Germany's next Top-Opa

Kolumne15. März 2015, 17:00
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Warum Altersdiskriminierung nicht nett und Heidi Klum manchmal doch ein Rolemodel ist

Man kann Heidi Klum natürlich doof finden. Viele tun das auch. Aber wie heißt es so schön: Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Und umgelegt auf Heidi würde das bedeuten: Wo viel Schatten, ist auch ein bisschen Licht. So oder so ähnlich. Einmal ganz abgesehen vom sehr fragwürdigen Gesamtsendungskonzept der geschäftstüchtigen Parade-Deutschen, fällt in letzter Zeit doch eines auf: So unerbittlich streng und telegen unnachgiebig die Model-Nachwuchs-Übermutter auf der einen Seite zu ihren Mädchen, sprich Germany's next Topmodels auch ist, so nett und nachgiebig ist sie auf der anderen Seite. Die andere Seite heißt Wolfgang Joop, und der genießt Narrenfreiheit.

Hals- und Beinbruch

Riskieren die Mädchen Hals- und Beinbruch auf Zwölf-Zentimeter-Plateau-Hacken, weil sie über einen Catwalk aus Kieselsteinen (!) müssen, wird Co-Juror Wolfgang gestützt, trotz ganz flachen Schuhwerks. Müssen alle pünktlich sein, kommt er zu spät. Und immerzu gibt es ein Problem mit ihm: zu heiß (in LA), zu kalt (beim Shooting in der Wüste), zu hell (im Studio). Hunger, Durst, Lulu. Wir kennen das, genau: von Kindern. Aber alles kein Problem. Heidi lacht höchstens. Eine Cola bitte, ein Glas Wasser, ein kleines Kaffeepäuschen gefällig, neues Make-up, oh wie schön, dein neues Outfit. Er war sich wieder umziehen. Wäre ich ein junges Ding, ich wäre neidisch auf den Alten.

Queen Mum des Pop

Aber ich finde das natürlich vorbildlich. Diese neue Nachsicht mit den Alten. Besonders jetzt, wo überall sonst von Altersdiskriminierung die Rede ist. Wo Madonna bei den Brit Awards von der Bühne gestürzt ist, aber hammerhart, wie die 56-Jährige nun einmal seit jeher ist, die Nummer weiter durchtanzt und durchsingt und sich hinterher auch noch rechtfertigen muss, ob das alles nur ein PR-Gag war. Ganz abgesehen von den hämischen Kommentaren der Weltpresse, dass die Queen Mum des Pop jetzt einen Rollator braucht. Geht's noch?

Voll der Gnade mit den Alten

Heidi, weiß ich, hätte Verständnis. Sie ist clever genug zu ahnen, wohin die Reise geht, für all jene, die am Zug bleiben. Noch einen Wimpernschlag, und sie ist selbst für immer alt wie Madonna und die Queen Mum aller Topmodels. Und einen weiteren Wimpernschlag, und sie ist siebzig und so alt und straff wie Germany's next Top-Opa Joop.

Werden wir bitte ein bisschen wie Heidi Klum: gnadenlos mit den Jungen und voll der Gnade mit den Alten. Für den ganzen Rest kann man sie ruhig weiterhin doof finden. (Mia Eidlhuber, derStandard.at, 15.3.2015)

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