Müll essen als Konsumkritik

Userartikel18. März 2015, 20:54
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Freeganer holen sich Lebensmittel in der Nacht aus Müllcontainern und klinken sich bewusst aus dem Konsumsystem aus

Freeganer essen weder Fleisch noch sonstige tierische Produkte und ernähren sich von Lebensmitteln aus dem Müll. Sie "dumpstern" oder "containern". Erklärtes Ziel ist es, dadurch die Teilnahme an einer kapitalistischen Volkswirtschaft zu verringern. Etwa ein- bis zweimal in der Woche bergen Wiener Freeganer noch zum Verzehr geeignete Lebensmittel aus Mülltonnen und -containern von Supermärkten. In der Öffentlichkeit stoßen sie entweder auf Unterstützung und Zuspruch oder auf Abscheu und Ekel. Eine Gruppe, die sich wöchentlich zum freeganen Stammtisch trifft, erzählt.

"Normalerweise sind wir in drei Sekunden drin", raunt Hannah (26) und fummelt weiter mit einem Schlüssel, der in der freeganen Szene die Runde macht, am Schloss des Müllraums eines Supermarktes herum. Endlich öffnet sie die Tür zu dem gefliesten Raum, und kühle, abgestandene Luft schlägt einem entgegen. Die fünf Freeganer drängen schnell hinein, öffnen ihre Rucksäcke, holen Plastiksackerln heraus, ziehen sich Handschuhe über. Zwei große schwarze Restmüll-Container werden geöffnet. Zwischen Plastikverpackungen und Papiermüll finden sie noch gute Lebensmittel. Was sie aus dem Mülleimer retten, legen sie davor auf den Boden: Kartoffeln, Paprika, Kohlsprossen, Hummus, Bananen, Berge von Weihnachtskeksen und sogar zwei Dosen Radler. Was die Konsumgesellschaft als Müll wegwirft, wird anschließend unter den Freeganern aufgeteilt.

Dumpstern gegen das System

"Immer, wenn ich etwas kaufe, sende ich ein Signal an dieses kapitalistische System", erklärt Georg. "Wenn ich dumpstern gehe, hole ich Lebensmittel aus dem Müll, die eigentlich nicht mehr im System existieren. Also muss ich dieses nicht mehr unterstützen." Er ist 20 Jahre alt und erst seit zwei Monaten freegan. Nur von den Lebensmitteln, die er findet, kann er nicht leben. Gerade spezielle vegane Produkte wie Linsen, Hirse, Seitan oder Tofu gib es eher selten, da sie nicht in so großen Mengen produziert werden.

"Wir waren total schockiert"

Jeden Mittwochabend findet der Freeganer-Stammtisch im zwölften Bezirk in Wien statt. In dem Bierpub gibt es unter anderem vegetarische und vegane Speisen, deshalb erfreut sich das Lokal bei den Freeganern größter Beliebtheit. Die Wände sind voll mit Bücherregalen, Brettspielen, Plakaten und Flyern.

Florian (27) erzählt: "Als wir das erste Mal dumpstern waren, ist uns erst einmal aufgefallen, was alles weggeschmissen wird. Wir waren total schockiert, wie wir überhaupt in dieses kranke System hineingekommen sind. Man kennt ja dieses Beispiel, dass man von dem Brot, das in Wien weggeschmissen wird, Graz ernähren kann. Wenn man das Ganze selber, mit eigenen Augen sieht, ist das Wahnsinn." Er erklärt auch, wie dieser Überschuss zustande kommt. Auf der einen Seite sei es das Kundenverhalten. Der Kunde möchte immer frische Ware haben, auch fünf Minuten vor Ladenschluss. Auf der anderen Seite seien es die Märkte, die immer frisch anbieten wollten und mit Sonderangeboten lockten.

