Serdar Somuncu: "Es muss eine neue Idee von Identität geben"

Interview16. März 2015, 13:35
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Der deutsche Kabarettist mit türkischen Wurzeln spricht über sein neues Programm "H2 Universe – Die Machtergreifung", Hitlers "Mein Kampf" und die Tücken des österreichischen Islamgesetzes

STANDARD: Im Juni kommen Sie mit Ihrem neuen Programm "H2 Universe – Die Machtergreifung" nach Österreich. Was darf man sich darunter vorstellen?

Serdar Somuncu: Das Ganze baut auf meinem früheren Programm "Der Hassprediger" auf, daher das "H". Dieser Hassprediger war eine fiktive Religionsfigur, Prophet und Gott in Personalunion. Als quasi Erleuchteter habe ich da eine Religion begründet, die Hassismus heißt – und wir hassen. Ein Prinzip ist nur: Wenn wir beleidigen, dann beleidigen wir ausnahmslos alle. Damit es gerecht verteilt ist. Im Grunde ging es uns darum, zu lernen, wie Intoleranz entsteht, wie man sie versteht, entlarvt und schließlich entkräften kann.

STANDARD: Und warum jetzt "H2"?

Somuncu: Wie das mit Religionen nun einmal so ist, war von Anfang an angelegt, dass ich eines Tages sterben und zum Märtyrer werden muss. Genauso vorprogrammiert war allerdings, dass ich wiederkehre. Und zwar als Geisteswesen. "H2 Universe" wird also eine Art Pfingstfest, wo der Heilige Geist zurückkommt und noch einmal abrechnet.

STANDARD: Die Saat ist gepflanzt, und nun kommt die Ideologie zum Tragen.

Somuncu: Ganz genau. Und die Leute haben diesen Gedanken sehr gerne aufgenommen und spielen den auch mit. Also ich habe jetzt in Deutschland etwa 350.000 Facebook-Fans, und die Vorstellungen sind voll, ohne Plakate. Das ist wie eine Sekte von Leuten, die sich dieser fiktiven Ideologie verbunden fühlen. Und mit der "Machtergreifung" soll eben jetzt der nächste Schritt getan werden. Es bleibt aber natürlich alles spielerisch.

STANDARD: Das Publikum ist also Teil des Programms?

Somuncu: Ich spiele gewissermaßen mit den Leuten. Und sie lieben das. Zum Beispiel habe ich in Dresden spontan in den Saal gefragt: "Ist hier ein Bedürftiger?" Und dann kam tatsächlich einer zur Bühne gehumpelt, der hat das nur gespielt, und ich sagte: "Ich fass dich an und dann kannst du wieder gehen!" Wir haben diese Heilung dann spontan durchgespielt, und das Publikum hat gejubelt wie bei so einer Sektenveranstaltung.

STANDARD: Man muss als Zuseher also schon wissen, was einen erwartet?

Somuncu: Schaden kann das nicht, ja. Aber es ist eben, wie bei jeder Religion, auch Teil des Programms, dass wir Leute infizieren und Neue willkommen heißen mit einer Art Initiationsritus. Teil der Persiflage ist ja auch, dass man so richtig auf offen tut und andauernd sagt: "Ihr seid alle willkommen."

STANDARD: Bekannt geworden sind Sie ja mit einer Persiflage auf eine andere Ideologie. Sechs Jahre lang sind Sie mit einem Programm zu Hitlers "Mein Kampf" durch die Länder gezogen, haben vor Schülern, Holocaust-Überlebenden und auch Neonazis gespielt. Was hat das bewirkt?

Somuncu: Es war erstens sicherlich die Basis für den Erfolg der jetzigen Programme. Denn ich habe damals vor Schülern gespielt, die jetzt erwachsen sind und noch immer in meine Kabaretts kommen. Dann bekomme ich noch immer sehr viele Briefe. Ich habe dazu auf meiner Homepage eine "Klagemauer"-Rubrik eingerichtet, wo man neben Beschwerdebriefen auch viele Zuschriften von Leuten lesen kann, die sagen, dass sie die kritische Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" vom rechten zurück auf den richtigen Weg gebracht hat. Und was sich letztlich noch verändert hat, ist die öffentliche Debatte darüber, ob man über Hitler auch lachen darf und wie man mit "Mein Kampf" umgehen soll. So gesehen bin ich sicherlich ein Teil der Rezeptionsgeschichte dieses Buches geworden.

STANDARD: Nach jahrelangen Diskussionen wird nun eine kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" vom Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegeben. Sie haben sich immer dafür starkgemacht. Warum?

Somuncu: Weil ich in meiner Auseinandersetzung mit den Umständen dieses Verbots schnell bemerkt habe, dass das Ganze nur ein symbolischer Akt ist. "Mein Kampf" ist legal erhältlich, jeder kann es sich im Internet herunterladen. Die bayrische Landesregierung, die die Rechte an dem Buch hält, weiß, dass sie die Verbreitung ohnehin nicht kontrollieren kann. Das Verlogene daran ist, dass die Landesregierung Deutschland und Österreich die Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" nicht zutraut, die englische Version aber in einem Tochterverlag von Bertelsmann erscheint. Das heißt, ein deutscher Verlag verdient Geld mit einer englischen Ausgabe von "Mein Kampf", während in Deutschland das Buch nicht publiziert werden kann.

