Morozov: "Daten sollten keine Ware, sondern öffentliches Gut sein"

Interview13. März 2015, 05:30
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Internetkritiker Evgeny Morozov warnt davor, Google immer weiter Daten horten zu lassen

STANDARD: Sie diskutieren am Sonntag im Burgtheater die Frage "Wie viel Transparenz braucht Demokratie?" Was meint der Internetkritiker? Ist Transparenz das Allheilmittel gegen die Politikverdrossenheit der Menschen?

Morozov: Wenn man vom pessimistischen Ansatz ausgeht, dass das politische System ziemlich kaputt ist, weil viele Entscheidungen von Geschäftsinteressen beeinflusst sind und die Eliten unter sich bleiben wollen, dann ist der Ruf nach Transparenz sehr wichtig. Da ist das Internet hilfreich.

STANDARD: Die Piraten setzen stark drauf und konnten ihren ursprünglichen Erfolg nicht halten.

Morozov: Sie hatten ja keine Agenda. Ursprünglich traten sie für eine Copyrightreform ein. Das ist schön, aber nicht mainstreamtauglich. Irgendwann fragen die Leute natürlich: Was denken die Piraten über die Finanzkrise, die europäische Integration? Darauf bekamen sie keine Antworten.

STANDARD: Viele Menschen nutzen Google oder Facebook ohnehin lieber, um sich das private Leben einfacher zu machen.

Morozov: Grundsätzlich bietet Google auch tollen Service an. Wir sitzen hier in einem Berliner Café. Das habe ich ins Smartphone eingetragen, schon zeigt mir Google, wo man parken kann und wie das Wetter ist. Das spart den Privatsekretär.

STANDARD: Das geht Ihnen nicht zu weit?

Morozov: Ich schaue, wie weit Google geht. Mein Problem ist: Ich will den Service nicht allein von einer Megafirma angeboten bekommen, die ihr Geld durch Werbung macht und intransparent ist. Google prahlte ja gerade damit, dass sie 3.000 Anfragen gehabt haben, weil jemand ihre Daten nutzen wollte.

STANDARD: Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat einmal laut nachgedacht, Google zu zerschlagen.

Morozov: Das ist doch nicht die Lösung. Wir sollten uns vielmehr darüber Gedanken machen, wer große Datenmengen besitzen darf. Ich finde, nicht eine einzige Firma, denn Daten sollten keine Ware, sondern öffentliches Gut sein, wie Wasser oder Luft. Ich wäre dafür sie in einer öffentlich zugänglichen Datenbank zu sammeln. Viele Menschen könnten sinnvolle Apps damit erschaffen.

STANDARD: Was wäre vorstellbar?

Morozov: Wenn ich in einem Haus wohne und jeden Tag den Bus an den gleichen Ort nehme, und es gibt in der Nachbarschaft weitere Personen, die das machen, aber nichts voneinander wissen, dann könnte eine App diesen Leuten vorschlagen, einen Minibus zu mieten, weil es bequemer ist.

STANDARD: Wer soll auf die Daten zugreifen können? Die Regierung?

Morozov: Nein, den Staat sollte man da raushalten. Das können kleine Firmen sein, natürlich auch Google. Ich will nur nicht, dass es alleine Google macht. Die machen uns sonst in fünf Jahren weis, dass wir so lange gratis atmen können, solange wir dabei Werbung ansehen. Ich möchte auch nicht in einer Welt leben, in der es heißt: Falls du keine Apple-Uhr trägst und deine Bewegungen nicht aufzeichnest, bist du ein schlechter Bürger. Das wollen dir die Firmen einreden: Dass du selbst für deine Gesundheit verantwortlich bist. Aber ich zahle ja Steuern - auch für ein Gesundheits- und Sozialsystem. Man kann nicht alles mittels Technik an den Einzelnen delegieren, so wie es diese Firmen gern hätten.

STANDARD: Die Technik erlaubt andererseits, mehr zu teilen. Man kauft kein Auto mehr, man macht Carsharing. Das ist doch positiv.

Morozov: Klar. Man braucht auch keine Hotels mehr, weil man ja sein Zimmer via Airbnb buchen kann. Der Preis dafür ist, dass man sich permanent bewerten lassen muss. Du musst also immer auf deine Reputation schauen, um zu entsprechen. Das ist anstrengend, und ich befürchte, dass in einer solchen Atmosphäre sich Menschen immer weniger trauen, revolutionäre Gedanken zu äußern und dass nur noch Reiche sich absolute Privatheit leisten können. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 13.3.2015)

Evgeny Morozov (29) stammt aus Weißrussland. Der Publizist und Internetkritiker studierte in Bulgarien, forschte an der Stanford-Universität und Harvard. Derzeit ist er Gast der American Academy in Berlin. Am Sonntag diskutiert er im Burgtheater.

burgtheater.at

  • Internetkritiker Evgeny Morozov.
    foto: arno burgi / dpa

    Internetkritiker Evgeny Morozov.

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