Die Notwendigkeit, das Schlimmste zu verhindern

13. März 2015, 17:24
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Wohin strebt der untote Homo oeconomicus? Zwei Stars der Kapitalismuskritik debattieren über die Zukunft eines Systems

Ein Gespenst geht um in diesem Buch: der Zombie. Der Zombie ist untot, ernährt sich von Menschenfleisch und dient Tomás Sedlácek und David Graeber, zwei "Stars der Kapitalismuskritik", als Symbolfigur für denselben. Denn Zombies sind, wie der Kapitalismus, hocheffizient (Liebhaber von Zombiefilmen können ein Lied davon singen, wie gekonnt sich Zombies durch frische Menschenleiber fressen). Mitfühlend sind sie nicht. Zombies kennen nur das Fressen, keine Moral, und wenn es ums Fressen geht, gehen sie über Leichen.

Tomás Sedlácek, Chefökonom der größten tschechischen Bank, hat 2011 mit Die Ökonomie von Gut und Böse einen internationalen Bestseller geschrieben; der US-Ethnologe David Graeber hat sich als Autor von Schulden: Die ersten 5000 Jahre sowie als einer der Initiatoren der Protestbewegung "Occupy Wall Street" einen Namen gemacht. In ihrem buchlangen Zwiegespräch - Moderator ist der tschechische Journalist Roman Chluptý - geht es um die Frage, was das Wesen des "Zombies", sprich des Kapitalismus, gegenwärtig ausmache und welche Zukunft man für ihn anstreben solle bzw. zu erwarten habe.

Einig sind sich die beiden in der Diagnose, dass die neoliberale Glaubensformel, wonach sich alles zum Guten wenden werde, wenn man nur die Märkte und den Homo oeconomicus sich selbst überlässt, obsolet ist. Diese "religöse Deutung" zerschellt an finanziellen Megakrisen wie jener der Jahre 2008 ff., der zunehmenden sozialen Ungleichheit und einer tendenziell menschheitsgefährdenden Umweltzerstörung, welche Kapitalismuskritik zu einer Notwendigkeit mache, um "das Schlimmste zu verhindern".

Dennoch ist es ein Charakteristikum des Buches, dass weder Sedlácek noch Graeber rabiate Systemkritiker sind - beide konzedieren mühelos, dass der Kapitalismus Hunderttausende aus der Armut geholt hat -, wohl aber radikale, zu den Wurzeln gehende. Sie machen sich sehr grundlegende Gedanken zu archaischen Begriffen wie "Schuld" oder "Zins" und warnen davor, unbedacht an diesen "alten Dingen", die es lange vor den Wirtschaftswissenschaften gab, herumzudrehen.

Im Prinzip geht es beiden darum, andere menschliche Komponenten in ein neoliberales Denksystem einzuführen als ein bloßes Nützlichkeits- und Bereicherungsstreben: Mitgefühl, ein kollektives Wollen von Nachhaltigkeit, den Drang, auch andere Werte zu leben als bloß ökonomische. Sedlácek setzt auf eine "evolutionärere", Graeber auf eine umwälzendere Umgestaltung des Kapitalismus: Die beiden wirken aber weniger voneinander entfernt, als es der Titel dieses anregenden Buches glauben machen will. (Christoph Winder, DER STANDARD, 14.3.2015)

Thomás Sedlácek, David Graeber, "Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?". Aus dem Engl. von Hans Freundl. € 12,- / 144 Seiten. Hanser-Verlag, München 2015

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