Das Drama nach dem Flüchtlingstod

Das Bemühen vieler Länder, auf der Flucht gestorbene Migranten zu identifizieren, nimmt ab. Angehörige bleiben in Ungewissheit zurück

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3. April 2015, 09:51

Verfolgung, Gewalt, Armut: Es gibt viele Gründe, die Menschen dazu treibt, die Heimat zu verlassen und unter zumeist schwierigsten Bedingungen zu flüchten. Am Ende dieser Reise wartet die Abschiebung, ein Asylverfahren mit offenem Ende - oder es ist der Tod, der das Leben vieler Migranten jäh beendet. 2014 kamen weltweit 1555 Menschen bei ihrer Flucht ums Leben, 3323 wurden vermisst. Heuer gibt es bereits wieder mehr als 600 registrierte Todesfälle. Die Geschichte nimmt für die Öffentlichkeit hier zumeist ein Ende - dass danach aber oft noch ein weiteres Drama folgt, geht in der Regel unter.

Sterben Migranten während ihrer Flucht, bleibt deren Identität oft ungeklärt. Die Angehörigen werden also nie erfahren, was mit ihren geflüchteten Verwandten passiert ist. Dass sie ohne Papiere unterwegs sind, was eine etwaige Abschiebung ins Heimatland verhindern soll, aber im Todesfall eben die Identifizierung erschwert, lässt Frank Laczko nicht als Ausrede gelten. "Viele Opfer des Tsunamis im Jahr 2004 hatten auch keine Papiere, weil sie zur Zeit des Unglücks am Strand waren. Trotzdem konnten viele Identitäten festgestellt werden, weil sie aus Europa kamen", sagt der Ermittlungschef der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im STANDARD-Gespräch. Für Laczko ist es eine Frage der Prioritätensetzung, ob den verstorbenen Flüchtlingen ein angemessenes Begräbnis ermöglicht werden kann: "Hier wird oft vergessen, dass es sich um Menschen mit Rechten handelt. Dazu gehört auch das Recht auf eine angemessene Beerdigung."

Eine international anerkannte Standardprozedur, wie mit unidentifizierten Leichen von Migranten zu verfahren ist, gibt es nicht. Zusätzlich verschärft wird diese Problematik durch die immer weiter wachsenden Flüchtlingsströme, hervorgerufen durch Konflikte wie in Syrien oder aktuell in Libyen. "Vor ein paar Jahren wurde noch viel Arbeit investiert, um die Leichen zu identifizieren. Auch die Begräbnisse waren ausführlicher. Aber mit den wenigen Ressourcen, die den Behörden zur Verfügung gestellt werden, können die Toten nur noch so simpel wie möglich beerdigt werden", erklärt Laczko.

foto: epa/ettore ferrari
Gräber von unidentifizierten Flüchtlingen auf dem Friedhof von Lampedusa.

In Europa, wo im Mittelmeer weltweit die meisten Toten zu beklagen sind (siehe Grafik), bemängelt er, dass es weder ein zentralisiertes System gibt, um die Leichen von Migranten zu identifizieren, noch Automatismen, um Angehörige in den Herkunftsländern zu informieren. Auf Nachfrage bestätigt eine Sprecherin der EU-Kommission das Fehlen solcher Strukturen und verweist auf die Zuständigkeit der einzelnen Staaten. Es sei möglich, heißt es in dem schriftlichen Statement, dass viele der verstorbenen Migranten unidentifiziert bleiben. Bei den bislang 600 Toten in diesem Jahr war das laut IOM bei knapp 500 Leichen der Fall.

foto: epa / lara sirignano
Auf der Insel Lampedusa wird der Sarg eines Flüchtlings weiterbefördert.

Auch wie mit den Leichen dann verfahren wird, wenn eine Identifizierung nicht möglich war, ist nicht einheitlich geregelt. In US-amerikanischen Kalifornien werden beispielsweise die Toten kremiert und die Asche über dem Meer verstreut. In vielen Ländern gibt es einfache, unmarkierte Gräber. In Österreich ist laut Bestattungsgesetzen für jede Leiche eine Erdbestattung festgeschrieben (siehe unten).

Im allerschlimmsten Fall gibt es aber überhaupt keine sterblichen Überreste mehr, wie Laczko erklärt, dessen Organisation eng mit der Uno zusammenarbeitet. Der Mangel an Ressourcen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Leichen am Grund des Mittelmeers oder in der mexikanischen Wüste unentdeckt bleiben.

Einige NGOs wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz oder das Colibri Centre in den USA (siehe unten) haben die Defizite bereits erkannt und versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Spuren der Verstorbenen nachzugehen und ihren Angehörigen die Ungewissheit zu nehmen. Doch die Hürden bis dahin sind groß: Die Familien müssten sich zunächst einmal bei den Behörden ihrer Heimatländer melden. Das ist nicht immer der Fall, weil gerade in fragilen Ländern kein Vertrauen in den Staat gesetzt wird.

foto: reuters/pudyanto
Massenbegräbnis von unidentifizierten Flüchtlingen in Indonesien, die auf der Bootsfahrt nach Australien ertranken.

Im Idealfall sollte dann Kontakt zu den Behörden im möglichen Zielland aufgenommen werden. Doch hier gibt es keinen konkreten Ansprechpartner, weder in Europa noch in anderen begehrten Ländern wie den USA. In einem konkreten Fall hat dies sogar dazu geführt, dass die Verwandten selbst über das Mittelmeer reisten, um nach ihrem vermissten Angehörigen zu suchen. "Diese Situation kann zu noch mehr Flüchtlingen und Schlepperei führen", warnt Laczko.


