Das große Fressen kommt noch

13. März 2015, 11:28
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Kabarett "Erlösung" von Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam

Wien - Selbst unter den besten Freunden gehört es ja irgendwie dazu, dem jeweils anderen immer ein bisschen etwas neidisch zu sein. Dass dieses gefühlte Faktum auch und gerade auf ehrgeizige Künstlerkollegen zutrifft, wollen die Kabarettisten Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam nicht nur nicht verschweigen, sondern auch dezidiert zeigen. Das gemeinsame Programm Erlösung hatte im Kabarett Niedermair nun Wien-Premiere.

Der Nürnberger Egersdörfer und der Wahlwiener Puntigam spielen sich darin gewissermaßen selbst. Eingangs ziehen Matthias und Martin solo übereinander her und arbeiten sich am eigenen und fremden Erfolg im Lästerton ab. Da belustigt sich der fränkische Grobian über den Dialekt des "Esterraichers", freilich ohne jeder Kritik am eigenen Idiom (" Kanzlerin Märgel"). Puntigam gibt den charmant-ausgefuchsten Wiener, der seinen Erfolg mit den Science-Busters mit Seitenhieben auf seine Kollegen herunterspielt: Der eine habe mittlerweile ein Haus in Niederösterreich, dürfe also nicht einmal mehr in der Stadt wohnen. Und der andere knie winselnd am Sterbebett der Sozialdemokratie. Schöne Aussichten also. Und so hängt von Beginn an der Bühnensegen schief.

Mit Austern zur Versöhnung

Das Programm im Programm beginnt das Duo dann mit einem Sketch-Klassiker: Als Flirt-Trainer versucht der schleimig-gutaussehende Puntigam dem Nürnberger Junggesellen seinen eher derben Zugang zu den Frauen auszutreiben. Vergeblich, denn schon bald verliert Matthias die Nerven und wirft das ganze Programm über den Haufen. Den restlichen Abend sieht man den Streithähnen dann beim Versöhnen zu. Und weil es der Österreicher beim Zwischenmenscheln gerne kulinarisch hat, serviert Puntigam dem selbsternannten Tierliebhaber Egersdörfer (Fische, Schnitzel, Rindsrouladen) ein feines Abendmahl. Bei Schampus und Austern wird es dann schnell stammtischphilosophisch: "Jeden Sonntag fresst ihr Katholiken ein Stück vom Heiland?" "Ja, aber der wächst ja wieder nach."

Revolution? Klar, aber wie?

Sind erst einmal die religiösen Fronten geklärt, geht der Deutsche dialektisch zum Kapitalismus über. Eine Revolution müsse her, "ist doch klar. Rübe ab!" "So einfach geht das nicht", laviert der Österreicher. Denn schon rein rechtlich sei sowas ja schwierig. Am Ende steht noch die Frage der Vergänglichkeit, über die sich Puntigam, der Familienmensch, mit genetischem Weiterwursteln hinwegtröstet. Egersdörfer, ganz allein in dieser Welt, sieht da nur noch einen Ausweg: mit Haut und Resthaar fressen lassen.

Das deutsch-österreichische Duo hat sich für sein erstes Antreten ein engagiertes Programm überlegt. Vom derben Spruch bis hin zur scharfen Kapitalismuskritik will man kaum ein Feld auslassen. Zwei Textlesungen sind als Persiflage auf den Literaturbetrieb zwar gut gemeint, aber schlicht zu lang. Die anfangs noch komischen Schimpftiraden Egersdörfers geraten gegen Ende zur unangenehmen Pose. Das geht auch zulasten Puntigams, der im zweiten Teil nur noch Nebendarsteller ist. Trotzdem hat sich hier ein stimmiges Duo gefunden, von dem man gerne noch mehr erwarten darf. (Stefan Weiss, derStandard.at, 13.3.2015)

13. und 14. März im Niedermair

  • Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam in ihrem gemeinsamen Programm "Erlösung".
    foto: erneste gelles

    Matthias Egersdörfer und Martin Puntigam in ihrem gemeinsamen Programm "Erlösung".

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