STANDARD: Sie haben früher gesagt, dass das Buch an sich schon etwas Kabarettistisches hat, viele halten es stilistisch für eines der schlechtesten Bücher, die je geschrieben wurden. Was sind nun die zentralen Merkmale?

Somuncu: Das ist eine sehr komplexe Frage, die auch im Laufe der Rezeptionsgeschichte immer wieder aufs Neue verhandelt wurde. Da gibt es noch kein abschließendes Ergebnis. Der Salzburger Historiker Othmar Plöckinger hat in seinem Buch von 2006 mit einigen Mythen aufgeräumt. Zum Beispiel damit, dass es ein schlecht geschriebenes Buch sei. Das stimmt nicht. Es ist ein gängiges Werk, das für seine Zeit nicht ungewöhnlich war. Dass es im Kern schon kabarettistisch ist, würde ich heute nicht mehr unbedingt sagen, denn diese Ansicht entstammt zum großen Teil der alliierten Kriegspropaganda, die das Buch so darstellte. Hitler sollte als talentloser, unbegabter Schriftsteller und Schreihals hingestellt werden, der ein Buch diktiert hat, das keiner lesen wollte. Das ist alles widerlegt. Hitler hat das Buch tatsächlich selbst geschrieben, weil Hess und andere, die es für ihn geschrieben haben sollen, zu der Zeit gar nicht in Landsberg waren.

STANDARD: Auch der Mythos vom ungelesenen Buch ist widerlegt?

Somuncu: Ja. Das entstammte zum großen Teil der postfaschistischen Propaganda nach dem Krieg. Da war das natürlich bequem, zu sagen, keiner hätte das Buch je gelesen. Man geht heute davon aus, dass es doch wesentlich mehr gewesen sein müssen, weil die Elemente des NS, die in dem Buch beschrieben werden, relativ eins zu eins umgesetzt wurden, mit Anteilnahme der Bevölkerung.

STANDARD: Sie üben in Diskussionssendungen häufig Kritik an der deutschen Integrationspolitik. Aber kann die Politik alles alleine lösen?

Somuncu: Die Debatten über Integration und eine bessere Gesellschaft sind eine gesamtpolitische Verantwortung, an der jede Sparte der Gesellschaft ihren Anteil hat. Dazu gehören natürlich auch die Religionsgemeinschaften als moralische Instanzen, jeder einzelne Bürger, Kunst- und Kulturschaffende und eben Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften. Die Frage "Wie stellen wir uns unsere Gesellschaft vor?" ist eine Sache, über die man verhandeln und an der man sich aktiv beteiligen muss.

STANDARD: In der Debatte kritisieren Sie aber auch gerne Grüne und sogenannte Linksliberale?

Somuncu: Ich bin immer sehr hellhörig, wenn Dinge dogmatisch werden. Ich merke, dass mit dieser Zäsur, als die Grünen unter Joschka Fischer in die Regierung kamen, auch ein Establishment-Gedanke Einzug gehalten hat. Das sieht man äußerlich – die Turnschuhe sind weg, die Anzüge da –, und auch die Positionen gleichen sich immer mehr dem Mainstream an.

STANDARD: Haben Linksliberale im Umgang mit Islamismus versagt? Indem sie, vielleicht der Political Correctness wegen, zu wenig hingeschaut haben?

Somuncu: Ja, ganz sicher. Man hat die Debatte leichtfertig den falschen Leuten überlassen. Man muss die Debatte aber unbedingt führen und fragen, ob jede religiöse Minderheit einen Anspruch darauf haben soll, sich so zu repräsentieren, wie sie es verlangt. Sobald in Deutschland ein muslimischer Verband eine bestimmte Moschee haben will, demonstrieren Linke dafür, und andere halten sich vielleicht zurück, aus Angst, als Rechtsradikale dazustehen. Zu Integration gehört aber auch, dass man Debatten führt, ohne Angst davor zu haben, beschuldigt zu werden. Sonst überlässt man das Feld den Radikalen.

STANDARD: Pegida-Versteher wurde unter Linksliberalen schnell zum Schimpfwort.

Somuncu: Das ist falsch. Man muss versuchen, offen zu sein und Argumentation zuzulassen. Die Pegida-Argumentation ist zunächst durchaus plausibel, denn die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist eine Affektpolitik. Jahrelang haben wir über die Begrenzung von Ausländerzahlen gesprochen oder darüber, dass Kinder nicht in die Moscheen gehen sollen. Und plötzlich sollen alle Syrien-Flüchtlinge willkommen sein? Das ist verlogen. Da muss es einen Mittelweg geben, und an dem müssen die aufgeschlossenen Kräfte aller Seiten arbeiten.

STANDARD: In Österreich wurde jetzt ein neues Islamgesetz verabschiedet, das ausdrücklich österreichisches Recht über islamische Glaubensvorschriften stellt und die Auslandsfinanzierung islamischer Einrichtungen verbietet. Auch ein offizielles islamisches Theologiestudium und eine einheitliche Koranübersetzung sind vorgesehen. Wie sehen Sie diesen Vorstoß?

