Paris Fashion Week: Neue Gesichter, alte Hasen und einige Dragqueens

13. März 2015, 12:42
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Paris ist die Endstation des Schauen-Marathons. Die am meisten erwartete Modeschau war jene von John Galliano für Maison Margiela. Aber auch einige junge Labels überraschten mit ihren Winterkollektionen

Barfüßig, mit nackten Brüsten und picassoesken Gesichtern schickte der französische Designer Jacquemus seine Models am ersten Tag der Fashion Week durch die leerstehenden Zimmer einer heruntergekommenen Pariser Altbauwohnung. Bekleidet mit Stoffbahnen, die wie von Kinderhand zusammengeschnittenen schienen. Mit einbeinigen Hosen und provisorisch zusammengeknoteten Kleidern. Eine Modeschau irgendwo zwischen Art brut und jugendlichem Leichtsinn. Und vermutlich der beste Beweis dafür, dass es in Paris noch Platz für kreative Experimente gibt. Wo sonst würde ein Designer, der nie eine Modeschule besucht hat und der sein Spiel des gekonnten Dilettantismus immer weiter auf die Spitze treibt, so viel Applaus bekommen? Im schicken Mailand oder kommerziellen New York sicher nicht.

fotos: maison margiela
Maison Margiela, Herbst/Winter 2015/16, Paris Fashion Week

Doch Paris gilt als kreativer Melting-Pot, hier empfängt man Amateure, Avantgarden und Exzentriker mit offenen Armen. So auch Modedesigner John Galliano. Seine erste Prêt-à-porter-Kollektion für Maison Margiela war die wohl am meisten erwartete Show der Fashion Week. Im Jänner hatte er mit der Haute-Couture-Kollektion bereits einen Vorgeschmack auf sein Comeback gegeben, doch nun sollte sich endgültig zeigen, was der Modeschöpfer, der 2011 wegen antisemitischer Äußerungen seinen Posten bei Christian Dior verlor, aus dem avantgardistischen Kultlabel machen würde. Was Galliano zeigte, lässt sich wohl am besten als skurril beschreiben. Eine Mischung aus exzentrischer Dragqueen und verrückter Hexe, die in gekrümmter Haltung, mit haarigen Fellboots, clownesquem Make-up, orangefarbenen Handschuhen und damenhaften Hüten über den Laufsteg irrt. Doch bei genauem Hinsehen waren die einzelnen Teile durchaus tragbar. Elegante, bodenlange Mäntel, Samtblazer und kurze Karoröcke kamen jedenfalls weniger konzeptuell daher, als man das von einem Label wie Margiela hätte erwarten können.

Kreativer Melting-Pot

fotos: reuters/charles platiau
Vanessa Seward, Herbst/Winter 2015/16, Paris Fashion Week

Offen zeigte sich Paris in dieser Saison auch für junge, aufstrebende Labels. Neu im Programm war zum Beispiel Each x Other, ein Label, das für die Verbindung zwischen Mode und Kunst steht - oder Vanessa Seward. Auch wenn der Name der Modewelt nicht ganz unbekannt ist. Ihre Capsule-Kollektionen für A.P.C. waren in den letzten Jahren so erfolgreich, dass sie nun zusammen mit Jean Touitou ein Label unter ihrem eigenen Namen gründete. Besonders erfreulich ist ihre Ankunft im Kalender der Modewoche, da sie sich mit ihrer Marke im mittleren Preissegment positioniert. Eine Ausrichtung, mit der auch andere Pariser Labels überaus erfolgreich sind.

Mit seiner cleveren Strategie, anspruchsvolles Design und relative Erschwinglichkeit unter einen Hut zu bringen, hatte Carven-Designer Guillaume Henry das ehemalige Couture-Haus in Höchstgeschwindigkeit zu einem Verkaufsschlager gemacht. Nachdem Henry das Label Ende letzten Jahres verließ, um in die Fußstapfen von Peter Copping bei Nina Ricci zu treten, stehen nun zwei relativ unbekannte Köpfe an der Spitze: Alexis Martial und Adrien Caillaudaud. Ein Designer-Duo, das sich aus seiner gemeinsamen Zeit bei Givenchy kennt. Und so trägt das Carven-Girl neuerdings nicht nur kurze Minikleider mit entlarvenden Cut-outs, sondern auch eng geschnittene Hosen bis zur Taille, hochgeschlossene Blusen und goldene XXL-Amuletts darüber.

