Walisischer Widerstandswille und ein Grande Finale

Bericht15. März 2015, 11:11
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Irland muss nach epischem Ringen in Cardiff erste Turnier-Niederlage hinnehmen

Cardiff/Wien – Vierter und vorletzte Runde im Six-Nations-Turnier der europäischen Rugby-Elite - und aller Augen richteten sich auf Cardiff (oder sollten das zumindest tun), wo die Waliser ihre Chance gegen die noch ungeschlagenen Iren am Schopfe packen wollten. Und meine Herren, was für ein herrliches Match sollten sie da am Samstagnachmittag zu sehen bekommen!

Kaum war der Ankick vollzogen, gingen die Gastgeber in medias res. Man ging den Iren derart an die grüne Wäsche, dass diese weder Ball noch Land sahen. Wales, das sich vor zwei Wochen mit einem Sieg in Paris gegen Frankreich wieder ins Gespräch um den Titel eingeschaltet hatte, ging derart nach vorne, dass sich die im bisherigen Turnierverlauf so abgeklärt agierenden Iren ein ums andere Mal nur noch mit Regelwidrigkeiten zu helfen wussten.

Eine jede aber wurde bestraft durch den unbarmherzigen Schuh des Leigh Halfpenny, welcher Penalty um Penalty zwischen die Malstangen verfrachtete: Einen Zwischenstand von12:0 verkündete nach einer Viertelstunde die Anzeigetafel. Die Kathedrale namens Millennium Stadium jubilierte da bereits, erhebende Choräle schwebten von den mit 73.950 Jüngern besetzten Rängen hernieder, angesichts der Taten der Heiligen in Rot.

Doch dann gelang den Gästen endlich ein Kontrapunkt. Johnny Sexton, Irlands in der ersten Halbzeit zur Randfigur verkommene Schlüsselmann, verwandelte nun seinerseits aus gewaltiger Distanz einen Strafkick. Und der bisher so zögerliche Tabellenführer, dem Contenance bis dahin ebenso abging wie Präzision, richtete sich daran auf. Die Verhältnisse begannen sich zu verschieben, das Geschehen wandelte sich in einen verbissen geführten Kampf im Niemandsland des Feldes. Mehr und mehr neigte sich das Pendel nun zugunsten der Gäste, die sukzessive ihren Anteil am Ballbesitz erhöhen konnten - am Ende wies die Statistik für die XV des Teamchefs Joe Schmidt diesbezüglich nicht weniger als 64 Prozent aus.

Nach einer Gelben Karte gegen Kapitän Sam Warburton in Unterzahl befindlich, standen Wales harte letzte Minuten vor der Pause ins Haus. Dies umso mehr, als beide Props - Samson Lee wie auch Gethin Jenkins - angeschlagen ausscheiden mussten. Diese, wie die deutsche Bezeichnung "Pfeiler" wohl anzudeuten vermag, eher wenig feingliedrig gebauten Herren, sind für den Drive des Scrums instrumental und insofern für eine Rugbymannschaft von eminenter Wichtigkeit.

Die Waliser meisterten diese knifflige Phase jedoch famos, disziplinierte Arbeit brachte gar Dan Biggar in die Lage, ein blitzsauberes Dropgoal zu exekutieren (34.). Zum Lohn nahm man den Tee bei einem Halbzeitstand von 15:9.

Kraftakte

Die Ruhe fand ein schnelles Ende. Denn Irland - Herz und Ball in der Hand - ging nach Wiederbeginn daran, einen Sturm zu entfachen. Einem grimmigen Uhrwerk gleich, wuchteten die grünen Fluten wider die dünne rote Verteidigungslinie, sie zu löchern, zu überdehnen, oder ganz einfach in Grund und Boden zu preschen. Rohe Kraft aber reicht da nicht, sie muss sich paaren mit Akkuratesse. Nicht weniger als 32 Phasen reihte man einmal in einer Angriffssequenz aneinander, ohne dass den Walisern ein Ballgewinn möglich geworden wäre.

