Prozess in Wien: Die völlig verwahrlosten Wunschkinder

13. März 2015, 15:36
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Ein 40-Jähriger soll seine drei Töchter grob vernachlässigt haben. Er gesteht das, hält sich aber noch immer für einen guten Vater

Wien - "Ich wollte immer eine Familie", nuschelt Siegfried K. leise. Den Wunsch erfüllte er sich – und er hat ihn vor Richter Andreas Böhm gebracht. Elf Monate nach der Mutter seiner drei Töchter sitzt auch der 40-Jährige wegen Vernachlässigens von Unmündigen hier.

Die Mutter wurde im vergangenen April zu neun Monaten bedingt verurteilt, K. ist erst jetzt verhandlungsfähig, er leidet an schweren Depressionen, betont sein Verteidiger Christian Kaiser. Das müsse man auch bei der Schuldfrage berücksichtigen: "Er kann kaum außer Haus gehen, kommt aus zerrütteten Verhältnissen und hatte eine schwere Kindheit."

Die er auch seinen Kindern beschert hat, wie er zugibt. Die waren laut Gutachtern völlig verwahrlost, hatten schwerste intellektuelle und soziale Defizite. Eine Tochter wurde nach einem Ellbogenbruch von den Eltern nicht mehr zu Untersuchungen gebracht, eine andere hatte völlig desolate Zähne.

Unfassbar kaputtes Gebiss

"Das war augenfällig und schockierend", hält ihm Böhm vor. "Sie hatte ein unfassbar kaputtes Gebiss, zwölf Zähne waren völlig verfault", zitiert der Richter aus dem Gutachten. "Haben Sie dafür gesorgt, dass sich die Kinder die Zähne putzen?", fragt er. "Ja." – "Der Gutachter sagt aber, bei dem Zustand hat es nicht einmal minimale Instruktionen zur Mundhygiene gegeben." – "Ich habe meine Frau aufgefordert, mit dem Kind zum Zahnarzt zu gehen", lautet die Entschuldigung.

Trotz seines Geständnisses ist K. offensichtlich überzeugt, ein guter Vater gewesen zu sein. "Ich war immer für die Kinder da", sagt er. "Körperlich vielleicht", antwortet Böhm. "Ich habe mit ihnen gespielt und gemalt", beteuert der Angeklagte.

"Aus meiner Sicht habe ich mich um die Kinder gekümmert", führt K. weiter aus. "Bitte, die Lehrer haben erzählt, dass die Kinder völlig verdreckt, mit schmutzigem Gewand und stinkend in die Schule gekommen sind", wirft ihm Böhm weiter vor. "Die wurden manchmal in der Schule sogar sofort unter die Dusche gestellt!"

Einmal nach Gulasch gerochen

Er habe immer die Wäsche gewaschen, eine Jause vorbereitet, einmal hätten die Töchter angeblich nach Gulasch gerochen, ist alles, was K. dazu einfällt. Warum die älteste Tochter behauptet, mit sieben oder acht Jahren für ihre jüngeren Geschwister sorgen zu müssen, da "Papa und Mama in der Früh immer im Bett liegen", weiß er nicht wirklich.

Warum er eigentlich nicht die Obsorge habe, interessiert Böhm noch. "Wir wollten heiraten, aber konnten es uns nicht leisten. Die Kinder gehen vor", lautet die etwas überraschende Antwort des Unbescholtenen.

Das rechtskräftige Urteil lautet schließlich auf sechs Monate bedingte Haft. Zusätzlich muss er die von Privatbeteiligtenvertreterin Monika Ohmann geforderten 28.000 Euro als Schmerzensgeld an seine Kinder zahlen.

Töchter bei Pflegeeltern

Böhm gesteht ihm zu, dass er aufgrund seiner Erkrankung vielleicht antriebslos gewesen sei. Dennoch: Dann müsse er sich um Hilfe kümmern – "ich kann ja nicht zu Hause liegen und sehen, wie die Kinder den Bach hinuntergehen". Das werden sie mittlerweile hoffentlich nicht mehr: Sie sind bei Pflegeeltern im Burgenland. (Michael Möseneder, derStandard.at, 13.3.2015)

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