KZ-Arzt Aribert Heim: "Dr. Tod" aus Bad Radkersburg

30. März 2015, 11:29
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Ein neues Buch widmet sich dem Fall des Mauthausener KZ-Arztes Heim, der sich nie für seine Taten verantworten musste

Berlin/Wien/Bad Radkersburg - Er stammte aus Bad Radkersburg in der Steiermark, war während des Krieges KZ-Arzt in Mauthausen und später einer der meist gesuchten NS-Verbrecher: Aribert Heim, Jahrgang 1914. Er wurde nach seiner Flucht aus Deutschland nie gefunden. Die beiden Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet haben nun im Buch "Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher" die Geschichte Heims aufgerollt.

Das Buch führt wieder einmal vor Augen, wie wenig enthusiastisch die österreichische Justiz nach Kriegsverbrechern suchte. Als die Erinnerung noch präsent war und viele der Opfer noch lebten. Auch Opfer von "Dr. Tod", wie er in Mauthausen wegen seiner perfiden Tötungsarten genannt wurde. So soll er nicht nur gesunde Menschen operiert, sondern Menschen mittels Benzininjektionen ins Herz umgebracht haben.

Flucht nach Kairo

Unmittelbar nach dem Krieg befand sich Heim zwar als früherer SS-Angehöriger im Gewahrsam der Alliierten, wurde aber entlassen und lebte dann unbehelligt mit seiner Frau und zwei Söhnen als Arzt in Baden-Baden im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. 1962 wurde er, wie viele andere Nazi-Größen auch, vor drohenden Nachforschungen gewarnt und konnte sich so gerade noch rechtzeitig absetzen. Bis zu seinem Tod 1992 lebte er offenbar in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Am Beispiel Heims zeigt das Buch das schwankende Interesse der Gesellschaft in Deutschland und Österreich an der Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Wollte man in den ersten Jahren nach dem Krieg eher nicht viel davon wissen, brachte die Ausstrahlung des amerikanischen Fernseh-Viertteilers "Holocaust" Ende der 1970er Jahre eine Wende im Bewusstsein. Fast schien es, dass der Eifer Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, zunahm, je länger der Krieg zurück lag.

Vergebliche Suche

Im Fall Heim wuchs das Interesse auch, als bekannt wurde, dass der gebürtige Österreicher von den Mieteinnahmen eines Hauses in Berlin lebte. Seine Schwester schickte Geld, sein jüngerer Sohn besuchte ihn regelmäßig, was den Behörden angeblich unbekannt war.

Das alles haben die beiden Autoren akribisch zusammen getragen. Wie in einem Krimi entwerfen sie erst einzelne Handlungsstränge, die sie langsam zusammenführen. Simon Wiesenthal und ein deutscher Kriminalbeamter hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, "Dr. Tod" zu finden, doch es gelang ihnen nicht. Aribert Heim erkrankte an Krebs und starb nach Angaben seines Sohnes 1992 in einem Hotelzimmer in Kairo.

Jahrzehnte zuvor hatte er einen anderen Namen angenommen, war später zum Islam konvertiert und lebte laut den Autoren spätestens nach der Entdeckung Adolf Eichmanns in Südamerika in ständiger Sorge, aufgespürt zu werden. Letztlich war es eine staubige Aktentasche in Kairo, in der der ehemalige KZ-Arzt wichtige Dokumente und Schriftstücke aufbewahrte, die zu seinem einstigen Aufenthaltsort führten - mehr als eineinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod. (APA/red, derStandard.at, 30.3.2015)


Souad Mekhennet, Nicholas Kulish: "Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher", aus dem Englischen von Rita Seuß, Verlag C.H.Beck, München, 2015. 352 Seiten, 24,95 Euro. ISBN 978-3-406-67261-3

  • Archivbild aus dem Jahr 2007, als die Suche nach Heim noch im Gange war.
    foto: reuters/marcos brindicci

    Archivbild aus dem Jahr 2007, als die Suche nach Heim noch im Gange war.

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