Reindorfgasse: Vom Schmuddeleck zur Kreativszene

Reportage mit Video13. März 2015, 05:30
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In der Reindorfgasse im 15. Wiener Bezirk tut sich etwas: Seit einigen Jahren beleben Geschäftsideen junger Kreativer die ehemals leerstehenden Lokale

Wien - Ab und zu kommt noch ein Freier zur Tür herein, lässt seinen Blick durchs Lokal gleiten und fragt dann verwundert: "Wo sind denn die Frauen?"

Prostituierte gibt es im "Irrlicht" am Sparkassaplatz im 15. Bezirk in Wien keine mehr. Im vergangenen Jahr haben die Schauspieler Christina Berzaczy und Lino Kleingarn aus dem ehemaligen Puff "Melodie" eine Künstlerbar gemacht. Das Mobiliar des Bordells haben sie behalten.

derstandard.at/von usslar
Anrainerin Teresa Sturm und die Betreiber des Irrlichts erzählen im Video von ihrem Grätzel.

Heute sitzen hippe Studenten hinter einer Pole-Dance-Stange auf roten Lederbänken im schummrigen Licht und spielen Pubquiz.

Das Irrlicht ist nur ein Beispiel für eine Reihe von Initiativen von jungen Kreativen, die sich seit einigen Jahren rund um die Reindorfgasse in Rudolfsheim-Fünfhaus ansiedeln. Dabei galt der 15. lange Zeit als Problembezirk. Nirgendwo sonst in Wien verdienen die Bewohner so wenig (siehe Wissen), der Ausländeranteil ist hoch.

foto: standard/maria von usslar
Weniger Leerstand: Die Geschäfte in der Reindorfgasse werden mehr.

Günstige Mieten

Wie kam es dazu, dass nun aus einem Puff eine Künstlerbar wird und die ehemals leerstehenden Geschäfte wieder mit Leben erfüllt werden? Ein wichtiger Grund: Die Mietpreise im 15. Bezirk sind vergleichweise gering. Hier kostet ein Quadratmeter durchschnittlich 12,60 Euro. Im 7. Bezirk, wo die Kreativindustrie vor allem beheimatet ist, zahlt man 15,10 Euro. Dass sich im Grätzel so viel bewege, liege vor allem daran, "dass die Leute, die hier leben, etwas tun", sagt Kleingarn vom Irrlicht.

foto: der standard/maria von usslar
Vom ungarischen Fleischhauer bis zum türkischen Friseur: Die Reindorfgasse ist bunt.

Das bestätigt auch Markus Steinbichler, der für die Gebietsbetreuung in Rudolfsheim-Fünfhaus zuständig ist: "Es sind die richtigen Menschen zur richtigen Zeit." Die Gebietsbetreuung vernetzt Anrainer und Geschäftsbetreiber und sei in der Reindorfgasse auf "besonders fruchtbaren Boden" gestoßen. In Kooperation mit dem Einkaufstraßenverein ist die Initiative "Einfach 15" entstanden, die mit Mitteln der Wirtschaftsagentur Wien das Grätzel beleben will. Zudem gibt es eine Sanierungsoffensive im Stadtteil Reindorf. Insgesamt 24 Baublöcke sollen erneuert werden.

Gentrifizierung befürchtet

Bevölkerungsgeografin Yvonne Franz forscht derzeit für die Universität Wien zum Grätzel. Sie macht zwei Gruppen für die positive Stimmung verantwortlich: Die Stadt Wien schaffe mit Initiativen wie der Gebietsbetreuung den richtigen strukturellen Rahmen, dazu komme sehr viel persönliches Engagement. Etwa auch von Eduard Peregi, der das Gasthaus Quell in der Reindorfgasse betreibt und sich aktiv in die Belebung des Viertels einbringe.

Eine Gentrifizierung sieht Franz nicht, da das Bauchgefühl der Bewohner durchwegs positiv sei. Zudem gebe es viele Gemeindebauten und Genossenschaftswohnungen, was die Mieten nicht leicht steigen lässt. Gentrifizierung würde bedeuten, dass die alt eingesessenen, ärmeren Anrainer aus dem Bezirk von Wohlhabenden verdrängt werden.

foto: der standard/maria von usslar
Der Schwendermarkt am Ende der Reindorfgassse.

Genau das befürchtet Tamara Schwarzmayr von der Initiative "Samstag in der Stadt", die sich der Wiederbelebung des Schwendermarktes am Ende der Reindorfgasse angenommen hat. Die Initiative hat Hochbeete am Markt angelegt, ist auf der Suche nach neuen Standlern und veranstaltet Feste auf dem Platz rund um den Markt. Zudem bietet sie kostenlose Sozialberatung. "Man übersieht in der Euphorie, dass diese Veränderungen für viele die Vertreibung bedeuten", sagt Schwarzmayr. Die Blocksanierungen führten etwa zu höheren Mieten, die sich ärmeren Bewohner im 15. Bezirk nicht leisten könnten. (Lisa Kogelnik, DER STANDARD, 13.3.2015)

Bereits besuchte Grätzel:


In Rudolfsheim-Fünfhaus sind die Sozialdemokraten traditionell stark. Bei den Bezirksvertretungswahlen 2010 kam die SPÖ auf 44 Prozent, die FPÖ wählten 23 Prozent. Die Grünen lagen mit 19 Prozent auf dem dritten Platz. Die ÖVP wählten 9,7 Prozent der Bewohner.

Bei den Gemeinderatswahlen bekam die SPÖ ebenfalls 44 Prozent der Stimmen, die FPÖ wählten 26 Prozent. Die ÖVP schnitt mit 14 Prozent besser ab als auf Bezirksebene. Die Grünen kamen mit nur 13 Prozent auf Platz vier.

Der erste Bezirksvorsteher des 15. Bezirks war der KPÖ-Politiker Johann Klugmayer von 1945 bis 1946. Seither stellt die SPÖ dieses Amt. Seit 2008 steht Gerhard Zatlokal Rudolfsheim-Fünfhaus vor.

Der Bezirk ist der einkommensschwächste Wiens. Im Jahr 2012 lag das Nettoeinkommen bei 16.700 Euro, durchschnittlich verdienen die Wiener 21.000 Euro.

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