Bäder sieht er nur noch von außen

16. März 2015, 05:30
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Richard Frece war ein guter Wasserspringer. Nur die Medaille blieb ihm verwehrt. Man trifft ihn nun in der Autowerkstatt

Wien - Erster Wiener Gemeindebezirk, Rosenbursenstraße 4 - "Artbauer" ist in roten Großbuchstaben auf dem Schild an der Fassade des Gebäudes zu lesen. Darunter: "Der Reifenspezialist". Im Schaufenster hängen zwei Fotos von Motorradfahrern: Mario Artbauer und Richard Frece. Die beiden sind die Geschäftsführer der Auto- und Motorradwerkstatt. Artbauer führt eine zweite Filiale im neunten Gemeindebezirk, Frece - sein Schwager - jene in der Innenstadt. Die Eingangstür führt direkt in sein kleines Büro.

Richard Frece, 39, blondierte Haare, telefoniert gerade mit Marion Reiff. Reiff war Wasserspringerin. Frece war Wasserspringer. "Schauma mal", sagt er, "was bei der Rici draus wird." Rici, eigentlich Ricarda, ist Freces Tocher, sechs Jahre alt. Ein paar Mal ist sie in der Trockensprunganlage im Ernst-Happel-Stadion gehüpft. "Es hat ihr Spaß gemacht. Sag niemals nie, aber ich glaub' eher nicht, dass sie Wasserspringerin wird."

Frece war acht Jahre alt, als er mit dem Wasserspringen begann. Im Urlaub in Kärnten hüpfte er stets von Holzbrettern in den See, machte dabei Figuren. Das taugte dem Buben. Er fragte seinen Vater, ob es das als Sport gäbe. Der Papa wusste es nicht, man ging in ein Wiener Bad, erkundigte sich. Den Sport gab es. Die Karriere konnte beginnen. Frece machte sich gut, entwickelte sich schnell. Das musste er auch. Als Achtjähriger war er kein Frühstarter im Wasserspringen. Der Bub blieb bei dem Sport, bis er kein Bub mehr war - bis er 25 Jahre alt war. Das war Anfang 2001. "Die Lust war einfach weg", sagt Frece.

14 Jahre später sitzt er in seinem kleinen Büro, Glastür zur Straße, Glaswand zur Autowerkstatt. Auf der Hebebühne ein BMW, davor ein Porsche. "Hier im Ersten hat man auch gehobenes Klientel", sagt er. Freces große Leidenschaft waren und sind Motorräder. Die werden auf der anderen Seite der Werkstatt repariert. Mit 18 kaufte er sich ein Motorrad, kein Auto. Damit fuhr er ins Training. Das war oft. Sechs Stunden an sechs Tagen in der Woche. Raufklettern, runterspringen, rauf, runter, rauf, runter ... "Irgendwann habe ich mir ausgerechnet, wie viel Höhenmeter ich hochgekraxelt bin." Er weiß es nicht mehr genau. "Aber am Mount Everest war ich sicher."

Turmspezialist

Freces Hauptdisziplin war das Springen vom Turm - zehn Meter hoch. Gegen Ende seiner Laufbahn sprang er nur noch vom Brett - ein Meter und drei Meter. Handprobleme machten ihm zu schaffen. "Es war auch Kopfsache", sagt er. Mit dem Abspringen hatte es nicht mehr gepasst.

Der Absprung ins "normale Leben" gelang Frece. Der HTL-Absolvent heuerte bei Honda an. "Ich bin zwei Jahre lang in der Werkstatt gestanden." 2004 dann die Übernahme der Firma des nunmehrigen Schwiegervaters. "Das hat sich zufällig ergeben." In der Werkstatt steht er heute nur noch selten. Zwei Mechaniker und ein Lehrling reparieren nicht nur BMWs und Porsches. "Ich schaue, dass wir etwas zu tun haben." Er mache alles "vom Zusammenkehren bis zum Verkaufen".

Frece fuhr auch Hobby-Motorradrennen. 2010 hörte er damit auf. "Wegen der Kinder." Ricarda hat noch einen Bruder: Marco, acht Jahre alt. Seit zehn Jahren ist Frece verheiratet. Die Familie lebt in Deutsch-Wagram. Die Wochenenden gehören ihr. "Die sind mir heilig."

Früher standen an Wochenenden oft Wettkämpfe auf dem Programm. Wie an einem im Juli 1990 in Frankfurt. Jugend-Europameisterschaft. Der fast 15-jährige Richard Frece hofft auf einen Top-drei-Platz. Der hätte ihm das erste selbstverdiente Geld gesichert: 2000 Schilling monatlich von der Sporthilfe. Frece wurde Dritter vom Einmeterbrett. "Ich habe mich so gefreut und bin dann voll entspannt in den Dreimeter-Wettkampf gegangen." Voll entspannt sprang er zu Gold. Es blieb bei den 2000 Schilling, aber die Freude war trotzdem riesengroß.

