Übersicht: Chinas Alternativen zu iPhone, Chromecast und Co.

7. April 2015, 18:02
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Auch kleinere Hersteller wie Zopo, Ainol und Co. haben Kunden spannende Produkte in diversen Bereichen zu bieten

Als Ursprungsort von Klonen diverser Markenprodukte von der Fake-Rolex-Uhr bis hin zu unechten Edel-Textilien hat sich China in den vergangenen Jahren einen etwas fragwürdigen Namen erarbeitet. Auch im Elektronikbereich sind zahlreiche Produkte im Umlauf, die offensichtlich stark an bekannten Geräten angelehnt oder dreist geklont sind.

Doch es wäre zu kurz gefasst, die Elektronikhersteller des Landes auf Kopierfabriken wie etwa Goophone zu reduzieren. Zunehmend konkurriert man auch mit eigenständigen Produkten, die teilweise mit "westlichen" Alternativen mithalten, oder sie übertrumpfen können. Das aktuell wohl bekannteste Beispiel dürfte das 2014 vorgestellte Smartphone OnePlus One sein. Es muss also nicht immer ein iPhone, Samsung Galaxy oder Microsoft Lumia sein.

Die Spanne an mobiler Elektronik reicht aber weit über Smartphones und Tablets hinaus. Der Webstandard hat eruiert, für welche Geräte aus dem "Land des Lächelns" spannende Alternativen kommen.

Smartphones

Groß und bunt ist das Angebot bei Smartphones. Zwar sind die meisten Geräte für den heimischen Markt gedacht, doch viele Hersteller haben den Exportmarkt bereits für sich entdeckt und bieten sie auch mit angepasster Firmware an, die ohne zusätzlicher chinesicher Software auskommt und Zugang zu Google Play ermöglicht. Immer öfter sieht man auch eigene Hardware-Varianten für Kundschaft aus dem Ausland.

Dabei geht es nicht nur um bekannte und teils im Westen schon etablierte Marken wie Lenovo, Huawei, ZTE oder Oppo. Viele kleinere Firmen finden mittlerweile auch Abnehmer bei westlicher Kundschaft, die die Geräte entweder direkt importieren oder bei spezialisierten Händlern wie beispielsweise Trading Shenzhen oder Androidfiguren beziehen.

foto: xiaomi
Mit dem Mi Note hat Xiaomi das Jahr 2015 mit einem neune Highend-Flaggschiff eröffnet.

Wenngleich als drittgrößter Smartphone-Hersteller der Welt wahrlich kein kleiner Konzern mehr, bietet Xiaomi seine Handys und andere Geräte noch nicht offiziell in Europa und den USA an. Erste Schritte setzt man aber noch in diesem Jahr und wird online Accessoirs wie Kopfhörer feilbieten. Über bereits genannte Umwege lassen sich absolut taugliche Smartphones wie das Xiaomi Mi 4 und Xiaomi Note aber für verhältnismäßig wenig Geld beziehen. Eine aktive Community sorgt sogar für deutsche Übersetzung der Firmware, Google Play-Zugang wird in der Regel vom Händler vorinstalliert.

Ignorieren sollte man aber auch Firmen wie THL, Zopo oder Jiayu nicht. Erstere bietet mit dem Modell THL 5000 beispielsweise ein Smartphone mit Mittelklasse-Ausstattung, das mit seinem namensgebenden 5.000-mAh-Akku für lange Laufzeit sorgen soll. Bisherige Rezensionen bescheinigen dem Gerät, dieses Versprechen zu erfüllen. Der verwendete MTK6592-Octacore-Chip von Mediatek kann zwar mit aktuellen Snapdragon-Plattformen nicht mithalten, ist dank Cortex-A7-Kernen aber recht sparsam und kann sogar Stromspenden an andere Geräte leisten. In anderen Belangen wie Performance oder Kameraqualität erweist sich das Gerät als solider Alltagsbegleiter.

foto: zopo
Das ZP999 ist eines der ersten Geräte mit dem MT6595-Chip und bietet gute Hardware für vergleichsweise wenig Geld.

Zopo hat sich mit dem ZP999 vorgewagt und ein Gerät mit Mediateks aktueller MTK6595-Plattform veröffentlicht. Für 250 bis 300 Euro (inklusive Zoll) erhält man ein Handy mit einem Prozessor der unteren Highend-Schiene, üppigen drei GB RAM, LTE-Support und 32 GB Speicher, der sich per microSD erweitern lässt. Auch eine ordentliche Kamera ist an Bord, ebenso wie ein gutes 5,5-Zoll-Display mit Full-HD-Auflösung.

Dazu hat Mediatek das Problem mit träger GPS-Abfrage mit seinen aktuellen Chips offenbar in den Griff bekommen. Das ZP999 hat in Form des ZP 3X auch einen kleinen Bruder, der bis auf den geringeren Onboardspeicher von 16 GB ident ist.

