"Am Ziel": Großbürgerkundliches Ein- und Auspacken

13. März 2015, 17:44
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Besuch im Thomas-Bernhard-Museum: "Am Ziel" im Theater in der Josefstadt

Wien - In einem der berühmten Ohrensessel Thomas Bernhards nimmt ein ganz besonders schönes Monster Platz: die namenlose Witwe des Gusswerksbesitzers im Stück Am Ziel (1981). Sie gehört zu den niederschmetterndsten großen Frauenrollen, die der österreichische Dramatiker geschrieben hat. Andrea Jonasson verkörpert sie im Theater in der Josefstadt als eine bis in die Fingerspitzen mondäne Dame, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in der Erniedrigung anderer die eigene Größe erstrahlen zu lassen.

Diese Witwe hat ihre Tochter zur Haushaltsgehilfin degradiert; Therese Lohner spielt sie als wundersam hilfloses, vorwiegend von ihrer festen Flechtfrisur zusammengehaltenes Mädchen. Inmitten der cremeweißen Großbürgerwohnung thronend, lamentiert die Mutter über den "Triumph der Handwerker über die Intellektuellen" (die Steinmetzrechnung schien ihr zu hoch) und über die "Verlogenheit" am Theater (das Abonnement hätte man längst auflösen sollen). Währenddessen macht sich das Kind an einem drei Mann hohen Kleiderschrank zu schaffen (Bühne: Maurizio Balò) und packt Seidenblusen und Pelzcapes, Lackschuhe und Regenschirme großbürgerkundlich in sämtliche Koffer, denn es geht Richtung Sommerdomizil, so wie die letzten 33 Jahre auch. Meisterschaft im Haushalt war ja ein Lieblingssujet Bernhards.

Regisseur Cesare Lievi inszeniert das 1981 mit Marianne Hoppe uraufgeführte Sadomaso-Drama vom Blatt, als käme es direkt aus dem Thomas-Bernhard-Museum und als wären keine dreißig Jahre seither vergangen: bissiger Großbürgerboulevard, der aber in Wahrheit keinen Anstoß mehr erregt. Vielmehr delektiert man sich an den hochtrabenden Gepflogenheiten einer brutal-lachhaften Gesellschaft, die halt gelernt hat, wie man einen Rohrkoffer packt.

Dabei ist Andrea Jonassons Witwe bezwingend, wie sie ihre Crescendo-Sätze aufeinanderschichtet und so das über alles und jeden hinwegsehende Reden zum Ereignis wird ("Errrfolgsschrrriftstelller"). Ebendieser Autor (farblos: Christian Nickel) wird die Damen auf ihrer Reise an die Nordsee begleiten. Doch es wird ihm nicht gelingen, das Abhängigkeitsgefüge zwischen Mutter und Tochter zu irritieren.

Im zweiten Teil nach der Pause, bereits an der Nordsee und von Meeresrauschen umspült, verläuft die Suada zusehends, das Stück stagniert. Wohin ist Thomas Bernhard bloß verschwunden? (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Andrea Jonasson als Witwe in "Am  Ziel" im Theater in der Josefstadt.
    foto: apa/herbert neubauer

    Andrea Jonasson als Witwe in "Am Ziel" im Theater in der Josefstadt.

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