Die Jugend-EM 1990 sei eines der beiden prägendsten Erlebnisse seiner Karriere gewesen. Das andere war weniger freudig. Europameisterschaft 1999, Istanbul. Nach Platz fünf vom Turm war er vom Dreimeterbrett noch dichter an der Medaille dran. Im letzten Versuch fiel er von Platz zwei auf vier zurück. "Furchtbar. Hat mich sehr geärgert." Nur 2,5 Punkte fehlten ihm auf Bronze. Es war trotzdem sein erfolgreichstes Großereignis. Die windigen Bedingungen in der Türkei waren Frece damals entgegengekommen. Im Freiluftspringen hatte er Übung. Im Wiener Stadionbad trainierte er bei fast jedem Wetter. Das sei eine gute Vorbereitung gewesen. "Aber lustig war es nicht, bei zwölf Grad und Regen vom Zehner zu springen." Immerhin - es war geteiltes Leid. Frece übte gemeinsam mit Marion Reiff, Jürgen und Anja Richter - unter Aufsicht von Roswitha Bartunek. "Sie war sehr konsequent."

Ein verlängertes Wochenende freizubekommen sei praktisch unmöglich gewesen. "Aber", sagt er auch, "sie hat alles, was sie an Energie gehabt hat, in uns gesteckt." Bei Frece resultierte das in einem Weltcupsieg, in drei Top-sechs-Plätzen bei Europameisterschaften, einem zehnten Rang bei der WM 1999 in Perth und einem zwölften Platz bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta.

Abgerutscht in Sydney

Vier Jahre später hatte er sich in Sydney bei seinem zweiten Olympia-Auftritt viel vorgenommen. "Ich habe mich dreimal so gut gefühlt wie in Atlanta." Das gute Gefühl endete nach eineinhalb Auerbach-Salti mit dreieinhalb Schrauben, den dritten von sechs Sprüngen im Vorkampf vom Dreimeterbrett. Frece rutschte beim Absprung mit dem Fuß weg. Die Chance auf die Qualifikation für das Halbfinale der besten 18 war dahin. Der Wiener landete nur auf Platz 31.

Frece sieht seine Karriere auch ohne eine Medaille bei den Großen nicht unvollendet. "Vielleicht", sagt er, "war ich zu wenig Egoist. Aber das war ich gerne." Und überhaupt - er habe Freude bei seinem Sport gehabt. Der Drill, dem Sportler aus der DDR, der Sowjetunion oder China ausgesetzt waren, blieb ihm erspart. "Da bin ich lieber Zehnter."

Seit seinem Karriereende ist er kaum noch gesprungen. Als ich fünf oder sechs Jahre danach wieder einmal auf einem Brett gewippt habe, habe ich mir gleich wehgetan." Eineinhalb Salti würde er sich heute noch zutrauen. Er wird sie eher nicht probieren. Vor zwei Jahren war er als Sprungrichter bei einem Cliffdiving-Wettkampf im Ötztal. Absprung aus 27 Metern Höhe. "Das war echt, echt hoch." Frece hätte sich nicht vorstellen können hinunterzuspringen. "Früher hätte ich das sicher gemacht." Seine sportlichen Aktivitäten sind heute mit weniger Kick verbunden: Radfahren, Laufen - alles mit Maß und Ziel, nichts Extremes. "Ich will mich nicht mehr quälen."

Und Frei- oder Hallenbäder sieht er nur noch von außen. "Ich bin 16 Jahre lang regelmäßig ins Stadthallenbad gegangen, ich bin froh, wenn ich da nicht mehr rein muss." Vielleicht sieht er Schwimmbäder irgendwann doch wieder von innen. Vielleicht wenn bei Rici doch was draus wird. (Birgit Riezinger, DER STANDARD, 16.3.2015)

  • 16 Jahre lang sprang Richard Frece Saltos und Schrauben von Türmen und Brettern ins Wasser. Heute hat er mit dem Sport kaum noch etwas am Hut. Und im Fernsehen schaut er viel lieber Motorradrennen.
    foto: apa/techt

    16 Jahre lang sprang Richard Frece Saltos und Schrauben von Türmen und Brettern ins Wasser. Heute hat er mit dem Sport kaum noch etwas am Hut. Und im Fernsehen schaut er viel lieber Motorradrennen.

  • Frece führt eine Auto- und Motorradwerkstatt.
    foto: privat

    Frece führt eine Auto- und Motorradwerkstatt.

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