Famoser Chronist osteuropäischer Umbrüche

13. März 2015, 17:45
posten

Philipp Ther gewann den Leipziger Sachbuchpreis

Die Universität Wien hat gleich doppelten Grund zum Feiern - und beide Male hat es mit Geschichte zu tun: Die Universität begeht ihr 650-Jahr-Jubiläum. Zeitgleich erhielt einer ihrer Professoren, der Osteuropa-Historiker Philipp Ther, einen der wichtigsten Sachbuchpreise des deutschsprachigen Raums: den der Leipziger Buchmesse.

Ausgezeichnet wurde der 47-jährige Ther für seine Studie Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa , die in einer faszinierenden Kombination aus Reportage und Analyse die Veränderungsprozesse in Zentral- und Osteuropa nach 1989 rekonstruiert. "Wer die jüngsten Konflikte in Europa verstehen will, sollte diesen Text lesen", lobte die Jury.

Mit den Ereignissen des Jahres 1989 hat es auch zu tun, dass der in Vorarlberg geborene Ther zu einem der führenden Osteuropa-Historiker werden sollte. Aufgewachsen in Bayern und in Istanbul, erlebte er als Student in Prag zuerst die Demonstrationen gegen das Regime und dann die Wende 1989 hautnah mit und beschloss, ordentlich Tschechisch zu lernen.

Nach dem Master an der Georgetown University in Washington promovierte er an der FU Berlin mit einer Arbeit über polnische und deutsche Vertriebenengeschichte. Für die Habilitation suchte sich der Historiker, der zahlreiche europäische Sprachen spricht, dann wieder ein ganz neues Thema: Der Hobbymusiker analysierte Wechselbeziehungen im Bereich des Operntheaters in Osteuropa im 19. Jahrhundert.

Abgeschlossen wurde dieses ebenfalls preisgekrönte Buchprojekt vor zehn Jahren am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Danach lehrte er für einige Jahre am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, ehe er 2010 nach Wien berufen wurde, ans größte und älteste Institut für osteuropäische Geschichte im deutschsprachigen Raum. Das sei die beste Position, die man in diesem Fach erreichen kann, sagt Ther, zudem sei Wien der ideale Ausgangspunkt für osteuropäische Archivreisen und Kooperationen.

Abgesehen davon fühlt sich der passionierte Radfahrer und Vater zweier Kinder in der Stadt wohl. Das scheint sich auch auf das Bücherschreiben auszuwirken: Bereits Thers Antrittsvorlesung 2011 war der "Transformation Osteuropas nach 1989" gewidmet. Kaum vier Jahre später ist daraus ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Buch geworden. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Artikelbild
    foto: apa/epa
Share if you care.