Gewalt gegen Südasiens Christen nimmt weiter zu

15. März 2015, 17:26
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15 Tote bei Anschlägen auf Kirchen in Pakistan - In Indien wurde eine 74-jährige Nonne vergewaltigt

Die Menschen waren zum Morgengottesdienst zusammengekommen, als die Selbstmordattentäter ihre Bomben zündeten. Bei einem Doppelanschlag auf zwei nicht weit voneinander entfernte Kirchen in der pakistanischen Stadt Lahore sind am Sonntag mindestens 15 Menschen getötet worden, fast 80 wurden verletzt.

Die Anschläge ereigneten sich im armen Vorort Youhana Abad, der mit rund einer Million Christen die größte Ansiedlung der religiösen Minderheit in Pakistan ist. Die Zahl der Opfer wäre laut Zeugen noch höher ausgefallen, hätten nicht zwei Wachleute die Selbstmordattentäter am Eingang gestoppt, um die Betenden zu schützen. Der 25-jährige Qaisar und sein Kollege Yousuf bezahlten dafür mit dem Leben.

Taliban bekennen sich

Zu der Tat bekannte sich "Tehreek-e-Taliban Pakistan Jammat-ul-Ahrar" (TTP-JA), eine Splittergruppe des Taliban-Dachverbandes TTP. "Wir haben Lahore, das Zentrum der Provinz Punjab, erreicht", sagte ihr Sprecher Ehsanullah Ehsan Reportern. Lahore galt bislang als relativ ruhig.

Nach dem Massaker kam es in mehreren Städten zu wütenden Protesten von Christen, die etwa 1,6 Prozent der 182 Millionen Pakistaner stellen. Ein Mob verbrannte in Lahore zwei Verdächtige bei lebendigem Leib, drei Polizisten wurden zeitweise als Geiseln genommen.

Es ist dies nur die jüngste Attacke einer ganzen Serie von Attentaten auf religiöse Minderheiten in Pakistan. Immer gewalttätiger terrorisieren Islamisten sunnitisch-wahhabitischer Prägung das Land. Die Minderheiten fühlen sich von der Regierung nicht ausreichend geschützt. Nicht nur Christen, Hindus und Sikhs schweben in ständiger Gefahr, besonders Angehörige anderer islamischer Strömungen wie Schiiten und Ahmadis fallen immer wieder Anschlägen zum Opfer.

Auch im Nachbarland Indien wächst die Angst der christlichen Minderheit. Im östlichen Bundesstaat Westbengalen wurde am Samstag eine Nonne vergewaltigt. Die 74-Jährige hatte sich sechs Einbrechern entgegengestellt, als sie eine Konventschule ausrauben wollten. Einer der Männer fiel über sie her. Nach einer Notoperation ist sie außer Lebensgefahr.

Aufgebrachte Christen hielten Mahnwachen und blockierten Zuggleise. "Sie hat ihr Leben Gott geweiht und war ihr Leben lang Jungfrau geblieben", sagte Vater Dominic Emmanuel von der katholischen Erzdiözese in Delhi. In Indien sorgen immer wieder brutale Vergewaltigungsfälle für Entsetzen. Zugleich fühlen sich religiöse Minderheiten zusehends unter Druck gesetzt. In Delhi kam es jüngst zu einer ganzen Serie von Attacken auf Kirchen.

Aufwind für Hindu-Hardliner

Seit der Hindu-Nationalist Narendra Modi und seine Partei BJP vergangenes Jahr die Wahlen gewannen, sehen sich Hindu-Hardliner im Aufwind. Modi selbst verhält sich ambivalent. Einerseits verurteilte er die Attacken und sicherte allen religiösen Minderheiten seinen Schutz zu, andererseits vermeidet er bisher den offenen Konflikt mit den Hindu-Hardlinern, die die Stammwähler der BJP stellen, aber immer dreister agieren. So versuchen Hindu-Aktivisten etwa in Massencamps, tausende Christen und Muslime zum Hinduismus zu bekehren. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 16.3.2015)

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