Der Mensch schreibt Erdgeschichte

12. März 2015, 19:08
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Wann begann das Anthropozän? Der Planet trägt unseren Stempel – strittig ist jedoch die Frage, wie lange schon

London/Wien - Im Jahr 2000 verhalfen der Atmosphärenforscher Paul J. Crutzen und der Ökologe Eugene Stoermer einem Begriff zu Popularität, der bis dahin nur wenigen Fachleuten geläufig war: Anthropozän. Mit diesem Kunstwort soll auf den Punkt gebracht werden, dass der Mensch mittlerweile derart tiefgreifende Veränderungen auf der Erde bewirkt, dass ein neues geologisches Zeitalter nach ihm zu benennen sei.

Und seitdem wird eifrig diskutiert, wann denn dieses Anthropozän angefangen habe. Häufig wird der Beginn des Industriezeitalters vor 200 Jahren als Zeitmarke genannt - nicht zuletzt in Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel.

Andere Wissenschafter gehen deutlich weiter in die Vergangenheit zurück, bis ans Ende der letzten Eiszeit. Immerhin steht der Mensch unter dringendem Tatverdacht, die Großtierfauna ganzer Kontinente ausgerottet zu haben, als er sich in die Neue Welt ausbreitete. Und Massenaussterbeereignisse begleiten stets den Übergang von einem Erdzeitalter zum nächsten.

Und danach war alles anders

Diese Woche sind zwei Studien erschienen, die der Diskussion neue Gesichtspunkte liefern - indem sie neue zeitliche Extremwerte errechnet haben. So nennen Forscher des University College London im Fachmagazin "Nature" das Jahr 1964, weil damals der radioaktive Fallout von Atomwaffentests einen weltweiten Höhepunkt erreicht habe.

Noch überzeugender als dieses eher symbolische Datum finden dieselben Autoren jedoch das Jahr 1610, das für die nicht mehr auflösbare Verschmelzung von Alter und Neuer Welt stehe. Damals lagerten sich nicht nur die ersten Pollen von aus Amerika importierten Maispflanzen in europäischen Sedimenten ab. 1610 war auch das atmosphärische Kohlendioxid auf einem historischen Tiefststand. Als Ursache nennen die Studienautoren um Simon Lewis den Zusammenbruch der Landwirtschaft und in der Folge die Wiederausdehnung von Wäldern in Lateinamerika, nachdem aus Europa eingeschleppte Krankheiten einen Großteil der amerikanischen Ureinwohner dahingerafft hatten.

Ein paar Millionen Cheops-Pyramiden

Die zweite Studie, erschienen in "Plos One", zeigt hingegen auf, dass nicht erst der Homo sapiens, sondern sogar schon dessen Vorläufer auf regionaler Ebene probten, was wir heute auf der globalen praktizieren. Forscher um Robert Foley von der Universität Cambridge bezeichnen das Hochplateau Messak Settafet in Libyen als erste dauerhaft von Menschen veränderte Landschaft der Welt. Eine mehrere 100.000 Jahre zurückreichende Besiedlungsgeschichte hat dort de facto eine geologische Schicht aus Steinwerkzeugen hinterlassen - im Schnitt 75 Artefakte pro Quadratmeter.

Und Foley setzt noch eins drauf, indem er aus dem archäologischen Befund ein herrlich sinnfreies, aber irgendwie doch beeindruckendes Zahlenspiel ableitet: Die lange Besiedlung Afrikas durch verschiedene Menschenarten muss auf dem Kontinent ein solches Volumen an Steinwerkzeugen hinterlassen haben, dass man daraus 42 bis 84 Millionen Cheops-Pyramiden bauen könnte.

Bei den Geologen der International Commission on Stratigraphy ist mittlerweile eine eigene Arbeitsgruppe damit beschäftigt, den Beginn des Anthropozäns offiziell festzulegen. 2016 dürfen wir mit einem Ergebnis rechnen. (Jürgen Doppler, DER STANDARD, 13.3.2015)

  • Seit 2,6 Millionen Jahren benutzen Menschen Steinwerkzeuge. Das summiert sich zu einem schwindelerregenden Gesamtvolumen.
    foto: robert foley / mirazón lahr

    Seit 2,6 Millionen Jahren benutzen Menschen Steinwerkzeuge. Das summiert sich zu einem schwindelerregenden Gesamtvolumen.

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