"Wir müssen Identifizierungen als Wunder sehen"

US-mexikanische Grenze: Das Colibri Centre spürt verstorbene Migranten auf und hilft den Familien

foto: privat
Robin Reineke hat das Colibri Centre gegründet, um vermisste Flüchtlinge aufzuspüren und deren Familien zu helfen.

Der junge Mexikaner Marco will die Grenze zu den USA gemeinsam mit Freunden überqueren. Einer von ihnen ruft eine Woche später bei Marcos Mutter Catalina an. Sie mussten ihn in der Sonora-Wüste zurücklassen, weil er dehydrierte. Catalina weiß, was es bedeutet, wenn man in der Wüste zurückgelassen wird: in der Regel den Tod. Sie kontaktiert das Colibri Centre und versorgt es mit allen relevanten Infos. Nach Recherchen kommen drei Leichen infrage, auf einer Webseite kann man deren Kleidungsstücke begutachten. Catalina erblickt dabei eine Jean. Es ist jene Hose, die einst Marcos Vater gehörte und die Catalina umnähte, damit sie dem Sohn passte - also ein unverwechselbares Kleidungsstück. Es folgt ein DNA-Abgleich, der positiv ausfällt. Nun ist Marco in seinem Heimatort in Mexiko begraben.

Die Anthropologin Robin Reineke erzählt von diesem Fall, es ist eines der Positivbeispiele in der Geschichte des Colibri Centre. Die 2013 gegründete NGO mit drei hauptberuflichen Mitarbeitern und drei Freiwilligen hilft Familien von vermissten Migranten, die die US-mexikanische Grenze überqueren wollen. Laut IOM sind seit 1998 mehr als 6500 Menschen dabei gestorben, im vergangenen Jahr gab es 168 Tote.

foto: ap / eric gay
Gräber unidentifizierter Migranten auf einem Friedhof im Süden von Texas.

Reineke arbeitete freiwillig in der Gerichtsmedizin in Tucson, Arizona, nahe der Grenze zu Mexiko. Oft riefen mexikanische Familien an und fragten nach ihren vermissten Angehörigen. Allerdings kümmerte sich niemand darum, also fing Reineke an, selbst Berichte über unidentifizierte Leichen zu verfassen und mit Vermisstenmeldungen abzugleichen. So entstand das Colibri Centre, das durch freiwillige Spenden finanziert wird. "Wenn irgendjemand dann endlich einmal kapiert, dass so etwas in einem staatlichen Rahmen gemacht werden muss, geben wir unsere Datensätze gerne ab", sagt Reineke.

Bis dahin muss das Colibri Centre in mühsamer Kleinarbeit Informationen zusammensuchen - bei der Gerichtsmedizin, beim US-Grenzschutz, in den Botschaften mittelamerikanischer Länder oder durch NGOs ebendort. Über diese verschlungenen Wege kommen die betroffenen Familien auch auf das Colibri Centre - offizielle Stellen gibt es ja nicht.

Bleiben Leichen von Migranten trotz aller Bemühungen unidentifiziert, so wird je nach US-Bundesstaat unterschiedlich vorgegangen. In Arizona kommt es beispielsweise zu Einäscherungen, in Texas zu Erdbestattungen. Dort gibt es dafür laut Colibri Centre kaum Untersuchungen, um die Identität der Leichen festzustellen. Betrachtet man also die Rahmenumstände, erklärt Reineke, "dann muss man Identifizierungen als Wunder sehen".


Die vergebliche Suche nach fünf in Österreich gestorbenen Flüchtlingen

Der einzige dem Innenministerium in den letzten Jahrzehnten bekannte Fall über unidentifizierte gestorbene Migranten in Österreich ereignete sich am 26. Jänner 1993. An jenem Tag wurde auf einem Parkplatz bei Leobersdorf ein Lkw mit fünf erstickten Flüchtlingen aus Sri Lanka entdeckt. Die weitere Vorgehensweise ist in den Bestattungsgesetzen der Bundesländer festgelegt. Wenn keine Angehörigen bekannt sind, hat laut Paragraf 11 des niederösterreichischen Bestattungsgesetzes die Gemeinde, in der sich der Todesfall ereignet hat, ein anatomisches Universitätsinstitut zu verständigen, dass die Leiche abholen kann. Ansonsten ist die Gemeinde für die Bestattung verantwortlich.

Im Fall der fünf toten Flüchtlinge hat das Land Niederösterreich nach Rückfrage mit der Stadtgemeinde Leobersdorf erklärt, dass die Verstorbenen auf Anordnung der Staatsanwalt Wiener Neustadt in die Gerichtsmedizin gebracht wurden. Eine Anfrage dort ergab, dass aus dem Jahr 1993 keine Dokumente mehr gelagert seien - es wurde an das Staatsarchiv verwiesen. Dort reichen gerichtliche Gutachten nur bis 1990 zurück, etwaige andere Jahrgänge sonstiger Gutachten wurden in einem ungeordneten Zustand abgegeben und können somit nicht bereitgestellt werden.

Unabhängig davon gilt eine archivische Schutzfrist von 30 Jahren, die aber durch Genehmigung des Aktenproduzenten, in diesem Fall der Gerichtsmedizin, auf 20 Jahre herabgesetzt werden kann. Trotzdem wäre nicht mit einem positiven Rechercheergebnis zu rechnen, da man dafür einen Namen bräuchte und außerdem aus den Gutachten generell nicht hervorgeht, was mit den Leichen nach einer Obduktion passiert ist.

Wovon man zumindest ausgehen kann: Die toten Flüchtlinge wurden einer Erdbestattung zugeführt. Das ist für Verstorbene ohne bekannte Angehörige festgelegt. (Kim Son Hoang, DER STANDARD, 3.4.2015)