Somuncu: Dass das Parlament sagt, wir müssen einen gesetzlichen Umgang mit religiösen Minderheiten finden, ist eigentlich okay und richtig. Aber ich fürchte auch, dass es ein Eingeständnis an die rechten Kräfte in diesem Land ist. Der normale Österreicher denkt sich bei diesem Gesetz nämlich nicht, dass es regeln soll, wie man hier einen Glauben praktiziert, sondern dass es regulieren soll, wie sich Ausländer hier zu benehmen hätten. Ich denke, wenn schon dieses Gesetz, dann muss es für alle Religionen gleich gelten. Das ist leider schade, weil der Ansatz richtig ist. Die Finanzierung aus dem Ausland zum Beispiel ist sehr schädlich und absolut zu verhindern. Es geht nicht an, dass die Türkei Moscheen in Deutschland und Österreich finanziert.

STANDARD: Die türkische Regierung kritisiert das Verbot der Auslandsfinanzierung und hat angekündigt, Imame künftig in der Türkei ausbilden zu wollen.

Somuncu: Dem kann man eigentlich nur dadurch begegnen, dass man versucht, den jungen Muslimen hier eine eigene Identität zu geben. Es muss eine neue Idee von einer österreichischen Identität geben, die nicht in Multikulti enden darf. Jeder, der hier lebt und Österreich nicht schadet, ist ein Teil dieses Landes, und der muss seinen Platz mitsamt allen Möglichkeiten, Pflichten und Rechten haben.

STANDARD: Erdogan hat im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf auch in Wien vor tausenden Anhängern gesprochen. Nützt er dieses Identitätsvakuum?

Somuncu: Ja. Das ist eine Wechselwirkung aus dieser Frustrationsenergie, die hier in Europa entstanden ist, und dieser neokonservativen Bewegung in der Türkei. Dabei ist das türkische Wahlsystem verfälscht, weil es mit seiner Zehn-Prozent-Hürde extrem mehrheitsstärkend ist. Erdogan hat also eigentlich nur 30 Prozent Rückhalt in der Bevölkerung. Dass Erdogan hier bei unseren Türken gut ankommt, hat damit zu tun, dass diese Menschen ein hohes Maß an Frustration erlitten haben – zum Teil auch selbst verschuldet. Aber ich erinnere daran, dass es die Chance gab, der Türkei die Tür zur EU zu öffnen. Man misst mit zweierlei Maß. Oder ist die Menschenrechtslage in Rumänien etwa um so viel besser?

STANDARD: Nach Jahrzehnten auf der Bühne kennen Sie wahrscheinlich die ungefähre Zusammensetzung Ihres Publikums. Erreichen Sie auch konservativ-religiöse Deutschtürken?

Somuncu: Ja, aber zunehmend weniger. Weil die Fronten sich verhärten. Es gab eine Zeit, da saßen sehr viele Kopftuchmädchen in meinen Vorstellungen. Aber weil ich natürlich konfrontativ damit umgegangen bin, also sprich: kein Blatt vor den Mund genommen habe, fühlten die sich entblößt. Mittlerweile haben Konservativere ihre eigenen Comedians, die brauchen mich also nicht mehr. Das ist schade, aber auch okay so. Ich glaube ohnehin, dass diese Kopftuch-Armada auch irgendwann wieder ein Ende haben wird, weil Ernüchterung eintritt. Ich bin da eher zuversichtlich.

STANDARD: Sie sagen, die hätten ihre eigenen Comedians. Ist das nicht auch Ausdruck einer Parallelgesellschaft?

Somuncu: Nicht unbedingt. Ethno-Comedians holen die Leute dort ab, wo sie sind, und lassen sie auch dort. Das ist nicht schlimm und nicht falsch. Ich glaube nur, dass denen das irgendwann langweilig werden wird. Den Leuten wird die Herausforderung fehlen.

STANDARD: Wo sollte man in der Bildung ansetzen?

Somuncu: Ich bin klar für Ethik- statt Religionsunterricht. Die Schule muss eine Basis sein, um dich zu Entscheidungen zu befähigen. Sie sollte nicht sagen: Du musst das und das tun, sondern du kannst das und das tun. (Stefan Weiss, DER STANDARD, 16.3.2015)

Serdar Somuncu (46) ist deutscher Kabarettist und Schriftsteller. In Istanbul geboren, studierte er Schauspiel und Regie in Maastricht und Wuppertal. Er ist fixer Bestandteil mehrerer deutscher TV-Satiresendungen. Am 10. Juni startet seine Österreich-Tour mit "H2 Universe". Termine unter: www.somuncu.de

  • Serdar Somuncu persiflierte Adolf Hitler und religiöse Hassprediger. Das österreichische Islamgesetz hält er nur im Ansatz für richtig.
    foto: johannes boventer

    Serdar Somuncu persiflierte Adolf Hitler und religiöse Hassprediger. Das österreichische Islamgesetz hält er nur im Ansatz für richtig.

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