Epidemiologe Wilkinson: "Die Antwort ist simpel: Ungleichheit bringt uns um"

Interview15. März 2015, 08:44
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Unser Lebensstil und unsere Ärzte entscheiden, wie lange wir leben? Falsch, sagt der Epidemiologe Richard Wilkinson. Zu den größten Einflussfaktoren für unsere Gesundheit zählt Verteilungsgerechtigkeit

STANDARD: Lässt sich sagen, dass soziale und ökonomische Ungleichheit uns früher sterben lassen?

Wilkinson: Die Antwort darauf ist simpel: Ja, Ungleichheit bringt uns um. Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto größer sind die sozialen Probleme. Ungleiche Gesellschaften schneiden bei der Lebenserwartung schlechter ab, es gibt mehr Drogensüchtige, mehr psychische Erkrankungen wie Depression, mehr Kriminalität. Wie stark der Einfluss ist, sieht man in den Vereinigten Staaten: Die USA waren in den 1950er-Jahren eines der Länder mit der höchsten Lebenserwartung. Heute sind sie in der Statistik irgendwo zwischen Platz 25 und 30. Warum? Die Ungleichheit ist in den USA seit den 50er-Jahren explodiert. In Japan war die Entwicklung umgekehrt. Das Land lag nach dem Krieg weit hinten, seit den 80er-Jahren leben Japaner statistisch aber am längsten. In der besagten Zeit hat Japan die soziale Ungleichheit rapide zurückgedrängt.

STANDARD: Allgemein gilt, dass Lebensstil und medizinische Versorgung darüber entscheiden, wie alt wir werden.

Wilkinson: Die Medizin wird überschätzt. Es ist schwer, überhaupt einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsausgaben pro Kopf in einem Land und der Lebenserwartung zu finden. Das Gleiche gilt für die Zahl der Ärzte und Krankenbetten. Das heißt nicht, Medizin wäre nicht effektiv. Aber ihr Einfluss wird von anderen sozioökonomischen Faktoren überschattet. Es ist so wie im Krieg: Lazarette sind wichtig. Für die Zahl der Opfer in einer Schlacht sind sie aber nicht entscheidend.

STANDARD: Und was ist mit dem Lebensstil, mit Rauchen, Trinken?

Wilkinson: Das hat Einfluss. Aber eine kürzlich erschiene Metastudie, die dutzende Arbeiten zu diesem Thema analysiert hat, kam zu dem Ergebnis, dass für unsere Gesundheit die Zahl unserer Freunde entscheidender ist als die Frage, ob wir rauchen oder nicht.

STANDARD: Aber warum sollte jemand mit vier Freunden länger leben als mit zwei?

Wilkinson: Die Erklärung ist chronischer Stress. Zu viel Stress führt zu einem Prozess, den man als rapides Altern bezeichnen kann. Wenn ein Mensch mit Stress konfrontiert ist, verhält sich sein Körper wie bei drohender Gefahr: Er stellt extrem viel Energie bereit. Muskeln spannen sich an, die Reaktionszeit ist verkürzt. Gleichzeitig vernachlässigt der Körper unter Anspannung andere Funktionen wie Gewebeheilung und Verdauung. Es ist gleichgültig, wenn der Stress ein paar Stunden dauert. Wenn er aber Monate und Jahre anhält, wird der Mensch anfälliger für Erkrankungen. Warum sind Freunde wichtig? Die Qualität unserer sozialen Beziehungen verursacht den größten Stress in unserem Leben. Wichtig ist, ob wir respektiert und gemocht werden, ob Freund- und Partnerschaften funktionieren.

STANDARD: Bei Stressfaktoren denken die meisten Menschen doch eigentlich an Beruf und Karriere.

Wilkinson: Individuell ist es sicher stressiger, wenn jemandem droht, seinen Job oder sein Haus zu verlieren. Aber auf gesellschaftlicher Ebene sind die größten Stressfaktoren zu niedriger sozialer Status, eine schwierige frühe Kindheit und schlechte soziale Kontakte.

