Aufruhr im Steuerparadies Andorra

16. März 2015, 11:38
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Eine Großbank des Zwergstaates steht im dringenden Verdacht, Gelder in Milliardenhöhe gewaschen zu haben

Die vergangene Woche war für die Finanzaufseher in Andorra bewegt wie selten zuvor: Die Bankaufsicht Inaf hat die Kontrolle über die Banca Privada D'Andorra (BPA) übernommen. Das private Geldinstitut im Besitz der Gebrüder Cierco steht unter dem Verdacht, Milliarden reingewaschen zu haben.

Die Ermittlungen gehen auf einen Vorwurf der US-amerikanische Antibetrugsbehörde Fincen zurück. Diese will festgestellt haben, dass die BPA an kriminellen Transaktionen beteiligt war. Sie soll Gelder mafiöser Organisationen aus Russland, China und Venezuela gewaschen haben. Allein aus Venezuelas Erdölgeschäft sollen zwei Milliarden US-Dollar auf dunklen Wegen bei der BPA gelandet sein. Am Wochenende wurde der Geschäftsführer der BPA, Joan Pau Miquel, in Andorra sogar verhaftet.

Intervention

Auch in Spanien intervenierte die Zentralbank und übernahm die Führung der Banco de Madrid, einer Tochter der BPA. Die Banco de Madrid verfügt über 23 Filialen in ganz Spanien. Sie geriet bereits vor Monaten in die Schlagzeile, nachdem bekannt worden war, dass die Familie des ehemaligen Ministerpräsidenten der Autonomen Region Katalonien, Jordi Pujol, im Rahmen einer Steueramnestie Millionen aus Andorra nach Spanien zurücküberführt hatte. Gegen Pujol, seine Frau und seine Söhne wird in Spanien ermittelt.

Unter denen, die in Andorra Geld gewaschen haben sollen, befindet sich der chinesische Geschäftsmann Gao Ping. Er hatte in Spanien ein Netzwerk aufgebaut, mit dessen Hilfe er spanischen Steuerhinterziehern und Korrupten Gelder wusch. Gao Ping sitzt in Spanien in Untersuchungshaft.

Beschwichtigende Töne

"Der Vorfall stellt den Finanzplatz Andorra nicht infrage, weder seine Liquidität noch die Solvenz", erklärte die Generaldirektorin der Bankenaufsicht, Inaf María Cosan. Auch aus Madrid kommen beschwichtigende Töne.

Doch ein Blick auf die Statistiken verwundert schon. Andorra - dessen Staatsspitze sich der Präsident der französischen Republik und der Bischof im spanischen Urgell teilen - hat bei gerade einmal 76.000 Einwohnern fünf Banken mit 40 Filialen. Sie sollen insgesamt Einlagen in Höhe von 40 Milliarden Euro verwalten. Die Geldhäuser unterhalten beste Geschäftsbeziehungen zu Finanzinstituten auf den Bahamas und in Panama.

Falsche Identität

Laut französischer und spanischer Presse genügten jahrelang ein falscher Name und eine erfundene Adresse, um Geld in Andorra zu hinterlegen. So mancher reiche Unternehmer und bekannte Sportler nutzte dies, um den Fiskus zu Hause in Spanien oder Frankreich zu umgehen. Das Bankgeschäft macht 20 Prozent des BIP des Pyrenäenlandes aus.

Es war der französische Präsident Nicolás Sarkozy, der einen ersten zaghaften Wandel dieses Geschäftsgebarens einleitete. Er drohte damit, seine Funktion als Staatsoberhaupt abzugeben, falls Andorra sich nicht an internationale Spielregeln halten sollte. Andorra reformierte daraufhin das Bankengesetz. Ab 2011 wird das Land von seinen Nachbarn und den restlichen OECD-Staaten nicht mehr als Steuerparadies geführt. Andorra gibt seither im Falle von richterlichen Ermittlungen Informationen über Bankkunden preis. Die Ermittlungen gegen den ehemaligen katalanischen Regierungschef und seine Familie sind ein Beleg dafür.

Geschäftssitzverlegung

Allerdings ist es nach wie vor lukrativ, seinen Wohn- oder Geschäftssitz von Spanien oder Frankreich in die Pyrenäen zu verlegen. Der Spitzensteuersatz der vor wenigen Monaten eingeführten Einkommenssteuer liegt bei zehn Prozent. Es gibt weiterhin keine Erbschafts- und Kapitalsteuer, und die Mehrwertsteuer beläuft sich auf gerade einmal 4,5 Prozent, was Andorra zum Einkaufsparadies macht. (Reiner Wandler, Der Standard 17. 3. 2015)

  • Die Banca Privada D'Andorra soll Gelder mafiöser Organisationen gewaschen haben.
    reuters

    Die Banca Privada D'Andorra soll Gelder mafiöser Organisationen gewaschen haben.

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