Red Bull Racing droht mit Ausstieg

16. März 2015, 10:21
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Helmut Marko denkt über Ausstiegsszenarien des österreichischen Rennstalls nach – Wolff empfiehlt die Klagemauer

Melbourne – Mercedes schafft auch mit angezogener Handbremse problemlos Doppelsiege, Red Bull droht bereits nach dem ersten Rennen mit dem Ausstieg aus der Formel 1. Das war die Quintessenz des WM-Auftakts 2015 in Australien. Auf der Piste war in Melbourne zwar nicht viel los gewesen, dafür ist hinter den Kulissen ein Flächenbrand im Entstehen.

Als "Mercules" betitelte die australische Zeitung "Herald Sun" ihren Bericht über die Überlegenheit der Silberpfeile beim Grand Prix von Australien, der knapp an einer Farce vorbeigeschrammt war. Nur 15 statt 20 Autos schafften es auf die Startaufstellung, elf kamen ins Ziel mit Ex-Weltmeister Jenson Button im zweifach überrundeten McLaren-Honda als Letztem.

Vorn hatten Sieger Lewis Hamilton und Nico Rosberg den drittplatzierten Sebastian Vettel im Ferrari um mehr als eine halbe Minute abgehängt, ohne dabei ans Limit gehen zu müssen. "Ich habe nicht viel von Mercedes im TV gesehen", kommentierte Red-Bull-Teamchef Christian Horner die Suche der Regisseure nach spannenden Zweikämpfen.

Horner fordert regulierende Maßnahmen

Horner forderte den Weltverband FIA umgehend auf, regulierende Maßnahmen zu treffen wie man es einst auch bei Red Bull getan hatte. Lokalmatador Daniel Ricciardo entschuldigte sich nach einem defektreichen Wochenende und Platz sechs bei seinen Landsleuten für die langweilige Renn-Prozession. "Viel los war im Albert Park nicht, sorry", sagte der sonst so gut gelaunte Red-Bull-Fahrer.

Aus dem Lager des Vierfach-Weltmeisters aus Österreich kam nach dem WM-Auftakt die heftigste Kritik. Einerseits am eigenen Motorenlieferanten Renault, weil die Hoffnungen und Versprechungen auf Verbesserung zumindest in Australien ad absurdum geführt wurden. Mehrere Motorschäden und anhaltender PS-Mangel – angeblich liegt man nun schon 100 Pferdestärken zurück – trafen beide Teams von Dietrich Mateschitz.

Man macht bei Red Bull vor allem die seit 2014 verwendeten, komplexen und teuren V6-Hybridantriebe, die auch Neueinsteiger Honda offenbar nicht hinbekommt, mitverantwortlich dafür, dass die drückende Mercedes-Überlegenheit der Formel 1 zu einer Zweiklassengesellschaft führt und der "Königsklasse" die Spannung nehmen könnte. Mateschitz könnte bei anhaltender Hinterherfahrerei durchaus irgendwann die Lust an der Formel 1 verlieren, nahm sich Motorsport-Berater Helmut Marko schon in Australien kein Blatt vor den Mund.

Marko: "Reglement killt den Sport"

Red Bull ist bekanntlich aus Marketing-Gründen in der Formel 1, und genau dort sieht man nicht nur bei den Österreichern großen Handlungsbedarf. "Das aktuelle Reglement killt den Sport", hält Marko die aktuelle Vermarktung der Formel 1 für erneuerungsbedürftig. "Die Formel 1 muss wieder das geilste, kräftigste und schnellste Paket sein", hatte der Grazer schon vor dem Wochenende gefordert.

Plus Kosteneinsparungen, etwa durch Verzicht auf Windtunnel, was laut Marko auf einen Schlag 20 Millionen bringen würde. Beim Wunsch nach leistbaren, starken und lauten Triebwerken sieht man sich offenbar mit Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone in einem Boot, der erst unlängst klargemacht hatte, dass man sich hier ja im Showgeschäft befinde.

Änderungen vor 2017 scheinen aber nicht möglich. Für 2016 wäre Einstimmigkeit nötig, da ist Mercedes mit seinen drei Kundenteams aber zu stark.

Ausstiegsszenarien bei Red Bull Racing

"Wir sind unzufrieden damit, wie die Formel 1 regiert und geführt wird", sagte Marko bei "auto, motor und sport": "Deshalb wird bei uns auch über ein Ausstiegsszenario nachgedacht, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr aufgeht."

Dazu passt, dass das zweite Mateschitz-Team Toro Rosso ohnehin zur Disposition steht. Interesse hat ausgerechnet Red Bulls Motorenlieferant Renault, der mit der Außendarstellung unzufrieden ist und wieder ein eigenes Team will.

Dass die ebenfalls Renault-getriebenen Boliden des Übernahmekandidaten in Australien besser liefen als die des Einser-Teams, war ein Fakt. Red Bull und Renault sind nach den Problemen des Vorjahres zwar enger zusammengerückt, bei den Franzosen fühlt man sich von der forschen Gangart der Österreicher aber offenbar etwas überfahren. Am Mittwoch wird in England Klartext gesprochen.

Wolff empfiehlt die Klagemauer

An der aktuellen Zweiklassengesellschaft der Motorsport-Königsklasse trägt Mercedes wohl die wenigste Schuld. Dementsprechend fiel auch deren Reaktion in Melbourne aus. "In der Formel 1 geht es darum, zu gewinnen. Wer etwas anderes will, soll etwas anderes machen oder daheimbleiben", meinte der Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda.

Mercedes-Motorsport-Direktor Toto Wolff gab zumindest zu, dass es zu keinem wirklichen Kampf der beiden Piloten gekommen sei, weil man in Melbourne Benzin sparen muss. "Nach dem Start war es mehr oder weniger entschieden."

Für die vielen Klagen gleich nach dem ersten Rennen hatte er aber kein Verständnis. "Uns ist es auch lange so gegangen, und wir haben nicht gejammert", sagte der Wiener und wurde noch deutlicher. "Es gibt da in Jerusalem eine Mauer, vor die du dich stellen kannst und klagen. Vielleicht sollten sie dahin gehen", meinte er. (APA, 16.3.2015)

  • Red Bull Racing fährt hinterher und wird nervös.
    foto: apa/epa/azubel

    Red Bull Racing fährt hinterher und wird nervös.

  • Konkurrenz unter Kontrolle: Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.
    foto: apa/ap/maker

    Konkurrenz unter Kontrolle: Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.

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