Warten oder zahlen: Von der Kassen- zur Zweiklassenmedizin

15. März 2015, 08:41
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Soziale Faktoren bestimmen den Zugang zur Versorgung

Der Meniskus ist gerissen, eine Operation notwendig. Laut Auskunft eines Wiener Gemeindespitals dauert es sechs bis acht Wochen, bis das Knie operiert werden kann. Nach einem Besuch beim Orthopäden - privat - wird das Knie drei Tage später wieder zusammengeflickt. Nicht in demselben Spital, aber auch in Wien. Ist das ein Zeichen für eine Zweiklassenmedizin? Steht damit der Patient vor der Wahl: warten oder zahlen?

In Österreich gibt es eine gesetzliche Krankenversicherung. Jeder ist versichert, jedem steht die gleiche medizinische Versorgung zu. Trotzdem gibt es auch private Krankenversicherungen, auch Zusatzversicherungen genannt. Auf die medizinische Versorgung haben sie eigentlich keinen Einfluss. Wozu dann Prämien zahlen? Welchen Vorteil bieten private Krankenversicherungen, wenn es doch ein funktionierendes öffentliches Gesundheitssystem gibt? Können sich dadurch Menschen mit Geld eine bessere Versorgung erkaufen?

Beschränkte Vorteile

Der Unterschied liegt im Zugang, in den Möglichkeiten sich im Dschungel des Gesundheitssystems zurechtzufinden. Das hängt nicht unbedingt mit einer privaten Krankenversicherung zusammen, sondern ist auch ein sozialer Faktor. Für Christian Köck, einen Gesundheitsökonomen, ist das Ausmaß der Zweiklassenmedizin in Österreich dennoch "überraschend klein" . In fast allen Lebensbereichen könne man mit Geld für sich Vorteile erreichen, das sei im Gesundheitsbereich nur beschränkt möglich.

Trotzdem haben laut Österreichischem Versicherungsverband 2,5 Millionen Österreicher eine private Krankenversicherung abgeschlossen. Die Prämienzahlung wirkt erst bei einem Spitalsaufenthalt, da hat ein Sonderklassepatient Anspruch auf ein Einzelzimmer, für Köck "eine Hotelkomponente". Eine bessere medizinische Versorgung darf er nicht erwarten, das verbietet das Gesetz. Ein Unterschied ist aber die freie Arztwahl. Das trifft vor allem für Belegkrankenhäuser zu. Denn dort agieren die Ärzte als Privatunternehmer.

Kassenpatient, bitte warten

Warum soziale Faktoren die Gesundheit beeinflussen, erforscht Rudolf Schoberberger, stellvertretender Leiter des Instituts für Sozialmedizin an der Med-Uni Wien. "Es geht in Richtung Zweiklassenmedizin", sagt er im STANDARD-Gespräch und meint damit vor allem die Wartezeiten, die durch den Besuch bei einem Wahlarzt übersprungen werden können. Auch er räumt aber ein, dass bei einem Notfall alle Patienten gleichermaßen versorgt werden, hier habe eine private Krankenversicherung keinen Einfluss. Schoberberger befürchtet dennoch, dass die Schere weiter aufgehen könne. Studien haben ergeben, dass weniger gebildete Menschen, die auch über weniger Geld verfügen, ein höheres Risiko haben, ernsthaft krank zu werden und früher zu sterben. Dieser Trend könnte sich verstärken.

Engpässe würden aber nicht nur bei planbaren Operationen entstehen, sondern auch bei notwendigen Therapien - auch hier sind die Wartezeiten ausschlaggebend. Als Beispiel nennt er Psychotherapie oder Raucherentwöhnung. Beides ist auf Kasse möglich, doch es gibt nur eine beschränkte Anzahl an Plätzen. Wer akut eine Therapie benötigt, kann mit einem Griff in die Brieftasche nachhelfen und sich privat eine Therapie bezahlen oder zumindest vorauszahlen.

Kritik an Privatspitälern

Gesundheitsökonom Köck führt das auf die kapitalistische Gesellschaft zurück, die eine gewisse "Flexibilität" ermöglicht. Denn Privatspitäler seien auch ein Geschäft. Doch er ist kein Fan davon. Seiner Ansicht nach funktionieren sie nur, wenn alles nach Plan verläuft. Wenn nicht, reiche die Infrastruktur nicht aus. Jedes öffentliche Krankenhaus habe eine bessere Ausstattung. Im Notfall müssten die öffentlichen Krankenhäuser einspringen. Doch darin sieht er eine Chance. Wenn auch sie die "Hotelkomponente" besser berücksichtigen, dann werden sich auch mehr Privatpatienten dort behandeln lassen. Das würde auch Geld bringen, das dringend benötigt werde, denn die Versicherungen zahlen für jeden ihrer Patienten 25 Prozent an die öffentlichen Spitäler - der Hausanteil. Trotzdem bleibt der Beigeschmack: Mit Geld kann sich der Patient zumindest mehr Zuwendung erkaufen. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 14.3.2015)

  • Laut Auskunft eines Wiener Gemeindespitals dauert es sechs bis acht Wochen, bis das Knie operiert werden kann.
    foto: ap/punz

    Laut Auskunft eines Wiener Gemeindespitals dauert es sechs bis acht Wochen, bis das Knie operiert werden kann.

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