Wo die Gerechtigkeit im Hirn sitzt

15. März 2015, 12:00
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Spieltheoretiker wollen im Verbund mit Neurowissenschaftern herausfinden, welche Gehirnregion im Zusammenhang mit Fairness aktiviert wird

Der Mensch ist prinzipiell gerecht, Fairness ist ihm ein hohes Gut. Oder vielleicht doch nicht? Zu obigem Schluss muss man angesichts einiger wissenschaftlicher Studien schon kommen. Soziale Gerechtigkeit ist uns sogar genauso wichtig, wie selbst genug Geld zu verdienen. Wir verzichten auf eigene Vorteile, wenn wir damit die ungleiche Verteilung von Ressourcen beheben können - egal, ob wir selbst oder andere von dieser Ungerechtigkeit betroffen sind.

Obwohl unser Verhalten in beiden Fällen identisch ist, schreibt die Kognitionswissenschafterin Claudia Civai gemeinsam mit Kollegen im Fachblatt "Social Cognitive and Affective Neuroscience", reagieren aber unterschiedliche Schaltkreise im Gehirn: je nachdem, ob wir selbst oder andere Opfer der mangelnden Fairness sind. Die Forscher an der Internatio- nal School of Advanced Studies (SISSA) in Triest haben Versuchspersonen mit einer Variante des "Ultimatumspiels" konfrontiert.

Hier wird prinzipiell einem Teilnehmer Geld gegeben, dass dieser je nach Gutdünken zwischen sich und einer weiteren Person aufteilen kann. Dieser kann die vorgeschlagene Summe annehmen, aber verhandeln darf er nicht: daher der Name "Ultimatumspiel". Wenn er sie nicht annimmt, gehen beide Teilnehmer leer aus.

Jeder im Supermarkt angeschriebene Preis ist eigentlich ein solches "Ultimatumspiel" - man kann ihn akzeptieren oder ablehnen und das Produkt nicht kaufen. Die Vernunft sagt eigentlich: Es wäre besser, wenigstens einen Bruchteil im Spiel zu bekommen, als ohne Gewinn auszusteigen. Dennoch ist die Ablehnungsrate in den auch mit mehreren Teilnehmern durchgeführten Forschungsarbeiten zum "Ultimatumspiel" - nach Expertenschätzungen mehr als 300 - sehr hoch. Schon die österreichischen Spieltheoretiker Martin Nowak und Karl Sigmund gingen vor mehr als 15 Jahren von einer allgemeinen menschlichen Tendenz zu fairem Verhalten aus.

Hirnregion abschalten

Claudia Civai hat nun während des Spiels eine Stimulationstechnik verwendet, die es ermöglicht, eine bestimmte Gehirnregion für die Testpersonen ungefährlich und vorübergehend "herunterzufahren". Dabei ging es konkret um eine Region an der Stirnseite, den medialen präfrontalen Cortex, der in früheren Versuchen als relevant in derlei Situationen identifiziert wurde. Mussten die Testpersonen Angebote bewerten, die sie selbst betrafen, sank die Tendenz zur Ablehnung deutlich. Sie waren also rationaler und eher bereit, irgendeine Summe zu akzeptieren.

Mussten die Versuchsteilnehmer ein Angebot an eine dritte Person bewerten, dann zeigte das Abschalten der Hirnregion zur Überraschung der Forscher keine Auswirkung auf das Verhalten. Die Schlussfolgerung der Wissenschafter: Soziale Werte dürften in der evolutionären Entwicklung wichtig für das Überleben gewesen sein. Die Ablehnung im "Ultimatumspiel" sei aus diesem Blickwinkel betrachtet nicht mehr irrational.

Aktivierung des Striatums

Im Herbst 2014 haben auch norwegische Forscher die Zusammenhänge zwischen Hirnaktivitäten und dem Gerechtigkeitsempfinden des Menschen analysiert. Das Team aus Ökonomen von der norwegischen School of Economics und Hirnforschern an der Universität Bergen stellte den Testpersonen Fragen zu den Themenbereichen Fairness, Gleichheit, Arbeit und Geld. Dabei stellten sie eine Aktivierung des Striatums fest. Es handelt sich dabei um einen Bestandteil des Großhirns, nämlich um das Belohnungszentrum.

Für die Forscher ist das eine mögliche Erklärung, warum Menschen auf Vorteile verzichten wollen, um eine soziale Balance zu ermöglichen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PNAS publiziert.

Das Striatum wurde umso stärker aktiviert, je fairer die Testpersonen den angebotenen Lohn bewerteten. Der Aktivierungsgrad hing dabei auch stark vom Arbeitsumfang ab.

In diesem Zusammenhang konnten die Wissenschafter auch nachweisen, dass der Mensch nicht immer wegen Ungleichheit negativ reagiert, sie sogar manchmal als "fair" akzeptieren - also sehr wohl auch nur eigene Vorteile sieht. Zitat aus dem Pressetext: "Wir haben wieder einmal gesehen, dass Menschen keine Heilige sind, aber auch nicht ausschließlich als Egoisten agieren." Eine beruhigende Aussage. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 14.3.2015)

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