Ökonom: "Exzessiver Reichtum schafft exzessive Armut"

Interview17. März 2015, 05:30
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Ökonom Alberto Acosta über die Achillesferse des ungleichsten Kontinents der Welt: Lateinamerika und die Fortschritte linker Regierungen. Er selbst war unter Präsident Rafael Correa in Ecuador Energieminister

STANDARD: Die linken Regierungen Lateinamerikas sonnen sich im Licht ihrer Erfolge bei der Reduzierung der Ungleichheit. Wie nachhaltig war denn ihre Umverteilungspolitik?

Acosta: Lateinamerika hat Fortschritte gemacht. In den vergangenen Jahren hat die Armut im Zuge des Wirtschaftswachstums überall abgenommen. In Ecuador hat sich die Zahl der Armen seit 2007 um eine Million reduziert. In Brasilien sogar um 50 Millionen. Diese Tendenz sieht man nicht nur in progressiv regierten Ländern, sondern auch unter den neoliberalen Regierungen.

STANDARD: Es ist also keine ideologische Frage?

Acosta: Nein, das hat mit dem Rohstoffboom zu tun, von dem linke und rechte Regierungen gleichermaßen profitiert haben. Es gibt sogar Studien, wonach die neoliberalen Regierungen in der Sozialpolitik etwas effizienter waren. Aber es ist bedenklich, dass der Rückgang der Armut nicht mit einer Umverteilung des Reichtums einherging. Es wurden lediglich die Einkommen umverteilt, nicht die Aktiva. Das ist der Knackpunkt.

STANDARD: Wie kann man das belegen?

Acosta: In Ecuador, Bolivien und Brasilien zum Beispiel haben die Banken in den vergangenen Jahren Rekordgewinne eingefahren wie nie zuvor in der Geschichte. Die Telekomfirmen in Ecuador haben ihren Gewinn 2013 um mehr als 38 Prozent gesteigert. Die monopolistischen und oligopolistischen Strukturen haben sich verstärkt. In Ecuador kontrolliert ein einziges Unternehmen 82 Prozent des Marktes für alkoholfreie Getränke. Ein anderes Unternehmen kontrolliert 62 Prozent des Fleischmarkts.

STANDARD: Die Unternehmer sind also die eigentlichen Gewinner?

Acosta: Für die meisten Regierungen war es einfacher, von der Ausbeutung der Natur zu leben, als die mächtigen Wirtschaftsgruppen anzugreifen. Also förderten sie Bergbau, Erdöl, Agrosprit, Gentechnik. Dafür braucht man aber Kapital, und das kommt meist von multinationalen Firmen, die ebenfalls kräftig profitiert haben. Die Unternehmer haben es geschafft, die Regierungen einzulullen. Sie haben gleichzeitig die neureichen Aufsteiger aus dem Umfeld der progressiven Präsidenten absorbiert. Das ging einher mit ausufernder Korruption und Vetternwirtschaft, da braucht man nur den Petrobras-Skandal in Brasilien ansehen. Und der ist nur die Spitze des Eisbergs.

STANDARD: Lassen die Unternehmer soziale Verantwortung vermissen?

Acosta: Viele haben soziale Projekte, aber es wäre besser, sie würden ihren Verpflichtungen wie Steuerzahlen nachkommen und soziale Aufgaben anderen überlassen, die etwas davon verstehen. Es fehlt den Unternehmern an Weitsicht. Wenn sie ihre Arbeiter ordentlich entlohnen würden, zögen sie sich die Konsumenten von morgen heran. Das wusste schon Henry Ford. Und auch gegenüber der Natur müssten sie achtsamer sein.

STANDARD: Was müsste der Staat tun, um wirklich mehr Gerechtigkeit zu schaffen?

Acosta: Die Regierungen müssten strukturelle Veränderungen wie eine Land-, Steuer- und Wasserreform angehen, viel mehr in Gesundheit und Bildung investieren. Und sie müssten endlich ihr extraktivistisches, auf der Ausbeutung von Rohstoffen basierendes Entwicklungsmodell aufgeben. Denn das ist der Hauptgrund für Unterentwicklung und soziale Ungleichheit.

STANDARD: Dann haben die Regierungen also vieles versäumt, oder sind sie in Zeiten der Globalisierung einfach überfordert und machtlos?

Acosta: Als die progressiven Regierungen vor rund zehn Jahren in Südamerika an die Macht kamen, gab es ein günstiges wirtschaftliches Umfeld für solche Reformen und auch ein Bewusstsein, dass tiefgreifende Veränderungen nötig waren. Aber nichts ist passiert, daher kann man diese Regierungen nicht als links und schon gar nicht als revolutionär bezeichnen.

Sie haben es sich bequem gemacht und das Geld aus der Natur geholt statt aus der Tasche der Reichen. Und jetzt bekommen sie die Rechnung serviert. Ihre sozialen Errungenschaften sind durch Inflation und den Einbruch der Rohstoffpreise bedroht. Das trifft vor allem Venezuela, wo es im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern einen Prozess der Umverteilung der Aktiva gab, der sich aber nun als nicht nachhaltig erweist.

STANDARD: Dann sind die Fortschritte Lateinamerikas pure Selbsttäuschung?

Acosta: So drastisch würde ich das nicht ausdrücken. Der Rückgang der Armut war sehr positiv, und in dieser neuen Mittelschicht steckt vielleicht der Keim für radikalere Reformen, wie die Proteste in Brasilien im Vorfeld der Fußball-WM gezeigt haben. Sicher ist das aber nicht, denn viele Maßnahmen wie Sozialwohnungen oder Beihilfen waren rein klientelistischer Art, wurden also im Gegenzug für politische Gefolgschaft vergeben. Das trägt nicht unbedingt dazu bei, das politische Bewusstsein zu schärfen. (Interview: Sandra Weiss aus Puebla, DER STANDARD, 14.3.2015)

Zur Person:

Alberto Acosta (66) studierte BWL und VWL in Deutschland, von Jänner bis Juni 2007 war er Minister für Energie und Bergbau, 2007/08 Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors.

  • Ökonom im Energieministerium Ecuadors: Alberto  Acosta.
    foto: picturedesk/wirtschaftsblatt/elke mayr

    Ökonom im Energieministerium Ecuadors: Alberto Acosta.

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