69 Prozent sagen, dass man in Österreich ungerecht behandelt wird

13. März 2015, 09:01
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Umverteilungspläne treffen bei den Österreichern auf deutliches Verständnis. 27 Prozent klagen, die momentane Einkommenssteuer sei gänzlich ungerecht.

Im eigenen Lebensbereich ist es vielleicht halb so schlimm: 70 Prozent der 458 österreichischen Wahlberechtigten, die der STANDARD in der Vorwoche befragen ließ, erklärten, sie würden alles in allem gerecht behandelt - dieser Wert ist bei Frauen und Männern fast gleich, bei jüngeren Befragten etwas höher als bei Menschen über 50 - er streut aber erheblich nach der Bildung (und damit der beruflichen Stellung), sagt David Pfarrhofer vom Linzer Market-Institut: "Rund ein Drittel der Befragten ohne Matura fühlt sich ungerecht behandelt, bei den Menschen mit Matura oder Hochschulbildung ist es nur ein Viertel."

Unzufriedene Strache-Wähler

Und dieses Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, hat bedeutende politische Implikationen: "Ein subjektives Ungerechtigkeitsgefühl verspüren besonders die bekennenden Wähler der FPÖ und der Neos, aber auch beinahe jeder vierte Befragte ohne politische Bindung. Und diese unzufriedenen Ungebundenen sind natürlich ein beachtliches Wählerpotenzial für Heinz-Christian Strache, aber, wenn er geschickt agiert, auch für einen Herrn Strolz von den Neos", erläutert der Meinungsforscher.

Die 70 Prozent, die sich gerecht behandelt fühlen, sind im Zeitvergleich ein niedriger Wert - noch im Mai 2011, als der Standard erstmals das Gerechtigkeitsgefühl im Detail untersuchen ließ, meinten noch 82 Prozent, dass sie gerecht behandelt würden.

Gerechtigkeit nimmt ab

Und das wird auch von den Befragten selbst so wahrgenommen. Market fragte: "Wie sehen Sie da die Entwicklung im Zeitverlauf: Würden Sie sagen, die Gerechtigkeit in unserem Land nimmt eher zu, oder nimmt sie eher ab?" Darauf sagten nur 17 Prozent, die Gerechtigkeit nehme allgemein zu, 71 Prozent, sie nehme ab."

Noch allgemeiner: "Geht es in unserem Land alles in allem gerecht zu, also werden die Menschen alles in allem gerecht behandelt, oder ist das eher nicht der Fall?" Bei dieser Fragestellung kehren sich die Verhältnisse praktisch um: 69 Prozent (so viele wie in keiner der vier vergleichbaren Befragungen davor) sagten, die Menschen würden in unserem Land ungerecht behandelt, nur 27 Prozent glauben, dass die Menschen alles in allem gerecht behandelt würden.

Weiblicher Gerechtigkeitssinn

Auch diejenigen, die sich selbst als gerecht behandelt einstufen, sagen mit einer deutlichen Mehrheit, dass es allgemein eher ungerecht zuginge. Frauen haben - auch wenn sie selber nicht überdurchschnittlich oft die Erfahrung der Ungerechtigkeit machen - in viel höherem Maß als Männer den Eindruck, die Menschen würden ungerecht behandelt. Besonders viele Anhänger von ÖVP und Grünen (aber ganz wenige der FPÖ) glauben, dass die Menschen alles in allem ohnehin gerecht behandelt würden.

"Die Einschätzung der Gerechtigkeit kann man nicht losgelöst von der Verteilungsdiskussion sehen, die in Österreich derzeit rund um die Steuerreform geführt wird", sagt Pfarrhofer. Denn Market fragte auch - zum wiederholten Mal -, in welchen Lebensbereichen (und bei welchen Steuern) es mehr oder weniger gerecht zugeht. Noch im Februar 2012 sagten bloß 18 Prozent, die Lohn- und Einkommenssteuer sei "ganz ungerecht" - jetzt meinen das bereits 27 Prozent.

Ein anderes in der Grafik dargestelltes Beispiel: Vor drei Jahren sagten neun Prozent, die derzeitige (Nicht-)Besteuerung von Erbschaften sei sehr gerecht - dieser Wert ist auf fünf Prozent gesunken. Pfarrhofer: "Das würde ich aber nicht überinterpretieren. Vielen ist gerade wegen der Diskussion nicht bewusst, ob man da etwas zahlen muss oder nicht."

Demokratie okay, Politik nicht

Die Grafik zeigt auch ein hohes Vertrauen in die Demokratie (das Wahlrecht wird als besonders gerecht angesehen) und in die Verteilung von Bildungschancen (die als ähnlich gut wie im Sport gesehen werden) - bei gleichzeitigem Misstrauen in die Politik und die Regierung, die für Gerechtigkeit sorgen sollte.

Ganz weit unten auch der Ausgleich zwischen Arm und Reich. "Das ist ein ständiges Thema auch bei unseren Umfragen zum Jahreswechsel", erklärt Pfarrhofer. "Die Sorge, dass die Kluft zwischen armen und reichen Mitmenschen weiter aufgehen könnte, rangiert regelmäßig unter den Top-Themen, die die Leute an der Jahreswende nennen. Da herrscht dann großes Verständnis für eine Umverteilung." (Conrad Seidl, DER STANDARD, 13.3.2015)

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