Wie Politik Reichtum fördert

13. März 2015, 17:29
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Zwei Bücher thematisieren den Umgang mit der ökonomischen Ungleichheit. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz analysiert faktenreich die Situation in den USA, Vater und Sohn Skidelsky setzen sich grundsätzlich mit Geldfragen auseinander

Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mitnichten meint der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und führt anhand vieler Beispiele aus, wie sehr die Ungleichheit in seinem Heimatland zugenommen hat. Seiner Ansicht nach hat die Ungleichverteilung ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen und ist vergleichbar mit der Situation vor der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. 93 Prozent der Einkommenszuwächse, die zwischen 2009 und 2010 dort erzielt wurden, fielen dem einen Prozent der Amerikaner mit dem höchsten Einkommen zu, rechnet Stiglitz aus. 99 Prozent gingen somit leer aus oder hätten es noch schwerer.

Das Vermögen sei noch ungleicher verteilt, schreibt Stiglitz und liefert dafür konkrete Zahlen. Von Wachstumseffekten profitierten weder ärmere Schichten noch die sogenannte Mittelklasse. Der an der Columbia University lehrende Ökonom sieht deshalb die Trickle-down-Theorie diskreditiert. Es gebe keinen Beweis dafür, dass Reichtum gleichsam von oben nach unten durchsickere. Vielmehr geschehen die Vermögenszuwächse der Reichen auf Kosten der Armen.

Schuld an diesem immer stärkeren Auseinanderdriften in den USA ist nach Ansicht des Ökonomen die Politik. Sie befördere hemmungsloses "Rent-Seeking". Darunter versteht Stiglitz Aktivitäten, die nicht dazu dienen, sich Wohlstand durch Produktivität zu sichern, sondern die einzig und allein der Wegnahme des Wohlstandes anderer gelten.

Dies kann in verschiedenen Formen geschehen: "Einmal geht es um verdeckte und offene staatliche Transferzahlungen und Subventionen, ein andermal um Gesetze, die den Wettbewerb auf Märkten einschränken, dann wieder werden bestehende wettbewerbsrechtliche Normen nachlässig durchgesetzt", schreibt Stiglitz. Es könnten auch Verbraucher unfair ausgenutzt werden. Monopole begünstigten diese Entwicklung.

Starkes Lobbying trägt dazu bei, dass sich an diesen profitablen Situationen für einige wenige nichts ändere, meint Stiglitz, der als einer der Helden der Antiglobalisierungskritiker gilt. Als Antikapitalist kann er aber nicht bezeichnet werden, denn an die positiven Kräfte des Marktes glaubt der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank.

Die Politik müsse nur mehr tun, um Rahmenbedingungen zu setzen, so seine Forderung. Dies gelte insbesondere für den Finanzsektor. Stiglitz verlangt eine schärfere Bankenregulierung und strengere Regeln für die Vergabe von Krediten, die er als Hauptursache für den Ausbruch der Finanzkrise 2008 sieht.

Stiglitz hat sich in seinem neuesten Buch vor allem auf die Situation in seinem Heimatland konzentriert. Das wird vor allem deutlich, wenn er sehr ausführlich die Notwendigkeit, eine Krankenversicherung für alle einzuführen, analysiert. Den nicht für alle gegebenen Zugang zu Bildung kritisiert er ebenso. Europa preist er in diesem Zusammenhang als Vorbild an.

Umgekehrt lobt er die amerikanische Steuerpolitik. Die Vereinigten Staaten besteuern das Einkommen ihrer Bürger weltweit. Ein griechischer Staatsbürger könne dagegen seinen Wohnsitz nach Luxemburg verlegen und sich dem Zahlen von Steuern an in seinem Heimatland entziehen, kritisiert der Ökonom.

Wenig Positives findet er auch am Krisenmanagement rund um den Euro. Griechenland derart strikte Sparvorgaben zu machen, sei falsch, meint Stiglitz. Er setzt, wie die meisten US-Ökonomen, dagegen auf höhere Ausgaben des Staates zur Ankurbelung der Wirtschaft und fordert ein aktiveres Eingreifen der Europäischen Zentralbank.

Die Enttäuschung über die Politik von Barack Obama, die wenig zum Abbau der Ungerechtigkeiten beigetragen hat, ist dem früheren Wirtschaftsberater von Bill Clinton anzumerken. Er plädiert vehement für den Ausbau der Erbschaftssteuer. Eine Rebellion, wie sie im Arabischen Frühling stattgefunden hat, kann sich Stiglitz jedenfalls vorstellen.

Stiglitz argumentiert als Ökonom, wenngleich er sich auch kurz mit den Auswirkungen der Ungleichheit auf die Demokratie beschäftigt. Die Verbindung von Wirtschaftswissenschaften und Philosophie stellen dagegen Robert Skidelsky und sein Sohn Edward her. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie viel genug ist und wozu Reichtum eigentlich da ist.

Es ist eine grundsätzliche, historisch fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema, die einen breiten Bogen spannt und zu konkreten Vorschlägen für die Politik führt: Die beiden treten für mehr progressive Elemente bei der Ausgestaltung von Steuern ein und fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Angesichts des erreichten Wohlstands sei das finanzierbar, meinen die beiden Autoren.

In ihrer Forderung nach mehr moralischem Handeln sind sie sich mit Stiglitz einig. Die Stärke der beiden Bücher ist, dass sie gute Argumente für die aktuellen Debatten über Umverteilung liefern, wobei das Buch von Stiglitz zahlenlastiger ist und dafür ethische Fragen im Buch von Vater und Sohn Skidelsky ausführlicher und fundierter behandelt werden. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 14.3.2015)

Robert & Edward Skidelsky, "Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens". € 20,60 / 318 Seiten. Kunstmann, München, 2013.

Joseph Stiglitz, Der Preis der Ungleichheit, Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht. € 15,50 / 544 Seiten. Pantheon-Verlag, München 2014.

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