Uni Wien: Keine Gender-Erbpachten

Kommentar der anderen16. März 2015, 18:05
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An der Politikwissenschaft soll seit drei Jahren eine Professur für politische Theorie besetzt werden. Die Ausschreibung ist klar. Dennoch glauben viele, dass ein Feminismus-Schwerpunkt statt des vollen Fachgebietes ausreichend sei. Das Rektorat widerspricht nur zaghaft

Um die Nachbesetzung der seit 2012 vakanten Theorie-Professur an der Wiener Politikwissenschaft gibt es offenbar heftige Verteilungskämpfe. Das in jüngster Zeit (auch in dieser Zeitung) in der Öffentlichkeit gefestigte Narrativ, wonach wohl irgendwelche dunklen Kräfte wieder einmal die kritische Feminismusforschung torpedieren wollen, bedarf schleunigst einiger Anmerkungen und Ergänzungen.

Es geht um die Besetzung einer bereits im Jahr 2012 ausgeschriebenen Vollstelle für Politische Theorie an der Universität Wien. Bisherige Lehrstuhlinhaberin war Eva Kreisky, eine ausgewiesene und exponierte Vertreterin einer kritischen, feministischen Tradition. Es geht nicht um die Nachbesetzung einer einschlägigen Genderprofessur oder einer Theoriestelle mit Genderschwerpunkt. Die Ausschreibung lautet schlicht und einfach "politische Theorie"; ohne jeglichen Zusatz.

Die oder der Nachfolger soll das gesamte Fachgebiet in seiner vollen Breite und Tiefe vertreten. Gesucht werden "hervorragende Leistungen in der Forschung, internationale Reputation und exzellente Publikationstätigkeit sowie Einbettung in die internationale Scientific Community". Von den - überraschenderweise gar nicht so zahlreichen - Bewerbungen wurden acht zu einem Hearing geladen, und von der Berufungskommission wurde der übliche Dreiervorschlag - lautend auf die vier (!) Namen: Isabell Lorey, Nikita Dhawan, Oliver Marchart, Ina Kerner - dem Rektorat übermittelt.

Zur Beantwortung der Fragen, wie diese Reihung zustande gekommen ist und warum gerade diese vier Namen aufscheinen, ist man auf die Gerüchteküche angewiesen. Denn trotz aller Lippenbekenntnisse zur und der Einforderung von Transparenz in anderen Bereichen, halten sich alle Beteiligten bedeckt. So bleibt unbeantwortet, warum alle vier Vertreter eines kritischen, feministischen bzw. postkolonialen Zweiges der Politikwissenschaft sind, Repräsentanten, die das gesamte Theoriefach abdecken, jedoch nicht berücksichtig sind. Gary S. Schaal, immerhin Mitherausgeber eines deutschsprachigen mehrbändigen Standardwerks über Ideen und Theorien in der Politikwissenschaft wurde so etwa nicht vorgeschlagen.

Dieser Vorschlag wurde vom Rektorat informell abgelehnt (inklusive der gerüchtweise verbreiteten Begründung, die Berufungskommission hätte ihre Arbeit nicht getan). Daraufhin erfolgte eine Umreihung. Aber auch hier scheint es sich zu spießen: Die Stelle ist weiterhin unbesetzt.

Die kritische Feminismusfraktion am Institut für Politikwissenschaft sieht sich jedenfalls in ihren schlimmsten Befürchtungen gestärkt, wonach durch die Umreihung wohl die beiden erstgereihten Frauen übergangen werden sollen und der einzige männliche Vertreter auf Platz gesetzt wird. Damit geht die Überzeugung einher, dass es für die Kreisky-Nachfolge quasi einen gewohnheitsrechtlichen (sich selbst regulierenden) Nachfolgemodus gäbe. Das wird unter Hinweis auf die durch die bisherige Lehrstuhlinhaberin etablierte "Tradition" zur kritischen Feminismusforschung unterstrichen. Dass die Kritikerinnen und Kritiker dabei von falschen Voraussetzungen ausgehen, zeigt ein Blick zurück auf die damalige Berufung von Eva Kreisky in den 1990er-Jahren:

Wenig Breite

Damals wurde eine Nachfolge für Heinrich Schneider gesucht. Der Dreiervorschlag lautete: Ulrich von Alemann, Eva Kreisky, Jozsef Bayer. Verhandelt wurde mit dem Erstgereihten - damals noch durch den Wissenschaftsminister Erhard Busek. Die Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis (laut damaliger Gerüchte wohl auch deshalb, weil Alemann ausreichend finanzierte Assistenzstellen forderte). Erst nach dem Scheitern dieser Gespräche kam Eva Kreisky zum Zug. Sie übernahm einen Fachbereich, der die politische Ideengeschichte und Theorie in ihrer vollen Breite darstellte. Ein Blick ins damalige Vorlesungsverzeichnis macht dies (schmerzlich) bewusst: Damals - vor fast 25 Jahren - begann die politische Theorie noch im antiken Griechenland und führte in ihrer Gesamtheit bis in die Gegenwart. Eine Selbstbescheidung in der Darstellung politischer Theorie auf feministische/(trans)gender/queere Sicht- und Verständnisweisen hatte noch nicht Einzug gehalten; ebenso wenig wie eine Fixierung auf ein marxistisches, neogramscianisches oder foucaultsches Weltbild (um auch andere in Wien besonders etablierte Denkschulen zu nennen).

Eines scheint klar: Keine der beteiligten Seiten hat sich in der anstehenden Berufung mit Ruhm bekleckert: Weder hat das Institut die Stellenbeschreibung so mit beeinflusst, dass ein offenbar gewollter Feminismus-Schwerpunkt unumgänglich ist. Noch hat das Rektorat bisher die Härte und Klarheit gezeigt, den existierenden Vorschlag eben zurückzuweisen. Mit allen Konsequenzen.

Und worüber überhaupt niemand spricht: Weder ein Monatsgrundgehalt von 4782 Euro brutto noch die Aussicht, am größten deutschsprachigen Politikinstitut fix zu lehren, bewegt die internationalen Glanzgestalten des Fachs dazu, nach Wien zu kommen. Die Universität Wien ist im 650. Jahr ihres Bestehens einfach nicht mehr attraktiv genug. Die Leidenden an der Misere sind klar: die Studierenden das Faches Politikwissenschaft. Sie werden auch weiterhin ihre (bedauerlich weitverbreiteten) Theorieschwächen kultivieren. Ein Teufelskreis. (Stefan Brocza, DER STANDARD, 17.3.2015)

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und Internationale Beziehungen sowie u. a. Lehrbeauftragter an den Universitäten Wien und Salzburg.

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