"Go down, Moses": Mutter Moses mit dem Dürer-Hasen

13. März 2015, 17:19
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Am Münchner Residenztheater feierte Romeo Castelluccis neue Theaterproduktion "Go down, Moses" ihre Premiere im deutschsprachigen Raum. Interessierte können Ende Mai bei den Wiener Festwochen das beglückende Staunen neu erlernen

Moses, so steht es in der Bibel, wurde als Kind weggelegt. Eine Pharaonentochter nahm sich des schreienden Bündels am Nilufer an. Die Umstände der jüdischen Knechtschaft in Ägypten sind wenig plastisch. Und doch macht ihre nachträgliche Erklärung die ganze Faszination von Go down, Moses aus. 80 Minuten währt das gleichnamige Rätselspiel, in dem nicht die ägyptische, sondern unsere ganze Kultur für null und nichtig erklärt wird.

Nach Moses, dem Überbringer der Gesetzestafeln, benannt, ist Regisseur Romeo Castelluccis neue Produktion vor allem ein Glaubensappell. Die Arbeit der Socìetas Raffaello Sanzio feierte im Münchner Residenztheater Premiere im deutschsprachigen Raum. Sie hinterließ ratlose Gesichter und lähmte die zum Klatschen erhobenen Hände. Dabei ist Go down, Moses von singulärer Qualität. Den Besuchern der vier Wiener-Festwochen-Termine (27. bis 30. Mai) sei dennoch geraten, ihre Kenntnisse des Alten Testaments für sich zu behalten.

Acht Personen schlüpfen auf die mit einem Gazevorhang verhängte Bühne. Sie könnten Sommergäste sein. Die adretten Damen und Herren sind von rastlosem Eifer ergriffen. Sie nehmen staunend aneinander Maß oder entrollen gut gelaunt ein Plakat mit dem Dürer-Hasen. So viel blinde Geschäftigkeit wirkt ansteckend. Aber Castellucci, der den Plot von Go down, Moses zusammen mit seiner Schwester Claudia entworfen hat, bremst jeden vorschnellen Eifer.

Dem ein wenig haltlosen Treiben der Menschen setzt er Gottes Willen entgegen. Eine gut zwei Meter lange Walze wird hereingeschoben, dick wie ein Teppich. Eine Motorschleuder versetzt die Rolle in Umdrehung. Man meint, einem Düsentriebwerk zu lauschen. Da sinken aus dem Schnürboden struppige Haarköpfe herab. Die Maschine wickelt die Perücken gierig auf. Man ist sich nicht sicher, was dieser Schreckensgruß aus der Requisitenkammer zu bedeuten hat. Aber war Moses nicht auch von Zweifeln geplagt, als er Gott am Fuß des Berges Sinai im brennenden Dornbusch begegnete? Hier, in Castelluccis Bildwelt, offenbart sich Gott der Herr als unbarmherzige Schleuderanlage.

Die nächsten Episoden handeln von Jochebed, Moses' Mutter. Im gelb gefliesten Baderaum einer lärmerfüllten Gaststätte wird man Zeuge einer Geburt. Die Schwangere erlebt das Platzen ihrer Fruchtblase als blutiges Unglück. Bald darauf sitzt die Frau nach ihrer einsamen Entbindung vor einem freundlichen italienischen Kriminalkommissar.

Auf der Suche nach Moses

Den Verbleib ihres Kindes gibt sie nicht preis. Aber sie weiß immerhin zu berichten, dass es Moses heißt. Stockend legt sie Zeugnis ab (in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln) vom spirituellen Stand der Dinge. Moses werde das Volk ins Gelobte Land führen. Noch aber sei es kein Volk, "weil es nicht weiß, dass es versklavt ist". Auf geheimnisvolle Weise verschmilzt Jochebeds Martyrium mit dem Schicksal der ganzen Menschheit. Sie selbst verschwindet im Computerthomografen. Und während ein chorisches Sausen anhebt, eine Art himmlischer Schöpfungslärm (Musik: Scott Gibbons), zieht die Gottesschleuder neue Haare auf.

Ein Gewölk schwebt herab, es entpuppt sich als urzeitliche Höhle. Man reibt sich die Augen. Hinten, am Höhleneingang, blitzt der gestirnte Himmel. Im Vordergrund weidet eine Urhorde ein armseliges Tier aus. Eine Urmama hebt ihren toten Säugling in die Höhe und verscharrt ihn unter einem Stein. Ihr Gemahl beschläft sie aufs Neue, worauf die äffische Gruppe die Hände in Farbe taucht und auch den Gazeschleier mit Abdrücken betupft.

Es obliegt einer besonders begabten Äffin, ihren Hunger nach Erlösung zu artikulieren. Mit ungelenken Strichen malt sie die Buchstaben "SOS" auf den Gazeschleier. Die Horde zieht ab, die arme Jochebed erscheint ein letztes Mal. Sie bettet sich, wie um auf ihr Söhnchen Moses zu warten, auf einem Felsvorsprung zur letzten Ruhe. Romeo Castelluccis Go down, Moses enthält eine spirituelle Verlustanzeige. Als solche sprengt der Abend jeden Katechismus. Er erzeugt andächtiges Staunen. Insofern handelt es sich um Theater von einem anderen Stern. (Ronald Pohl aus München, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Trotz herrlichster kultureller Ambitionen hat die Menschheit ihren Lebenssinn verloren: In "Go down, Moses" suchen acht Schauspieler nach dem Propheten, der sie in ein Gelobtes Land führt.
    foto: mencari

    Trotz herrlichster kultureller Ambitionen hat die Menschheit ihren Lebenssinn verloren: In "Go down, Moses" suchen acht Schauspieler nach dem Propheten, der sie in ein Gelobtes Land führt.

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