Schweden hat aktuell mehr Tageszeitungen als 2005

13. März 2015, 11:19
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Umstellung auf bezahlte Digitalausgaben und geplante Streichung der Presseförderung als kritische Momente

Stockholm - Die Einstellung der 115 Jahre alten Tageszeitung "Dagbladet" in Sundsvall Ende Februar hat in Schweden Ängste genährt, dies könnte der Auftakt zum viel zitierten "Zeitungssterben" sein. Medienexperten gehen davon aus, dass die kritische Entscheidungsphase für die Zukunft des Printjournalismus in Schweden gekommen ist.

Die Leiterin des Göteborger Medienforschungsinstituts Nordicom, Ingela Wadbring, sagte im Gespräch mit der APA, die Einstellung von "Dagbladet" habe sie nicht überrascht . Sie habe sich in den vergangenen Jahren angesichts der Konkurrenz durch andere Nachrichtenkanäle im Internet und Soziale Medien eher darüber gewundert, dass bisher keine Tageszeitungen in Schweden verschwunden seien.

Aktuell 173 Zeitungen

Tatsächlich gibt es heute in Schweden auch nach der Einstellung von "Dagbladet" sogar mehr Tageszeitungen als noch vor zehn Jahren: 2005 waren es 171 Zeitungen, die mehrere Tage pro Woche in Printform erschienen. Aktuell sind es 173. Die Zahl der schwedischen Zeitungsleser stieg in Schweden zuletzt ebenfalls an: 67 Prozent der Schweden zwischen 9 und 79 Jahren lasen 2014 täglich die Papier- oder Digitalausgabe einer Tageszeitung. 2013 waren es 66 Prozent gewesen. Bei den Lesern von Qualitätszeitungen errechnete das Institut Nordicom allerdings einen Rückgang von 72 auf 56 Prozent seit 2007.

"Wir stehen vor einem Entscheidungsjahr für die Zeitungen", glaubt Wadbring. Im Herbst soll laut Wadbring die Analysephase für die geplante Abschaffung der allgemeinen Presseförderung in Schweden abgeschlossen sein. Es sei anzunehmen, dass die Zeitungen auf die Schlussfolgerungen der von der Regierung eingesetzten Arbeitsgruppe reagieren würden, noch bevor das entsprechende Gesetz 2017 beschlossen wird.

Einsparungsmaßnahmen

Bisher war es die - offensichtlich erfolgreiche - Strategie der Zeitungsherausgeber, Publikationen mithilfe von Einsparungsmaßnahmen bei Redaktionspersonal, Auflagen und Erscheinungsfrequenz am Laufen zu halten: In Südschweden etwa verloren in den vergangenen drei Jahren rund 250 Printjournalisten ihre Jobs - ein Rückgang um 40 Prozent (Studie: "Sydsvenska Dagbladet", Anm.).

Der Verband der Zeitungsherausgeber (Tidningsutgivarna - TU) errechnete auf Basis einer langfristigen Untersuchung des Printmarkts von 2004 bis 2014 einen Rückgang bei Tageszeitungsredakteuren von 25 Prozent. Im gleichen Zeitraum verschwand ein Drittel aller Lokalredaktionen. Mehrere Zeitungen reduzierten ihre Erscheinungsfrequenz, aber nur eine (in Eskilstuna) stellte vollständig von Tages- auf Wochenzeitung um.

Kostenpflichtige Digitalausgaben

Erst in jüngster Zeit machten zahlreiche skandinavische Tagesmedien ihre Digitalausgaben kostenpflichtig. Dies ist in Wadbrings Augen ein weiterer Grund, davon auszugehen, dass sich in nächster Zeit entscheiden wird, wie es mit dem Zeitungsmarkt in Schweden weitergehen wird. Zwar findet sie die in Medien gebrauchte Formel vom "Zeitungssterben" überspitzt, sie erwartet aber die Stilllegung von weiteren Tageszeitungen. Vor allem für die jeweils zweitgrößten Medien im Verbreitungsgebiet könnte es nach Wadbring eng werden. Auch das "Dagbladet" in Sundsvall war bisher die regional zweitgrößten Tageszeitung nach "Sundsvallstidningen".

TU-Analytiker Tobias Hedström sieht die Situation insgesamt optimistischer, aber doch ähnlich. "Es wird jetzt wohl schneller gehen", meinte Hedström im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung in Schweden. (APA, 13.3.2015)

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