Chanel in der Brasserie

fotos: apa/epa/ian langsdon
Chanel, Herbst/Winter 2015/16, Paris Fashion Week

Der Tag, an dem Chanel einmal Karl Lagerfeld ersetzen muss, scheint noch in weiter Ferne zu liegen, denn "le kaiser", wie ihn die Franzosen nennen, zeigt keine Müdigkeitserscheinungen. Ob er das Grand Palais nun in einen Papiergarten, einen Supermarkt oder wie dieses Mal in eine Pariser Brasserie verwandelt, seine Shows für Chanel sind die Highlights einer jeden Pariser Fashion Week. Und wie so oft wussten die Gäste auch diesmal nicht, wo sie zuerst hingucken sollten: auf die sagenhafte Restaurantkulisse, die Kellner, die im Hintergrund die Teller putzten, oder auf die Model-Freundinnen Cara Delevingne und Kendall Jenner, die sich nach ihrem Gang vor die Fotografen an der Theke amüsierten und sich von Lagefelds Muse Baptiste Giabiconi bedienen ließen. Und ganz nebenbei schickte der Meister auch noch knapp 100 überzeugende Entwürfe über den Laufsteg. Darunter sogar ein paar Männerlooks aus Tweed, die erstaunlich gut aussehen. Für die Frauen hatte er plusterige Blouson-Jacken, Bleistiftröcke in Holzfällerkaro, glitzernde Parkas und natürlich jede Menge Variationen des klassischen Tweed-Kostüms parat.

fotos: ap/francois mori, reuters/gonzalo fuentes, apa/epa/ian langsdon,
Louis Vuitton, Herbst/Winter 2015/16, Paris Fashion Week

Mit Dynamik präsentiert sich das Haus Louis Vuitton. Nicolas Ghesquière zeigt seine futuristische Seite bei der Glanzeffekte eine tragende Rolle spielen: Kombinationen aus Rippstrick mit organischen Säumen, Tank-Tops mit exakt-parallelen Straßen aus Strass und farbiger Animalprint. Ergänzend dazu spielt er mit fantasievollen Quallenmustern, der Dramatik von voluminösen Keulenärmeln und mit der kühnen Eleganz von Lederdetails: Lederriemchen halten sowohl einen haarigen Loop-Mantel im Zaum als auch einen zartgelben Doppelreiher mit markanten Lederpatten.

Der Einzige, der Innovationen offenbar nicht nötig hat, ist Hedi Slimane. Er ist mit seinem "Glam-Rock" derart erfolgreich, dass er gar nicht erst versucht, neue Wege zu gehen. Abgesehen von ein paar neu dazugekommenen kurzen Petticoat-Röcken war der Saint-Laurent-Look also wie gehabt: jung und sexy, gepaart mit einer guten Portion Rockstarattitüde. Aber spätestens als im Carreau du Temple das erste Model mit knappem Tüllrock und coolem Männerblazer über den Laufsteg kam, war klar: Auch diese Kollektion wird ein kommerzieller Hit. Denn gut aussehen tun seine Entwürfe allemal. Wie lange ein Erfolg allerdings mit dem immer gleichem Konzept bestehen kann, ist fraglich. Irgendwann wird wohl auch Hedi Slimane gezwungen sein, Experimente zu wagen - und Paris wird ihn dabei auf Händen tragen.

John Galliano ist wieder am Werk. Seinen Hang zur Theatralik lebt der Designer jetzt als Kreativchef bei Maison Margiela aus. Hier eines seiner Modelle.


Weitere Analysen der Paris Fashion Week sind hier zu finden:

Laufsteg, Teil 1: Goldene Gesichter und fransige Freuden

Laufsteg, Teil 2: Cocoonmäntel und Kinderzeichnungen

(Estelle Marandon, derstandard.at, 13.3.2015)

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