Wer ein LTE-taugliches Einsteigergerät sucht, könnte beim Jiayu F2 fündig werden. Etwas über 100 Euro liegt der Preis ohne Zoll. Der etwas ältere MT6582-Chip liefert dazu eine mit 1,3 Ghz getaktete Quadcore-CPU. Für den Preis sehen lassen kann sich auch das Fünf-Zoll-Display mit 720p-Auflösung (1.280 x 720 Pixel). Mit einer acht Megapixel-Kamera von Sony und einer Frontkamera mit fünf Megapixel sind auch hier die Spezifikationen vielversprechend. Rechnet man Zollgebühren mit ein, liegt das Jiayu F2 preislich am Niveau des neuen Moto E, bei deutlich überlegener Ausstattung.

Was weiters für alle angesprochenen Geräte gilt: Sie haben zwei SIM-Slots. Ein Merkmal, das auf europäischen Märkten momentan fast ausschließlich sehr günstigen Einsteigergeräten vorenthalten ist. Das scheint sich, hier seien erneut Motorolas aktuelle Handys erwähnt, aber langsam zu ändern.

Das Jiayu F2 liefert ein attraktives Paket für das Einsteigersegment ab.

Zwei Komplikationen ergeben sich allerdings beim Kauf der "Chinaphones". Software-Updates sind, insbesondere bei Mediatek-basierten Geräten – nicht garantiert. Geht es um die Versorgung mit aktuellen und angepassten Treibern, favorisiert der Chipproduzent größere Firmen mit entsprechendem Kaufvolumen. Als Open Source stellt man nur so viel bereit wie man muss, was bedeutet, dass die oft erstaunlich aktive Entwicklercommunity für viele Geräte bestenfalls angepasste Originalfirmware liefern, aber nicht in Eigenregie ROMs auf Basis neuer Androidversionen basteln kann.

Ein Ärgernis, das langsam erkannt wird, sodass die Update-Frequenz insgesamt zunimmt. Verlässliche Aussagen zu einzelnen Modellen oder Herstellern sind aber immer noch schwer zu treffen. Dazu erschwert bei einem Eigenimport die Distanz zum Händler den Support bei einem hardwareseitigen Problemfall, muss der Kunde sein Gerät doch nicht selten auf eigene Kosten retournieren.

Immerhin: Vereinzelt kann man sich mittlerweile für diese Fälle gegen einen kleinen Aufpreis beim Kauf absichern. Die Bedingungen unterscheiden sich allerdings von Händler zu Händler. Zuverlässig ist bei den meisten aber der Aftersale-Support per E-Mail, wenn es darum geht, Schwierigkeiten im Bereich der Software anzupacken.

Smartwatches und Fitnesstracker

Sehr unübersichtlich ist das Angebot im Bereich der Wearables. Bei Smartwatches buhlen zahlreiche teils komplett unbekannte Hersteller und Marken um die Gunst der Kunden. Zuschlagen sollte man allerdings noch nicht. Denn alle Geräte nutzen entweder ein modifiziertes Standard-Android-System, das für Smartwatches nur mäßig geeignet ist, oder überhaupt proprietäre Software, der es an Erweiterungsmöglichkeiten fehlt. Mankos, die trotz verlockener Einstiegspreise von um die 40 Euro auf Dauer einfach zu schwer wiegen, zumal selbst das spezialisierte und viel umfangreichere Android Wear eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.

foto: snopow/alibaba.com
Eine von vielen China-Smartwatches, ein nicht näher ausgeführtes Modell von Snopow. Gedacht ist sie für den Outdoorbetrieb - als Uhr und Handy in einem Gerät.

Es gibt aber Licht am Horizont. Einerseits bieten etablierte Marken wie Huawei eigene Produkte an, dazu hat auch Oppo mittlerweile eine Android Wear-Watch angekündigt, die mittels VOOC sehr schnell geladen sein soll. Weiters unterstützt auch Mediatek mit neuen Plattformen bald offiziell Android Wear, was dann auch kleineren Herstellern die Chance bietet, eigene Kreationen auf den Markt zu bringen, die softwareseitig weniger eingeschränkt sind.

Auch bei reinen Fitnesstrackern tut sich viel, sodass das Angebot kaum überschaubar ist. Was Hardware und Funktionen angeht, lösen viele Geräte ihre Aufgabe an sich gut. Wer für 30 Euro einen spritzwasserfesten Schrittzähler mit Kalorien- und Distanz-Berechnung sucht, wird bei Produkten wie dem Vidonn X5 fündig.

Das Vidonn X5 ist ein solider, einfach gehaltener Schrittzähler, der Kalorien und Gehdistanz kumuliert. Vor allem an der zugehörigen App muss der Hersteller aber noch feilen.

