Elfer ist, was der Schiri pfeift

Essay17. März 2015, 07:34
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Sport handelt davon, wie es gelingen kann, gerecht zu handeln - aber auch davon, sich nicht wie einst Michael Kohlhaas ins Bockshorn der Selbstgerechtigkeit jagen zu lassen

Ach ja, die Gerechtigkeit! So schwer tun sie sich dort draußen in der rauen Welt, dieses große Wort in die gelungene Tat umzusetzen. Hier herinnen, im vergleichsweise kuscheligen Sport, ist die Sache klarer: Möge der Bessere gewinnen! Zur Not macht man sich das auch mit den Fäusten aus: bum, zack, tertium non datur!

Der Sport frönt eben ausdrücklich nicht dem ehrwürdigen - von den Nazis so zynisch ins Gegenteil pervertierten - "suum cuique". Im sportlichen Wettbewerb gebührt keineswegs einem jeden das Seine. The winner takes it all.

Der Sieg hat das letzte Wort. Das Remis, das "ex aequo" ist bloß ein murrend hingenommener Unfall im sportiven Ermittlungsverfahren. Soweit das irgend möglich ist, wird Zufall, Glück oder Pech auch zu vermeiden gesucht. Auswärtstorregel und Elfermeterschießen; Zeitnehmung bis hin zur Hundertstel-, ja Tausendstelsekunde; Torverhältnis und das Ergebnis des direkten Aufeinandertreffens. Wenn alle diesbezüglichen Stricke reißen, entscheidet dann sogar das Los.

Denn das Gerechtigkeitsempfinden im Sport nährt sich auch davon, dass klare Entscheidungen nicht bloß gefällt werden wie draußen in der Welt - sondern fallen wie durch eine Übernaturgewalt, deren markanteste und verstörendste Eigenschaft es ist, auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben. Im Fußball nennt man das dann "Tatsachenentscheidung". Sie ist des Rechtsempfindens letzter Schluss.

Ritterliches Verhalten

Über die allfällige Gerechtigkeit von Zuständen - um die draußen in der Welt gerungen werden mag - kann drinnen im Sport nicht einmal gelacht werden. Gerecht im sportlichen Sinn ist ja immer nur der Prozess, das dahinter liegende Regelwerk, die Prozessordnung. Aber jedem sportlichen Regelwerk liegt fundamental die Idee des Fair Play zugrunde. Dass man also nicht bloß aus äußerem Zwang den Regeln folgt, sondern sich darüber hinaus auch ritterlich verhält; so wie einst die Fußballspieler, die sogar ihr Angriffsspiel unterbrachen, wenn ein Gegner sich mitleidheischend in Schmerzen wand.

Die grundlegendste Voraussetzung rechtschaffenen sportlichen Kräftemessens ist freilich die anfängliche Chancengleichheit, sozusagen der Beginn bei null. Frauen und Männer werden deshalb, bis auf ganz wenige Ausnahmen, streng auseinandergehalten, ebenso die Schweren und die Leichten, die Versehrten und die mit den geraden Gliedern. Am Anfang, so die Idee nicht nur des sportlichen Wettbewerbs, sollen alle gleiche Voraussetzungen haben. Keine Erbschaft soll mehr zählen. Dann aber gilt: Let's get ready to rumble!

Es sollte nicht übersehen werden, dass, was wir heute Sport nennen, erst in jener Zeit Bedeutung übers ursprüngliche "disport" - Zerstreuung - hinaus erlangte, als die kapitalistischen Gesellschaften sich endgültig etablierten. In England war das deutlich früher, auf dem Kontinent etwas später, hierzulande etwa in den Jahren, die man die Gründerzeit nennt.

Das Drama, die Tüchtigkeit und bulgarische Gewichtheber

Der Sport singt das Lied des triumphierenden Kapitalismus. Wie das Theater zur Welt, verhält sich der Sport zum modernen Erwerbsleben. Er ist das Drama, des die Welt regulieren wollenden Marktgeschehens, das man sich idealiter ja auch als in sich gerecht imaginiert. Hier wie da zählt nicht die Herkunft, sondern allein die Tüchtigkeit. Das ist der Schlachtruf, mit dem einst der dritte Stand dem Adel ans Leder ging. Im Sport sublimierte sich das zum immer noch mitreißenden Thriller.

Dazu passt, dass der sowohl real als auch nur in den Köpfen existierende Sozialismus sich mit dem Sport immer schwergetan hat. Gerechtigkeit durch fairen Wettbewerb sperrt sich ja dem egalitären Wollen. Es hat deshalb nie einen sozialistisch inspirierten Sport gegeben, der über reine Körperertüchtigung hinausging. Dort, wo real existierende Sozialismen in den Sport einstiegen, pervertierte man ihn nach dem Muster der Helden der Arbeit. Heute noch denkt man mit Gänsehaut an Phänotypen wie "bulgarischer Gewichtheber" oder "DDR-Schwimmerin".

Dem "Gerichtigkeitsfanatiker" ein Denkmal

Solch brachiale Zugriffe auf die sportliche Eigenweltlichkeit sind allerdings nicht auf den einstigen Sozialismus beschränkt, ganz im Gegenteil. Die kapitalbefeuerte Welt hat den Sport seit geraumer Zeit auch als Wertschöpfungseinrichtung entdeckt, durch die Geld nicht nur gewaschen, sondern sogar geschöpft werden kann. Sport ist zum Investment geworden. Dadurch aber verschwindet zusehends seine ästhetische Qualität, die Kraft, der Welt ein Bild von sich selbst zu geben.

Zurück bleibt da wie dort dann der Ritter von der traurigen Gestalt, der "Gerechtigkeitsfanatiker". Ihn gibt es nicht erst, seit es Schiedsrichter gibt. Heinrich von Kleist hat ihm vor mehr als 200 Jahren schon ein Denkmal gesetzt. Auf dass der Michael Kohlhaas stets daran erinnere, dass ein Elfer stets nur das ist, was der Schiri pfeift. Denn Achtung: Der Schritt zur Selbstgerechtigkeit - "Fiat iustita, et pereat mundus" - ist da wie dort immer nur ein kleiner. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 14./15.03.2015)


  • Let's get ready to rumble!
    foto: ap/dunham

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