Südosteuropas Staaten sind zu arm, um soziale Not zu lindern

15. März 2015, 10:00
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Geld und die wenigen Jobs werden meist an willfährige Parteileute oder mächtige Familien verteilt

Franjo Tudman ballt die Faust, so als würde er über seinen Tod hinaus für die Anliegen der heimatliebenden Kroaten weiterkämpfen, die heilige Maria lächelt milde, und Jesus blickt zur Seite. Die Veteranen haben sich ihre "Ikonen" im weißen Plastikzelt vor dem Verteidigungsministerium in Zagreb aufgehängt. Sie sollen bezeugen, dass es um eine gerechte Sache geht. Die ehemaligen Soldaten wollen, dass ihre Rechte in der Verfassung verankert werden.

Die Durchschnittspension liegt in Kroatien bei etwa 350 Euro. Die 467 im Krieg schwer Versehrten bekommen zwischen 500 und 1500 Euro, 58.000 weitere Kriegsinvalide etwa 700 Euro, erzählt Ðuro Glogoski, Chef der Organisation "100 Prozent für Kroatien". Die Veteranen wollen vor allem Anerkennung. Hinter dem Ministerium, bei der Eisenbahnunterführung stoßen ihre Probleme auf wenig Verständnis. "Die sind mir egal", sagt der Mann mit den zerzausten Haaren, der alte Handys verkauft. "Meine Frau, meine zwei Töchter, meine Enkelin und ich haben im Monat 300 Euro zur Verfügung. Das ist meine Tragödie", sagt er. "Ein Veteran bekommt 700 Euro. Ich weiß nicht, was gerecht ist, ich weiß nur, dass ich heute nichts zu essen habe."

"Die denken nur an sich."

Saba Dervisovksi weiß dafür, was ungerecht ist. Sie hat 25 Jahre in einem Kino Karten abgerissen, mit 58 ist sie für eine Pension noch zu jung. "Die Veteranen wissen nicht, in welcher Situation wir leben. Die denken nur an sich." Dervisovski lebt in einem Keller auf einer Couch. Jeden Tag kommt sie hierher und legt auf die Wiese neben der Eisenbahnunterführung Unterwäsche in Plastiksäcken. Manchmal verkauft sie etwas. "Niemand denkt an die Ärmsten", sagt sie. Sie lebt von 100 Euro Sozialhilfe im Monat. Ein Liter Milch kostet in Kroatien zurzeit 80 Cent, ein Cola 1,30 Euro, ein Kilo Gouda 4,90 Euro.

Es gibt wohl keine andere Region in Europa, in der Geld, Jobs und Chancen so intransparent und ungerecht verteilt werden wie in Südosteuropa. Entscheidend sind Beziehungen (in der Region sprechen alle von "veze") und ob man einer Partei oder einer Ethnie angehört. Leistung zählt nicht, dafür Schmiergeld. In Bosnien-Herzegowina kann man viele Jobs in der Verwaltung einfach "kaufen".

"Der Preis für einen Posten als Krankenschwester liegt etwa bei 5000 Euro", erzählt der Journalist Zeljko Raljic in Banja Luka. "Ein Managementjob in einer Behörde kostet 10.000 Euro." Ein Teil des Schmiergelds landet bei den Parteien. Eine andere Möglichkeit ist, dass man einer Partei Loyalität erweist und deswegen einen Job bekommt. Wer Parteimitglied ist, bekommt bei Job-Interviews eine höhere Punkteanzahl. Wer im Wahlkampf 20 Wählerstimmen "garantiert", kann danach mit einem Posten rechnen.

Mehrheit lebt ohne Selbstachtung

"Das ist ein offenes Geheimnis hier", sagt der Journalist Mihajlo Popovic. "Das Problem ist, dass alle diese Regeln akzeptiert haben. Die Mehrheit der Leute wurde so dazu gebracht, ohne Selbstachtung zu leben. Weil der Einzelne das Gefühl habe, dass er ohnehin nichts ändern könne, lasse man lieber gleich die "Beziehungen spielen".

"Wenn es um die Abhängigkeit von Parteien geht, dann war das im Kommunismus besser", sagt der Südosteuropa-Experte Florian Bieber. "Heute geht nichts ohne Netzwerk." Dies hat sich tief eingeprägt. Die Sozialanthropologin Carna Brkovic beschreibt eine bosnische Elterngruppe, die versuchte, etwas für ihre behinderten Kinder zu erreichen: "Obwohl jeder seine Beziehungen für irgendetwas bemühte, endete es damit, dass die Ungleichheiten gestärkt wurden und eine systematische Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen beschränkt blieb." Sozialer Schutz sei zufällig, erratisch und unberechenbar.

Die Historikerin Nadja S. hat keine "Beziehungen". Ihre Eltern sind verstorben. Sie jobbt in Sarajevo als Fremdenführerin. Nadja kann sich nicht dagegen wehren, dass ihr Fahrlehrer sagt, dass sie noch einmal 35 Stunden Unterricht braucht, obwohl sie weiß, dass es dem Lehrer nur um das Geld geht, jenes Geld, das sie gar nicht hat. Sie ist ausgeliefert. Die 28-jährige Frau ist schon seit Jahren nicht mehr sozialversichert. Das letzte Mal, als sie Antibiotika brauchte, hat ein Freund sie bezahlt. Die junge Frau hat sich unzählige Male um Jobs beworben. Es hieß immer: Nein, du hast keine Erfahrung. "Wenn du aber aus einer einflussreichen Familie mit einem mächtigen Nachnamen oder bei einer Partei bist, dann reicht das an ,Erfahrung'. Für diese Leute sind alle Türen offen." So eine wie sie könne aber keinen guten Job bekommen. "Für uns sind die Türen fast immer verschlossen." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Die arbeitslose Frau Dervisovksi lebt von 100 Euro Sozialhilfe.
    foto: wölfl

    Die arbeitslose Frau Dervisovksi lebt von 100 Euro Sozialhilfe.

  • Die Kriegsveteranen protestieren in Zagreb für mehr "Rechte".
    foto: wölfl

    Die Kriegsveteranen protestieren in Zagreb für mehr "Rechte".

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