Das Mysterium des verschwundenen Honorars

13. März 2015, 15:36
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Eine 48-Jährige soll ein Vortragshonorar nicht wie vereinbart an einen Verein weitergeleitet haben. Sie leugnet – trotz belastender Mails

Wien - Entweder hat Frau S. ein irrsinniges Pech mit den heimischen Banken. Oder sie hat 500 Euro, die sie an einen sozialen Verein hätte überweisen sollen, veruntreut. Richter Stefan Erdei gegenüber beteuert sie vehement Ersteres – der wird aber wohl schon glaubwürdigere Geschichten gehört haben.

Die Angelegenheit begann im November 2012. S. arbeitete für ein Wiener Theater, organisierte ein Symposion. Franz Waldhauser, einer der Vortragenden, sollte für einen Vortrag dort 500 Euro Honorar erhalten. Er wollte das Geld lieber dem "Verein politische Kindermedizin" spenden. Der das Geld nie bekommen hat.

Honorar bar im Kuvert

Die 48-jährige Angeklagte bekennt sich nicht schuldig. Und erzählt ihre Geschichte: "Ich habe den Herrn Professor die Honorarnote unterschreiben lassen und ihm ein Kuvert mit 500 Euro in bar gegeben. Das hat er mir gleich wieder zurückgegeben, damit ich es auf das Konto des Vereins einzahle." Interessanterweise gibt es nur eine unterschriebene Honorarnote, aber keinen Beleg für die Geldübergabe.

"Was ist der Sinn so einer Transaktion?", wundert sich Erdei, schließlich hätte Waldhauser das Geld gleich selbst überweisen können. "Das weiß ich bis heute nicht", gibt S. zur Antwort.

Sie habe den Auftrag am 19. November 2012 aber durchgeführt. Mit einer Bareinzahlung bei der Bank, behauptet sie, für die es einen Beleg in einem Ordner im Theater, ihrem mittlerweile Ex-Arbeitgeber, gebe. Erst im Februar 2014 habe sie durch ein Mail von Waldhauser erfahren, dass das Geld nicht angekommen sei.

Sie habe neuerlich um die Kontonummer gebeten und bei der Bank einen Nachforschungsauftrag beantragt. "Die haben nach 14 Tagen angerufen und gesagt, es sei alles in Ordnung."

Aus eigener Tasche bezahlt

Seltsamerweise zahlte sie die Summe dann dennoch aus der eigenen Tasche ein zweites Mal ein. "Wenn ich einen Einzahlungsbeleg habe und die Bank sagt, es ist alles in Ordnung, ist die normale Reaktion nicht, dass ich es selbst nochmals zahle", wundert sich der Richter. "Ich kriege einfach Angst, wenn jemand sagt, er hat sein Geld nicht bekommen", begründet die schon einmal wegen schweren Betrugs Vorbestrafte.

Danach habe sie jedenfalls nie mehr etwas von der Sache gehört, bis sie die Polizei zur Einvernahme vorlud. Die einzige Erklärung, die ihre Verteidigerin Stephanie Schmidt hat, ist die Tatsache, dass der Verein zwei Kontonummern hat.

Das Problem von Frau S. ist, dass der Zeuge Waldhauser seine Mails sehr lange aufhebt und dem Gericht vorlegen kann. Und die zeigen ein gänzlich anderes Bild. Am 22. November 2012 erhielt er ein Mail von Frau S., dass das Geld heute überwiesen werde und er einen Einzahlungsbeleg bekommen werde. Bekam er nicht.

Am 17. Dezember erfuhr Waldhauser, dass das Geld noch immer nicht auf dem Vereinskonto sei. Sie werde in der Buchhaltung nachschauen, kam als Antwort. Am 28. Dezember schrieb sie, sie habe die Summe am 21. Dezember ein weiteres Mal eingezahlt.

Geld von Bank retour

Am 1. Februar berichtet sie plötzlich, die Einzahlung sei von der Bank retour gekommen. Was Erdei und Staatsanwältin Sonja Herbst angesichts einer angeblichen Bareinzahlung doch erheblich wundert.

Am 4. Februar will sie neuerlich die Kontonummer, zwei Wochen später schreibt sie, sie werde das Geld gleich weiterleiten. Allein: Bis Oktober blieb es verschollen. Der Verein meldet sich bei ihr am 3. Oktober, am 16. Oktober bietet sie an, die 500 Euro ein weiteres Mal zu schicken. Am 3. November beteuert sie, sie habe es persönlich eingezahlt und werde den Beleg schicken. Tat sie nicht, erst im August 2014 zahlte das Theater selbst.

Richter Erdei weist S. leicht ironisch darauf hin, dass dieser Mailverkehr ihrer Version ein wenig widerspricht. "Bei einem Teil der Mails ist der Stil ein ganz anderer. Jeder konnte an meinen PC", verantwortet sie sich. "Das heißt, Sie haben die Mails gar nicht geschrieben?" – "Das sage ich auch nicht." Was sie also sagen will, bleibt unklar.

Staatsanwältin gibt Ratschlag

Staatsanwältin Herbst, die sich zuvor teils erhitzte Wortgefechte mit der Verteidigerin geliefert hat, probiert es nach der Zeugenaussage nochmals: "Ich rate Ihnen im Guten, dass Sie Ihre Verantwortung nochmals überdenken. Bei Ihrer Vorstrafe brauchen Sie jeden Milderungsgrund!" Das will S. derzeit nicht wirklich, sie beharrt darauf, dass der Einzahlungsbeleg noch in ihrem alten Büro sei, kann sogar die Farbe des Ordners und den Schrank nennen.

Erdei vertagt schließlich auf April. Er will den Ordner und weitere Zeugen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 13.3.2015)

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