Das Leben als gehackte Leber

12. März 2015, 17:20
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Teresa Vittucci und Milan Loviska bei Imagetanz im Brut-Theater Konzerthaus

Wien - Sie verlässt ihr Stehpult und holt sich ihr Jausensackerl. Denn für Teresa Vittucci ist eine Lunchtime angebrochen, zu der das Festival Imagetanz sie in den Konzerthauskeller des Brut-Theaters eingeladen hat. Als Nachspeise dazu gab es Milan Loviskas Performance-Versprechen In the Cold Light of Darkness Something's Gonna Die a.k.a. Ugly Piece of Shit.

Während Teresa Vittucci ihre imposant aufgedonnerte Figur, bauchfrei in Pelz mit Silberperücke, noch "in the beginning there was light" donnern lässt, überspringt Loviska die Schöpfungsgeschichte.

Er stellt eine Kreatur der Finsternis vor, die das Publikum mit dem Gerät des Horrors kitzelt. Weihrauchgeruch, Düsternis, eine schemenhafte Gestalt, ein rotes Irrlichtchen. Sehr harter Sound von Jakub Królikowski, der das Schwarz im Raum nachdunkelt und die niedere Decke des Theaters noch etwas absenkt.

Für jenen Teil des Publikums, der nicht bereits durch die infernalische Katharsis ausgiebiger Horrorfilm-Genüsse gewatet ist, wird es drückend. Die Bühne verwandelt sich in das Hinterzimmer des Freud'schen Es, wo die Begierden, Triebe und Aggressionen wohnen, mithilfe deren wir uns selbst und gegenseitig das Leben schwermachen können. Da wird also eine Axt abgefeiert; aber das kennt jeder in Wien, wo man ja quasi mit dem Hackl im Kreuz zur Welt kommt.

Und aus Wiens möglicherweise - im übertragenen Sinn - meistgeküsstem Körperteil wird dann ein Scheit geboren. Und noch eins und so weiter, bis eine bockige Palisade dasteht, hinter der lasziv Loviskas Zunge zuckt - abgründig, geil, eine schwarze Messe. Am Ende ihres Lunchtime -Solos lässt auch Teresa Vittucci das Licht weg. Und hinter dem Zaun ihrer Zähne leuchtet es blau aus ihrem Mund. Als Slip trägt sie bunte Leuchtschlangen bis zu ihrem Abgang in einen höllisch pinken Nebel.

Von Gott entsandt

Davor hat die Frau als von Gott Mammon entsandter Erzengel der absoluten Banalität gewütet wie eine Schießbuden-Diva. Sie hat die Schöpfungsgeschichte ausgespuckt wie später ihr Jausensemmerl, hat den Zweck des Lebens beschworen - wie eine Überdosis. Der Zweck? "It's in your body. There is a liver."

Ja, das Leben gleicht einer Leber. Jeder Zweifel an dieser Erleuchtung wirkt wie eine Zirrhose. Teresa Vittucci trägt mit einem Humor vor, der erst einmal wirkt und Sinn macht, dann allerdings beim Tamponkauen zwischen zwei Songs ins Patzige überquillt. Ob Milan Loviska und Teresa Vittucci auch weniger vordergründig sein können, das muss sich noch zeigen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13.3.2015)

  • Teresa Vittucci: Es ist "Lunchtime", Baby!
    foto: moslam

    Teresa Vittucci: Es ist "Lunchtime", Baby!


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