Jaja, Nestroy: "Einen Fick will er sich machen." Spätestens, als ein paar sehr eindeutige Pornoszenen über den Bildschirm flimmern, dämmert zwei älteren Damen in der ersten Reihe: Dies ist eine ziemlich unkonventionelle Nestroy-Neudeutung von Ernst K. Weigel, Grischka Voss und ihrem kongenialen, herrlich schmalzenden, schmierenden, outrierenden Bernhard Ensemble (Clemens Berndorff, Kajetan Dick, Albane Troehler, Michael Welz, Yuri Correa Vivar). Ist nach der Ära der Großschwänze schon das Zeitalter der Vaginageneration angebrochen? Das ist hier eine der Fragen.

Unbestreitbar regieren im Off Theater (Kirchengasse 41) Wiens derzeit schamloseste und verhaltensoriginellste Queens and Kings of Trash. Ja, hier herrscht künstlerische Freiheit, körperliche Verausgabung, verbale Entgleisung. Die Kostüme (Julia Rommel) sind eine Herausforderung fürs Auge, die krassen Mono- und Dialoge Abenteuer für Ohr, Herz und Hirn.

The.Big.Lumpazi ist aber nicht nur eine schrille Revue (wunderbar Bernhard Fleischmanns Musikbegleitung zur deftigen Hauptspeise), sondern, ja, ein knallharter Quickie in Sachen Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. Fickaros Hochzeit? Porno oder Liebe? Macho oder Männer mit Gefühl? "Scheiß drauf, Mann." (Andrea Schurian, DER STANDARD, 17.3.2015)

Nächste Aufführung: 17.3.

  • Ernst K. Weigel als Alt-Hippie Lebowski aus dem Coen-Film.
    foto: barbara pálffy

    Ernst K. Weigel als Alt-Hippie Lebowski aus dem Coen-Film.

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