Was Zuwanderung bringt und kostet

19. März 2015, 05:30
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"De Auslända zahn obe und nehmen nur": Im Vergleich zu den Migranten fühlen sich viele Österreicher schlecht behandelt. Doch Studien zeigen, dass das nur teilweise stimmt, insgesamt zahlen Zuwanderer mehr in die Staatskassen ein, als sie herausbekommen

Um die gemäß der Statistik Austria 1.066.114 Menschen ohne österreichischen Pass hierzulande ranken sich viele Mythen. Der STANDARD hat die gängigsten Stammtischthesen über die sogenannten "Auslända" zusammengefasst, die rund 12,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen - und einem Faktencheck unterzogen.

"Die Zuwanderer kassieren mehr Kindergeld als die Österreicher."

Logisch, denn: Die Fertilitätsrate der heimischen Durchschnittsfrau lag 2013 gerade einmal bei 1,3, jene von Migrantinnen dagegen bei 1,9. Die meisten Kinder bringen Türkinnen zur Welt (2,2), gefolgt von Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien (2,1). Allerdings, gibt Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie, zu bedenken: "Der Familienbeihilfebezug ist unterdurchschnittlich, denn aufgrund der österreichischen Bildungsungleichheiten besuchen die Kinder von Migranten die Schulen kürzer und gehen weniger häufig an die Unis, um zu studieren." Im Detail hat eine Auswertung des Sozialministeriums 2011 für die Familienleistungen ergeben: Zuwanderer haben 460 Millionen Euro in den Familienlastenausgleichsfonds einbezahlt und 936 Millionen in Form von Familienbeihilfe, Kindergeld, Wochengeld herausbekommen. Das entspricht einem Anteil von 19,13 Prozent aller Leistungen.

"Die Migranten feiern öfter krank als wir - und verursachen daher höhere Kosten bei den Krankenkassen."

So einfach kann man das nicht stehen lassen. Der "Fehlzeitenreport 2013" des Wifo weist nur aus, dass unselbstständig Beschäftigte im Schnitt 13 Tage im Krankenstand waren - es wird aber nicht zwischen in- und ausländischen Arbeitskräften unterschieden. Dünn ist auch die Datenlage bei den konkreten Einnahmen und Ausgaben für das Gesundheitssystem. Aus der Auswertung des Sozialressorts geht aber hervor, dass die Krankenkassen 2011 rund 12,2 Milliarden an Beiträgen einnahmen und Ausländer 7,23 Prozent bzw. 882 Millionen beisteuerten. Bei den diversen Ausgaben gibt es häufig keine Untergliederung nach Staatsbürgerschaft. Nur bei den Geldleistungen (vor allem Krankengeld) steht fest, dass 8,14 Prozent oder 41,3 Millionen an Zuwanderer ausbezahlt wurden.

"Die Ausländer nehmen häufiger die Arbeitslose und die Mindestsicherung in Anspruch als die Inländer."

Statistisch gilt das durchaus als belegt. Zuletzt waren 397.589 Menschen als arbeitslos gemeldet, 105.833 davon Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, was einem Anteil von 26,6 Prozent entspricht. Eine Erklärung für den hohen Anteil: Zuwanderer haben häufiger nur Pflichtschulabschluss - und je niedriger der Bildungsgrad, desto höher ist das Risiko, den Job zu verlieren, weil man sich etwa in der Bau- oder Reinigungsbranche sein Geld verdienen muss. Ähnlich sieht es bei den Beziehern der Mindestsicherung aus: Eine Studie der L&R Sozialforschung kam 2012 zu dem Schluss, dass der Anteil an Zuwanderern etwa gleich hoch ist wie beim Arbeitslosengeld.

"Die Asylwerber legen sich bei uns in die soziale Hängematte."

Mit Ende 2014 sind 31.274 Personen grundversorgt worden, die meisten davon Asylwerber, exakt 9077 waren minderjährig. Doch wer an paradiesische Zustände während ihres Verfahrens glaubt, irrt: Werden diese Menschen in Unterkünften versorgt, müssen sie mit 40 Euro pro Monat auskommen; wohnen sie selbstständig, bekommen sie vom Staat maximal 290 Euro monatlich, rechnet Schenk vor. Dass Asylwerber ihren Unterhalt meist nicht selbst bestreiten können, liegt am restriktiven Zugang zum Arbeitsmarkt, an dem die Regierung bis dato festhielt: Erlaubt sind ihnen nur Saisonjobs und Tätigkeiten in der Landwirtschaft. Asylwerber sind also bloß als Kräfte im Tourismus und Erntehelfer erwünscht - und das nur nach eingehender "Arbeitsmarktprüfung". Auch erlaubt: "Landschaftspflege" (vulgo Heckenschneiden u. Ä.) bei Bund, Ländern, Gemeinden. Und: Sie dürfen selbstständig ein Gewerbe betreiben - viele sind daher Zeitungszusteller.

Bilanz

Arbeitslosen- und Familienleistungen werden von Migranten überdurchschnittlich oft in Anspruch genommen. Für eine umfassende Bilanz müsste man aber auch das Pensionssystem berücksichtigen. Nur zwei Prozent aller Pensionszahlungen gingen 2011 an Migranten (gleichzeitig waren sie aber für 7,23 Prozent der Einzahlungen verantwortlich). Was das Ganze jedoch verzerrt: Wer jahre- oder jahrzehntelang als Ausländer eingezahlt hat, wird - nach Verleihung der Staatsbürgerschaft - zum inländischen Pensionsbezieher. Aussagekräftiger ist daher eine Auswertung der OECD - diese kam in ihrem Migrationsausblick 2013 zu dem Schluss: Berücksichtigt man nicht nur Transferzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge, sondern auch alle anderen Steuern, so brachte jeder Zuwandererhaushalt der Staatskasse 2400 Euro pro Jahr. Bei gemischten Haushalten (ein Österreicher, ein Zuwanderer) lag der Nettoeffekt sogar bei 6400 Euro. (Günther Oswald Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Um die rund 12,5 Prozent ohne österreichischen Pass ranken sich viele Mythen, DER STANDARD hat die gängigsten Stammtischthesen über die sogenannten "Auslända" einem Faktencheck unterzogen.
    grafik: der standard/fatih aydogdu

    Um die rund 12,5 Prozent ohne österreichischen Pass ranken sich viele Mythen, DER STANDARD hat die gängigsten Stammtischthesen über die sogenannten "Auslända" einem Faktencheck unterzogen.

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