STANDARD: Wie genau macht nun soziale Ungleichheit krank?

Wilkinson: Materielle Unterschiede verstärken den Einfluss, den Klasse und sozialer Status auf die Gesundheit haben.

STANDARD: Ein Beispiel bitte.

Wilkinson: Es gibt in den USA und Großbritannien arme Regionen, in denen die Lebenserwartung um 20 Jahre niedriger ist als in wohlhabenden Gegenden. Das dürfte noch niemanden überraschen. Unzählige Studien zeigen aber, dass solche Ungleichheiten die Lebenserwartung in allen sozialen Schichten negativ beeinflussen. Es sieht also so aus, dass etwa 95 Prozent einer Gesellschaft gesünder leben, wenn mehr Gleichheit herrscht. In Gesellschaften mit großen materiellen Unterschieden ist die Angst der Menschen vor einem sozialen Absturz und damit auch der erwähnte soziale Stress größer: Also Reiche wie Arme fürchten sich mehr.

STANDARD: Sie kommen in Ihren Studien sogar zu dem Ergebnis, dass Verteilungsgerechtigkeit für die Lebenserwartung in einem Land wichtiger ist als der absolute Wohlstand in einer Gesellschaft.

Wilkinson: Ja, wobei das nicht für ärmere Gesellschaften wie Entwicklungsländer gilt. Hier ist der absolute Wohlstand der wichtigste Faktor. Ist aber einmal eine gewisse Wohlstandsschwelle überschritten, kommt es stärker auf die Verteilung an. Es ist aber wichtig, zu sagen, dass die Lebenserwartung auch in Industrieländern mit steigender Ungleichheit steigt. Aber sie könnte stärker steigen.

STANDARD: Sind soziale Einflussfaktoren bei allen Krankheiten gleich wichtig?

Wilkinson: Es gibt Erkrankungen, bei denen das soziale Gefälle keine oder kaum eine Rolle spielt, etwa bei Krebs. Zwei der häufigsten Krebserkrankungen, Brustkrebs und Prostatakrebs, sind bei Reichen genauso verbreitet wie bei Armen. Bei Infektionskrankheiten, Erkrankungen der Atemwege, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Unfällen ist Ungleichheit hingegen ein wichtiger Faktor.

STANDARD: Wie kann ich als Einzelner von Ihren Studienergebnissen profitieren? Darf man jetzt rauchen, wenn man sich dafür drei Freunde mehr zulegt?

Wilkinson: Nein, bitte nicht. Die Untersuchung zeigt ja nur, dass Freunde wichtiger sind und nicht dass man das eine mit dem anderen kompensieren kann. In ungleicheren Gesellschaften haben Menschen mehr Angst davor, wie andere sie beurteilen. Deshalb sind Depression und Schizophrenie verbreiteter. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Menschen in so einem Umfeld auch eher dazu neigen, sich besser darzustellen, als sie sind, um bestehen zu können. In ungleicheren Gesellschaften ist also auch Narzissmus verbreiteter. Vielleicht sollten wir uns bewusster werden, wie stark Dinge jenseits unserer individuellen Sphäre unser Wohlbefinden beeinflussen.

STANDARD: Und was können wir als Gesellschaft tun?

Wilkinson: Es gibt verschiedenste Wege in einer Gesellschaft um Ungleichheit zu verringern. Man kann mehr verteilen oder Spitzengehälter und Bonuszahlungen beschneiden. Wahrscheinlich sollten wir auf sie alle zurückgreifen. Das würde die Gesellschaft für jeden zu einem schöneren Platz machen. (DER STANDARD, 14.3.2015)

Richard Wilkinson (Jg. 1943) ist emeritierter Professor für Epidemiologe an der University of Nottingham und Professor am University College London. Zuletzt von ihm erschienen ist das Buch "Gleichheit ist Glück" (gem. mit Kate Pickett). Foto: University of Brighton

  • Wie wichtig sind Ärzte für die Gesundheit der Menschen wirklich?
    foto: fischer

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  • Buchautor und Forscher Wilkinson.

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