Doch die Leidenschaft der Angreifer wurde gespiegelt durch einen disziplinierten Fanatismus der sich eingrabenden Verteidiger. Die Waliser wankten, doch sie wichen nicht. Mehrfach schien ein Durchbruch unausweichlich, doch die Trylinie blieb für Irland unerreichbar - mochten Tommy Bowe einmal auch nur noch Zentimeter dorthin fehlen. Die Intensität des Geschehens schien jetzt, nach etwa einer Stunde Spielzeit, in beinahe unbegreifliche Dimensionen gesteigert.

Und inmitten all des Geschlagen seins, fand Wales einen Schalter. Es schien kaum glaublich, doch man wendete, eben noch ausschließlich mit Überleben beschäftigt, das Blatt: Der eingewechselte Centre Scott Williams hatte Raum gefunden und genutzt, der erste Try des Matches war erzielt (62.). Elf Punkte Vorsprung und noch 19 Minuten zu gehen? Es sah jetzt rosig aus, für die Heimischen.

Doch Irland war noch nicht gebrochen, auch wenn seine Psyche angesichts so vieler, kurz vor der Erfüllung doch noch vereitelter Akte - sei es durch die Pfeife des Referees oder die Halsstarrigkeit der Kontrahenten - doch schwer gebeutelt sein musste. Ein Penalty-Try wurde erzwungen und auch die Conversion saß. 20:16, noch elf Minuten. Der Charaktertest wollte nicht enden. Halfpennys fünfter Straftritt verschaffte dem belagerten Wales dann wieder Luft (75.), die bis zum Ende reichen sollte.

Drei Kopf an Kopf

289 Tackles (gegenüber 104 irischen) illustrieren den walisischen Widerstandswillen. Der Titelverteidiger wiederum verbuchte zwar einen deutlich größeren Raumgewinn (461 gegenüber 195 Metern), das Spiel jedoch mussten Irland verloren geben. Die erste Niederlage seit mehr als einem Jahr bedeutete auch das Ende eines Laufes von zehn Erfolgen hintereinander.

Nachdem England im zweiten Spiel des Tages Schottland zwar nicht überzeugend, aber doch bezwang, halten nun gleich drei Teams bei drei Siegen aus vier Partien. Die Six Nations 2015 gehen in ein dramatisches Finale. (Michael Robausch, derStandard.at - 15.3. 2015)

ERGEBNISSE, Six Nations 2015, vierte Runde:

Wales - Irland 23:16 (15:9)

Wales: Try: Scott Williams (62); Penalty Goals: Leigh Halfpenny (3, 8, 12, 14, 75); Drop Goal: Dan Biggar (34)

Irland: Penalty Try (69); Conversion: Jonathan Sexton (70); Penalty Goals: Jonathan Sexton (18, 30, 37)

England - Schottland 25:13 (10:13)

England: Tries: Jonathan Joseph (5), George Ford (44), Jack Nowell (77); Conversions: George Ford (6, 44); Penalty Goals: George Ford (27, 51)

Schottland: Try: Mark Bennett (22); Conversion: Greig Laidlaw (24); Penalty Goals: Greig Laidlaw (30, 39)

Sonntag:

Italien - Frankreich 0:29 (0:9)

Frankreich: Tries: Yoann Maestri (46),Mathieu Bastareaud (82); Conversions: Jules Plisson (47, 83); Penalty Goals: Camille Lopez (29, 35), Scott Spedding (41), Jules Plisson (42, 58)

Tabellenstand

Spielplan und Resultate

  • Müde, aber sehr glücklich: Leigh Halfpenny und Sam Warburton, der Wales zum 34. Mal und damit so oft wie noch keiner zuvor als Kapitän anführte (rechts).
    foto: reuters/naden

    Müde, aber sehr glücklich: Leigh Halfpenny und Sam Warburton, der Wales zum 34. Mal und damit so oft wie noch keiner zuvor als Kapitän anführte (rechts).

  • Fliegende Körper waren im Millennium Stadium zu Cardiff an diesem Samstagnachmittag ein durchaus nicht seltener Anblick.
    foto: reuters/naden

    Fliegende Körper waren im Millennium Stadium zu Cardiff an diesem Samstagnachmittag ein durchaus nicht seltener Anblick.

  • arsenal fans

    Zum Nachschauen.

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