Der ewige Traum vom Leben ohne Wachstum

Kommentar der anderen13. März 2015, 17:10
169 Postings

Die Apostel des Degrowth machen sich einen falschen Begriff von Wachstum. Dieses kann, zumindest in den entwickelten Ländern, heutzutage nur noch aus Wissen kommen. Und das ist - entgegen allen paternalistischen Beschränkungsfantasien - unbegrenzt vermehrbar

Es ist eine verlockende Idylle, die uns Giorgos Kallis in seinem Manifest gegen das Wachstum und den Kapitalismus in Aussicht stellt. Wir könnten demnach wie im mythischen Arkadien, das konkret übrigens in Mittelgriechenland liegt, leben: Nur Sinnstiftendes tun. Das Tempo reduzieren. Unsere Umwelt schonen. Mit dem Fahrrad zufrieden sein, weil die Werbung für Autos ja verboten wurde. Quasi ein neues Goldenes Zeitalter, von dem schon Hesiod und Vergil träumten.

Aufforderung zur Armut

Der Leser ahnt: Dieser Traum wird ein solcher bleiben - und zwar aus vielen Gründen. Denken wir zunächst an die Entwicklungs- und Schwellenländer. Es ist unbestritten, dass seit 1990 etwa eine Milliarde Menschen der Armut im wahrsten Sinne des Wortes entwachsen sind. Allein in China sind es etwa 660 Millionen. Ein anderes Mittel dafür als eine wachsende Wirtschaft ist bisher nicht bekannt. Die implizite Aufforderung an Kambodschaner, Sambier oder Paraguayer, ihr Land möge nicht nach Wachstum streben, ist also, um es freundlich zu sagen, inakzeptabel.

Nun gut, dann sollen eben nur die Industrieländer nicht mehr wachsen, das tun sie ja dem Anschein nach ohnehin kaum. Eine Mehrheit etwa der Spanier oder Griechen dürfte von diesem Aufruf allerdings nicht entzückt sein. Dann gibt es auch noch die unangenehme Tatsache, dass in diesem Fall Länder ohne und welche mit Wachstumserlaubnis im direkten Wettbewerb stehen, wenn wir nicht die Globalisierung abschaffen und die Zollstationen an der Grenze wieder einführen.

Auf diesen Aspekt kommen wir später zurück und richten zuerst den Blick auf die Funktion, die Wirtschaftswachstum in reichen Ländern hat.

Grobe Irreführung

Es ist grob irreführend, wenn Degrowth-Anhänger behaupten, trotz langen Wachstums seien die Armutsraten so hoch wie eh und je und die Jugend arbeitslos. Letzteres trifft - aus ganz anderen Gründen - für manche Staaten zu, aber nicht für die Mehrzahl der industrialisierten Länder. Ersteres wiederum ignoriert die höchst erfreuliche Tatsache, dass es den Armen heute aufgrund von höherer Produktivität, also von Wachstum, sehr viel besser geht als, sagen wir, vor zwei Generationen.

Es reicht, sich bei den Großeltern zu erkundigen. Wenn das eigentliche Thema aber die Schere zwischen Arm und Reich ist, dann sollten wir darüber reden, wie Ärmere zum Beispiel über bessere Bildungsmöglichkeiten den sozialen Aufstieg leichter schaffen können.

In Giorgos Kallis' Vorstellung bedeutet Wachstum immer noch, dass ständig mehr produziert und konsumiert wird. Das mag in Ländern wie Kenia oder Laos gelten, wo ein Arbeiter wohl lieber dreimal als einmal die Woche Fleisch isst. Und das sollten ihm auch Vegetarier nicht verübeln, wenn die Freiheit des Einzelnen noch etwas zählt.

Qualitatives Wachstum

Da wir aber von Europa reden, geht es um qualitatives und eben nicht mehr um quantitatives Wachstum: Es geht um die Produktion von neuem Wissen, das sich in Form von Produkten manifestiert, die bedienungsfreundlicher sind und ökologischer produziert werden.

Störrischerweise fragen sehr viele Menschen diese Güter auch nach und verspüren wenig Lust darauf, noch immer ein Telefon in der Größe eines Koffers mit sich herumzutragen. Oder weiterhin mit dem Kinderwagen über drei Stufen in den Straßenbahnwagen zu klettern.

An dieser Stelle ein praktischer Hinweis an unerschütterliche Wachstumskritiker: Es ist möglich, sich freiwillig zu bescheiden. Verbote in diese Richtung sind unnötig und paternalistisch. Der Markt bietet nicht nur BMW, sondern auch Carsharing an. Und wer nicht ständig mehr konsumieren und Geld ausgeben will, weil er schon genug davon hat, kann seine eigene Arbeitszeit auch ohne Zwang reduzieren und die gewonnene Zeit in freiwillige Sozialprojekte investieren, was gesellschaftlich zweifellos wünschenswert ist.

Auch wenn Kallis vorsichtshalber festhält, die autoritäre Praxis des real existierenden Sozialismus sei zu vermeiden: Die Forderung nach "sozialer Enteignung", das Verbot, das Bruttoinlandsprodukt als auch nur einen von mehreren Indikatoren zur Orientierung zu verwenden, die geplante oktroyierte Arbeitsplatzteilung - all das geht genau in Richtung Planwirtschaft und hat in der Praxis noch immer eine ineffiziente Produktion bedeutet.

Damit ist für ein Land, das, siehe oben, im Wettbewerb mit anderen Ländern ohne Wachstumsverbot steht, zumindest mittelfristig der Wohlstandsverlust garantiert. Um es in Twitter-Länge zu formulieren: Das Ergebnis sind Armut und Zwang.

Als konkretes Beispiel denke man kurz an Länder oder Regionen, die zwischendurch den technologischen Anschluss verloren haben, etwa die einstigen Standorte der englischen Textilindustrie. Oder das heutige Kuba. Nicht zuletzt: Wo der Wohlstand schrumpft, gibt es weniger zu verteilen. Gerade Befürwortern eines starken Sozialstaates möchte man laut zurufen: Überlege genau, was du dir wünschst.

Neues Wissen

Wachstum ist also der Ausdruck neuen Wissens. Wie müssen wir uns also ein Land ohne Wachstum vorstellen? Man darf wohl annehmen: starr, unkreativ, gelähmt. Jedenfalls nicht sehr arkadisch. (Hanno Lorenz, Cornelia Mayrbäurl, DER STANDARD, 14.3.2015)

Hanno Lorenz hat in Hamburg und Wien Ökonomie studiert. Er war für die Nationalbank und das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica tätig und ist seit 2013 beim Thinktank Agenda Austria.

Cornelia Mayrbäurl ist ebenfalls Mitarbeiterin der Agenda Austria. Sie hat Geschichte, Publizistik und Italienisch studiert sowie ein Diplom in Internationalen Beziehungen an der Johns Hopkins University erworben. Mayrbäurl war journalistisch tätig für den "Kurier" und "Format" und berichtete als Korrespondentin für die "Presse", die "NZZ" und die "Zeit" aus Lateinamerika.

Share if you care.