Lebensmittelverteiler

Auch nichtvegane Produkte werden meistens mitgenommen und verschenkt, zum Beispiel an Familie und Freunde. Über Fleisch und Fisch freuen sich besonders die Haustiere der Freeganer. "Ein großer Part der Dumpster-Szene ist ja auch, dass es an Verteiler weitergegeben wird, und zu den Verteilern kommen auch wirklich viele Menschen, die die Lebensmittel aus finanziellen Gründen brauchen", sagt Florian und nimmt einen Schluck von seinem Bier. Viele trauten sich nicht, selbst dumpstern zu gehen, seien aber darauf angewiesen, Lebensmittel gratis zu bekommen.

Image: "Zwielichtig und grauslich"

Die Mitmenschen reagieren eher positiv auf die Ernährungsumstellung. "Ich kann mir vorstellen, dass zum Beispiel alte Leute das Lebensmittel-Retten eigentlich gut finden, denn das sind vielleicht Leute, die selbst um das Überleben gekämpft, selbst Lebensmittel aus dem Müll gerettet haben oder betteln und hungern mussten. Deshalb finden sie es umso schlimmer, wenn man das wegwirft", sagt Georg. Sonst stehe der Freeganismus eher kontrovers in der Öffentlichkeit. Etwas, das man in der Nacht macht, wirke vielleicht "zwielichtig und grauslich". "Manche finden es halt blöd, dass man etwas aus dem Müll holt", sagt Hannah. Auch Florian erzählt, dass viele sich ekeln und vergessen, dass hinter freeganen Aktivitäten nicht finanzielle Probleme, sondern Ethik und Konsumkritik stecken.

Unterwegs nach Ladenschluss

Was aus dem Müll geholt wird, fehlt den Märkten an Umsatz, weshalb die Freeganer ihrer Tätigkeit nur heimlich nachgehen. Sie sind nur nach Ladenschluss unterwegs. Anfangs gehen sie außerdem in einer Gruppe, weil es mehr Sicherheit gibt. "Gruppen haben aber natürlich den Nachteil, dass sie viel Lärm machen und es länger dauert", so Hannah. Fünf Personen, so wie sie heute unterwegs sind, sind ihrer Meinung nach schon zu viele.

Rechtliche Grauzone

Rechtlich bewege man sich in einer Grauzone, sagt Hannah und zwinkert. Ein Problem könne etwa sein, dass Anwohner die Polizei riefen, wenn sie jemanden in einen Müllraum gehen sehen würden. Sie gehe immer freundlich mit den Polizistinnen und Polizisten um und erkläre ihnen, was sie da tue, dann würden sie es relativ schnell begreifen, und von der menschlichen Seite her sei es ja verständlich.

Florian ergänzt: "Auf der einen Seite heißt es, Müll gehört niemandem, auf der anderen Seite könnte man argumentieren, man nimmt der MA 48 Wärmeenergie weg, denn die verbrennen ja organischen Müll. Im Endeffekt ist es aber nur eine Besitzstörung." (Wann liegt eine Besitzstörung vor?) Da Schlüssel vorhanden seien, sei es kein Einbruch, sagen die Freeganer, im Normalfall würde niemand verurteilt. Die Polizei gebe die Information an die Supermärkte weiter, und diese müssten eigentlich mit einem Anwalt zivilrechtlich klagen. "Das tun sie sich eh nicht an", sagt er und grinst. Außerdem haben die Freeganer ein Druckmittel in der Hand: Supermärkte sind in Österreich gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Müll zu trennen. Das soll aber bei den wenigsten Märkten der Fall sein.

Szene in Wien

"Freegan ist eher eine Randbewegung, denn eigentlich ist es ja die Dumpster-Szene, die groß ist", sagt Florian. Diese schätzt er in Wien auf 1.500 bis 2.000 Leute, davon 200 Freeganer. Der freegane Zweig hat sich um Felix Hnat, den Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich und Initiator der Website freegan.at, entwickelt. Der Abend endet wieder in dem Bierpub, wo sich die Gruppe austauscht und für ihren nächsten Trip vorbereitet. (Julia Pfleger, derStandard.at, 18.3.2015)

Julia Pfleger studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Twitter: @julia_pfleger

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