Arm oder Reich: Wohlstand bringt der Storch

16. März 2015, 08:11
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Ob ein Mensch einmal viel oder wenig verdienen wird, steht meist schon bei der Geburt fest. Migration könnte für eine gerechtere Welt sorgen

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Mit harter Arbeit alleine wird man nicht reich. Am Ende entscheidet der Storch über Wohlstand.

Harte Arbeit, Schweiß und Tränen: So in etwa lautet das Credo für wirtschaftlichen Erfolg im 21. Jahrhundert. Wer will, der kann. Wer macht, der kriegt. Der Gegner von US-Präsident Barack Obama bei den vergangenen Wahlen, Mitt Romney, hat die USA einmal in "Makers" und "Takers" aufgeteilt. In letztere Gruppe fielen für ihn Geringverdiener, die keine Steuern zahlten. Das hat Romney viel Kritik beschert. In den USA schaffen es im Schnitt nämlich viel weniger Menschen, die soziale Leiter nach oben zu klettern, als zum Beispiel in Europa. Das zeigt eine Vielzahl von Studien.

Der renommierte Verteilungsökonom Branko Milanovic hat die Romney-These auf den ganzen Globus übertragen und sie dann einer kritischen Prüfung unterzogen (Link zur Studie). Sein Ergebnis: Auf der Welt gibt es viele unterschiedlich große Leitern. Wer in Indien nach oben klettert, würde in den USA noch immer ziemlich weit unten sein. Nur etwa vier Prozent der Inder sind nämlich reicher als die ärmsten US-Amerikaner.

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Der Geburtsort kann für das Einkommen eines Menschen einen großen Vorsprung, aber eben auch einen großen Rückstand bedeuten.

Was das Einkommen von Menschen global gesehen am stärksten beeinflusst, wollte der Serbe dann wissen. Ist es Bildung? Talent? Fleiß? Sind es Beziehungen? Alles falsch, sagt er. Nichts hat so viel Einfluss auf das durchschnittliche Einkommen eines Menschen wie sein Geburtsort. Je nach Lesart macht dieser die Hälfte bis mehr als zwei Drittel des durchschnittlichen Einkommens aus. Wer also zu den Besserverdienern der Welt gehören wird, ist meist schon vor der Geburt entschieden. Eine gute Schulbildung und harte Arbeit helfen zwar später, den Rückstand holt man aber mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr auf.

Die Geburtenlotterie spielt heute eine viel größere Rolle als früher. Das liegt daran, dass viele Länder deutlich reicher geworden sind, viele aber noch immer sehr arm sind. Vor 150 Jahren waren die reichsten Länder, Großbritannien und die Niederlande, etwa viermal so reich wie die ärmsten. Heute sind sie mehr als hundert Mal reicher. Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Franz Mathis hat am Beispiel Österreich analysiert, wieso das so ist. "Reiches Österreich. Fleiß oder Glück - warum geht es uns so gut?", fragt er auf dem Cover eines seiner Bücher. Zu welcher Antwort ist Mathis also gekommen?

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Wachsende Städte haben die Industrialisierung angestoßen, sagt der Wirtschaftshistoriker Franz Mathis.

"Die Menschen heute können überhaupt nichts dafür", sagt er zum STANDARD. "Das ist Zufall und Glück." Für ihn lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs am besten durch die Entstehung von großen Städten erklären. Der geballte Konsum in diesen brachte Unternehmer dazu, vom Handwerk auf Maschinen umzustellen, um der Nachfrage nach Produkten nachzukommen. So erklärt er sich den Anfang der Industrialisierung, die Österreich dann reich gemacht habe.

In großen Städten konzentriere sich auch der Handel, aus dem unternehmerisches Denken entstehe. Der Wohlstand Österreichs hat sich laut Mathis vor allem über die vergangenen 200 Jahre entwickelt. Von großer Hand geplant sei dabei nichts gewesen. "Das war Zufall."

Die Österreicher sehen sich gerne als fleißiges Volk. Geht es nach Mathis, hat Fleiß aber gar nichts mit der wirtschaftlichen Lage eines Landes zu tun. "Italien ist das beste Beispiel. Warum sollte es im reichen Norden mehr fleißige Italiener geben als im armen Süden?", fragt Mathis.

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Ein Arbeiter in Myanmar: Fleiß erklärt für die meisten Ökonomen den Wohlstand eines Landes nicht.

Auch der Ökonom Alejandro Cunat hält von diesem Argument wenig. Große Städte und Ballungsräume gibt es heute auch in vielen ärmeren Ländern. Automatisch reich werden sie dadurch nicht. Für Cunat, der an der Uni Wien zu Ökonomie und Internationaler Entwicklung forscht, sind die Spielregeln entscheidend.

"Entwicklung findet dann statt", sagt Cunat, "wenn es sich für Menschen auszahlt, in die Schule zu gehen, hart zu arbeiten und ihr Geld zu investieren." Die Institutionen, so nennen Ökonomen die Spielregeln eines Landes gerne, müssten funktionieren. Was reiche Länder auszeichne, sei, dass niemand zu viel Macht habe, sagt Cunat. "

Natürlich gibt es Mächtige, aber vergleichen Sie das einmal mit Russland, Venezuela oder Ländern in Afrika", sagt der Ökonom. In Ländern, in denen die Macht aus der Balance geraten ist, verdienen Menschen Geld damit, zu betrügen und Gesetze nach den eigenen Wünschen zu beeinflussen. In Ländern mit gut funktionierenden Institutionen wird man durch Arbeit und eigenes Engagement reich, so die Theorie. Erwünschter Nebeneffekt: Das Land als Ganzes wird dadurch reicher.

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Ein indischer Bub bei der Arbeit.

An dieser Front tut sich auch etwas, sagt Ökonom Cunat. Vor allem lateinamerikanische Länder, etwa Brasilien oder Chile, würden Fortschritte machen. "Wir sollten uns aber keine schnellen Wunder erwarten", sagt er. Institutionen ließen sich nämlich nicht einfach in andere Länder exportieren. Der Irak sei ein gutes Beispiel dafür.

Wenn die Geschichte, die oft eine Aneinanderreihung von Zufällen ist, und der Geburtsort, den der Einzelne auch nicht beeinflussen kann, über einen großen Teil des Einkommens von Menschen und ganzen Ländern entscheiden, lässt sich die Welt also gar nicht gerechter machen? Doch, sagt Cunat. "Migration! Ein Inder kann in Österreich viel mehr verdienen." Davon würden am Ende alle profitieren, auch ärmere Länder selbst. Weniger billige Arbeiter dort hieße nämlich höhere Löhne für den Rest, sagt Cunat. (Andreas Sator, DER STANDARD, 14.3.2015)

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