Aufzuholen haben die Hersteller haben jedoch beim Softwaresupport. Die dazugehörigen Apps sind oft nicht im Play Store zu haben, sondern müssen per Sideloading installiert werden. Ihr Umfang ist, am Beispiel Vidonn, funktionsmäßig recht gering gehalten, reicht aber für einfaches Langzeittracking der erfassten Werte. Die technische Umsetzung könnte aber besser sein, denn das Programm stürzt gerne ab. Eine große Unbekannte ist auch der Datenschutz, erfordert die dauerhafte Beobachtung der eigenen Aktivitäten doch die Synchronisation der Daten per Cloud. Wie gut die jeweiligen Lösungen abgesichert sind, bleibt fraglich. Wer sich auf ein solches Gadget einlöst, sollte sie also nur mit dem Minimum an erforderlichen Daten speisen.

Streaming-Sticks

Mit Chromecast hat Google gezeigt, dass es in vielen Wohnzimmern Bedarf an einer einfachen Lösung gibt, um Inhalte von PC oder Mobilgerät flott und kabellos auf den Fernsehschirm zu verfrachten. Der HDMI-Stick für 35 Euro bietet genau das. Chinesische Alternativen gibt es ab rund 15 Euro, teilweise mit kostenlosem Versand über eBay.

Praktischerweise haben viele Hersteller dabei softwareseitig auf einen gemeinsamen Nenner gefunden. Dieser nennt sich EZCast und steht für Android, iOS, Windows Phone, Windows und OS X zur Verfügung. Unterschiedlich, etwa was die Performance und WLAN-Antennenlösung anbelangt, präsentieren sich diverse Sticks auf Seiten der Hardware. Wichtige Standards wie HDCP (quasi ein DRM-System für gestreamte Inhalte), DLNA, Miracast und AirPlay werden aber unterstützt.

foto: amerry
Der Amerry-Stick ist aus Deutschland beziehbar und kostet ähnlich viel wie Chromecast. Die EZCast-Software ist zwar komplizierter zu bedienen, reicht dafür aber auch über das Google-Ökosystem von Android und Chrome hinaus.

Rezensionen ist zu entnehmen, dass EZCast der Chromecast-Plattform in vielen Teilen ebenbürtig, aber etwas komplizierter zu bedienen ist. Google kann als Android- und Chrome-Entwickler hier natürlich Vorteile ausspielen. Dazu ist die Standardkonfiguration einiger Sticks unsicher, was sich aber in der Regel durch eigenständige Festlegung neuer Login-Credentials beheben lässt.

Wer eine Streaming-Lösung benötigt, die sich nicht ausschließlich an Googles Ökosystem bindet, kann hier mit etwas Recherche passable Lösungen finden, ohne dafür viel Geld riskieren zu müssen. EZCast-taugliche Produkte müssen auch nicht zwingend von chinesischen Herstellern bezogen werden. Lösungen bietet etwa auch das deutsche Unternehmen Amerry mit dem Smart TV Connector an, wenngleich es sich faktisch um China-Hardware mit eigenem Label handeln dürfte. Eine größtenteils positive Rezension des Android TV-Sticks findet sich beispielsweise auf Cashys Blog.

Sonstiges

Auch in anderen Bereichen kann man, etwas Recherche und Risikofreudigkeit vorausgesetzt, interessante Schnäppchen machen. Das betrifft etwa Accessoires. Vor allem Smartphone-Macher bringen zunehmend auch Kopfhörer und Headsets mit eigenem Branding heraus, die oft beachtliche Qualität aufweisen. Beachtenswert ist hier das immer breiter werdende Sortiment von Xiaomi, das wie erwähnt, in absehbarer Zeit auch in Europa über einen Online-Shop zu haben sein wird.

foto: teclast
Das Teclast X98 Air bedient sich designtechnisch bei Apple. Es läuft mit einem Intel Atom-Quadcore und bietet Windows 8.1 und Android 4.4.

In petto haben auch größere Marken aus China, zum Beispiel Ainol, Teclast und Onda, günstige Tablets mit Windows 8.1. Einige Modelle bieten neben dem Microsoft-System auch Dualboot-Konfigurationen mit Android. Dabei stellt sich natürlich erneut das Firmware-Problem, wobei Windows Seitens Microsoft mit Aktualisierungen versorgt wird.

Die zur Verfügung stehenden Kombinationen sind hinsichtlich Performance und Features wie 3G-Konnektivität sehr vielfältig. Leistungswunder sind nicht darunter, aber durchaus potente Begleiter für Multimedia-Konsum und Office-Arbeiten. Viele Geräte liegen in etwa auf dem Niveau des Acer Aspire 10.

Aber auch hier gilt: Bevor man sich vom günstigen Preis – die ohne Zollgebühren bereits bei um die 90 Euro beginnen - verführen lässt, sollte man nach vertrauenswürdigen Rezensionen der in Frage kommenden Geräte Ausschau halten. (Georg Pichler, derStandard.at, 07.04.2015)

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