"Geschichten aus dem Wiener Wald": Von stolpernden Idyllen

15. März 2015, 21:55
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Komponist HK Gruber leitete die Symphoniker für die Opernverwandlung von Ödön von Horvaths Theaterstück

Wien - Die zermürbende Gehässigkeit der Verhältnisse, welche auf die junge Frau einstechen, führt im Theater an der Wien zu einem makabren Schlussbild: Fleischermeister Oskar fängt Marianne auf und trägt die Lebenserschöpfte fort - wie eine Beute. "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen", schmettert Oskar, bevor das Orchester dieses schreckliche Pärchen unter sich begräbt.

Der Instrumentalpart kommentiert nicht nur die Verhältnisse. Er ist - ob seiner Farbigkeit - auch einer der prägenden Protagonisten dieser Opernverwandlung von Ödön von Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald. Komponist HK Gruber, der die Symphoniker energisch leitet, ist hier ein sprudelnder Meister einer komplexen Zugänglichkeit, der die sozialen Druckverhältnisse und deren Folgen raffiniert zu Klang und Struktur werden lässt.

Er schreibt ein sentimentales Lied von der Wachau. Die zart schimmernde Melodie wird jedoch Objekt der Übermalung durch düstere harmonische Vorahnungen. Und tänzelt der Donauwalzer durchs Werkdickicht, gibt eine smarte Variationstechnik den Melodiefragmenten das Gepräge stolpernder Seligkeit.

Zwei Musiktempi

Ausdrucksambivalenz und ruheloses Klischeespiel sind Grundambitionen des Werkes: Ensembleszenen erlangen Dynamik oft durch kollektive Parlandi, die Wortfugen ergeben. Und fulminant schafft Gruber Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit, indem er etwa Lyrik mit prägnanter Rhythmik unterwandert, also zwei Musikgeschwindigkeiten übereinandermontiert.

Interessanterweise lässt die Intensität dieses bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführten Werkes nach etwa einer Stunde etwas nach - paradoxerweise eher durch ein zu viel an verbalen und tönenden Ereignissen. Zudem bleibt die Inszenierung von Michael Sturminger etwas zu brav, um die brutalen Untiefen dieses Librettos (Sturminger verdichtete das literarische Original) auszuloten.

Dennoch: Mit großem Handwerk hat Gruber einigen Figuren subtile Lebensmomente geschenkt. Grandios, wie Ilse Eerens (als Marianne) die anspruchsvollen Kantilenen in dramatische Höhen führt. Delikat, wie lakonisch, zugleich aber intensiv Angelika Kirchschlager (als Valerie) existenzielle Desillusionierung zelebriert und dennoch in Albert Pesendorfers Schoß landet (sehr präsent als Zauberkönig).

Bei Daniel Schmutzhard (als Alfred) und Jörg Schneider (als Oskar) fehlte hingegen ein bisschen darstellerische Schärfe; bei Anja Silja (als Großmutter) konnte man sie erleben wie auch bei Michael Laurenz - als rassistisches Ekel Erich. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 16.3.2015)

16., 18., 21., 23. März

  • Ilse Eerens (als Marianne), Daniel Schmutzhard (als Alfred).
    foto: apa/werner kmetitsch

    Ilse Eerens (als Marianne), Daniel Schmutzhard (als Alfred).

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